Kai Blasberg

Lange Gesichter - wenn Promiwerbung zur Farce wird

Montag, 23. September 2013
„Moritz Bleibtreu macht jetzt Werbung für McDonalds…“. So beginnt ein Lied des bislang unbekannten Gesangsduos Simon und Jan, das Furore im Internet feierte. Als ich das Plakat zu dieser Kampagne vor ein paar Wochen in Berlin zum ersten Mal sah, dachte ich, ah, Peta. Oder Food Watch. Oder Attac. Die erste Riege der jungen deutschen Schauspieler, die das vor zehn Jahren mal waren, richtet sich jetzt mutig gegen weltweit operierende Fresskonzerne. Alles sah so „anders“ aus. War es auch. Nur eben schlecht anders. Und leider ernst gemeint.

Denn Moritz Bleibtreu macht wirklich Werbung für McDonald´s. Und findet es super. Oder gar nicht schlimm. Oder… egal.

Weil er das ja selber gerne isst (Radio eins). Und auch kein Vorbild sein will (w&v). Weil er ja noch nie wählen war (Gala). Und überhaupt mache er das ja nur wegen Geld (Focus). Weil er nur Filme drehen will, die keine Sau interessieren (Interpretation des Verfassers).

In der Recherche zu dem Thema begegnen einem Äußerungen dieses begnadeten Akteurs, die man gerne zweimal liest. Und es schießt einem in den Kopf: „Hättest Du geschwiegen, Du wärest Philosoph geblieben.“

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Die Frage ist: Wie findet das wohl McDonald´s? Was ist das für ein Testimonial, das solche Satzbrühe absondert!

„Der Teufel scheißt grad einen großen Haufen auf den jungen hippen Schauspielerverein“

Mal abgesehen von der infantilen Machart dieser Reihe von Spots und Plakaten mit Christian Ulmen, Jürgen Vogel oder Alexandra Maria Lara, die erheblichen Zweifel an der Wirksamkeit dieser Kampagne aufkommen lassen muss: Was habe ich von einem überbezahlten Prominenten (die Branche spricht von bis zu 250.000 Euro pro Kopf), wenn der Genutzte sich dann derart ungeschickt von all dem distanziert, wofür er eigentlich eingekauft wurde? Wenn er, statt die Vorzüge seines Weichbrötchen-Gebers zu rühmen (er ist ja schließlich Darsteller), sich auf einen Egotrip ins Nirgendwo begibt, in dem es nur um Geld und dessen Vorteil für ihn selbst geht?

Ist es im Sinne der werbenden Firma, wenn sich die Botschaft so ins Feuer stellen lassen muss? Und Themen, die McDonald´s eigentlich überspielen will, erst recht nach vorne treten? Wobei: Was ist bei dieser Kampagne eigentlich die Botschaft?

Und bei Kampagnen mit Prominenten allgemein? Und wofür wirbt und warb Franz Beckenbauer? Wissen Sie genau, was Olli Kahn alles gut findet? Und Günther Netzer? Schon mal den Spot mit Uwe Seeler gesehen? Den mit den Klitschkos? Na? Erinnern sie sich an die belobigten Firmen, Waren und Dienstleistungen? Oder erinnern Sie sich nur an die Gesichter. Und deren Taschen, die sich füllen und füllen und den werbenden Anbieter mit seinen Problemen alleine lassen.

Ja, Testimonial-Werbung ist verführerisch. Man hofft. Man denkt. Man findet. Seitens der Marketingabteilungen und Agenturen. Schließlich lernt man den Star persönlich kennen. Und hat im Vorfeld sehr viele Attribute finden können, die einen als Wurstfabrik mit dem Torwart-Titanen verbinden.

Warum finden viele Werbende nur immer wieder Gefallen an derart zum Scheitern verurteilte Werbeversuche! Haben die eigenen Inhalte und Angebote so wenig Schönes, Gutes und Sinnvolles für die Verbraucher, dass sie solch vermeintliches Doping brauchen?

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Liebe Werber und Kreative: schlagt Euren Kunden mal ein Jahr lang Ideen ohne Promis vor. Die sollen Ihr Geld ruhig mit Ihrem Beruf verdienen. Müssen wir alle. Und erzählt mal wieder Geschichten über Eure Produkte. Lustige. Traurige. Nachdenklich machende. Rührende. Ich habe bei „merci, dass es Dich gibt“ immer Pipi in den Augen gehabt.

Als Privatfernsehmanager hab ich Stunden über Stunden von Euren Ideen in meinem Programm. Ich will, dass das schön ist, und nicht ständig nur Bohlen, Scholl, Boris und irgendeine Hollywood-Aktrice schlecht synchronisiert für irgendwas mit Haaren oder Gesicht.

Und eigentlich kann auch keiner wollen, dass das passiert, was sich laut Überlieferung vor einiger Zeit mit einem Dreijährigen zutrug:

Thomas Gottschalk im Fernsehen. Das Kind zeigt auf den Fernseher: „den kenn‘ ich“ jubiliert es.

„Ach, Du schaust gerne ‚Wetten dass‘?“

Ratloser Blick. „Neeeeeee … dem gehört Haribo.“

Kai Blasberg ist Geschäftsführer von Tele 5

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