Jan Böhmermanns "Wetten, dass..?"-Persiflage

Langeweile und Klamauk am Fließband - wie zu besten Gottschalk-Zeiten

Freitag, 14. Oktober 2016
Man wusste im Vorfeld nicht so recht, was man erwarten sollte: Würde Jan Böhmermann "Wetten, dass..?" rund zwei Jahre nach seinem viel zu spät gekommenen Ende wirklich neues Leben einhauchen? Oder ist das mit viel medialer Aufmerksamkeit bedachte Experiment doch nur Anlass für eine große Persiflage? Obwohl Deutschlands derzeit meist beachteter Satiriker im Vorfeld betonte, "keine Verarsche-Show" machen zu wollen, war das Ganze am Ende doch einfach nur eine arg klamaukige Parodie auf die guten, alten Gottschalk-Zeiten - und damit erstaunlich nah dran am Original.
Jan Böhmermann fühlte sich sichtlich wohl in der Rolle als "Wetten, dass..?"-Moderator
Jan Böhmermann fühlte sich sichtlich wohl in der Rolle als "Wetten, dass..?"-Moderator (© Screenshot ZDF)
Schon als Böhmermann das auf den ersten Blick kaum veränderte Setting des Studio König in Köln-Ehrenfeld betrat, wo sonst auch die regulären "Neo Magazin Royale"-Ausgaben aufgezeichnet werden, gab er mit seinem Outfit die Richtung vor: Mit purpurnem Sakko, Weste und Glitzerschuhen erinnerte der 35-Jährige an Thomas Gottschalk, der "Wetten, dass..?" zwischen 1987 und 1992 sowie zwischen 1994 und 2011 moderierte. Dabei waren seine gut gewählten Begrüßungsworte ("Ich wette, dass ich es in 90 Minuten schaffe, keine Staatskrise auszulösen") nur der Anfang: In der Folge trieb Böhmermann - was freilich auch der kurzen Sendezeit von 2x45 Minuten geschuldet war - das auf die Spitze, was Europas einst größte Unterhaltungsshow im TV charakterisierte: reichlich Promis auf dem Sofa, die in eiliger Fließband-Arbeit vom Showmaster abgefrühstückt werden, viel bejubelte Music-Acts und natürlich Wetten, die an Skurrilität kaum zu überbieten sind. So wettete gleich zu Beginn Bruno Dröse aus Geilenkirchen, dass er seine Frau Susanne mithilfe eines Baggers zum Orgasmus bringen könne - und bekam dafür über 60 Minuten Zeit. Während der Sendung schaltete Böhmermann zu Außenreporter Ralf Kabelka, der die Wette begleitete. Spätestens als der sichtlich nervöse Bruno ein auf dem Gelände parkendes Auto heftig demolierte, war dem Zuschauer klar, dass weder die Wetten noch die Kandidaten echt sind und auch  nicht auf übrig gebliebenen Bewerbungen beim ZDF basieren - sondern dass das alles einfach nur ein einziger großer Quatsch ist.

Während die für "Wetten, dass..?" fast schon obligatorische Bagger-Wette doch eher überzogener Klamauk als wirklich lustig war, gelang mit der Kinderwette ein nettes Stück politische Satire, als Tanja Haberkorn es schaffte, die Parteizugehörigkeit von deutschen Politikern an ihren Gesichtern zu erkennen - indem sie sie mit ihren Füßen ertastete. Höhepunkt war dabei der einzige Fehlversuch, als die 12-Jährige einen ehemaligen Bürgervorsteher der FDP fälschlicherweise der SPD zuordnete und bei der Auflösung verdutzt kommentierte: "FDP sagt mir gar nix."
Die Einschaltquoten im linearen TV
Die erste Folge der "Wetten, dass..?"-Hommage im "Neo Magazin Royale" auf ZDF Neo wollten am Donnerstagabend um 22:15 Uhr insgesamt 490.000 Menschen sehen, was einem Marktanteil von 2,3 Prozent entspricht. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen schnitt Böhmermann mit 3,5 Prozent MA leicht besser ab (280.000 Zuschauer).
Das Beste an der "Wetten, dass..?"-Persiflage war aber, mit wie viel Liebe zum Detail Böhmermann die Show inszenierte: Neben spitzfindigen Reminiszenzen an fliegende Blumensträuße für weibliche Stargäste à la Eva Padberg und gröhlenden Fans mit Pappschildern im Publikum ("Gute Politik, Jens!") stach vor allem die pompöse Kulisse beim musikalischen Auftritt von 90er-Eurodance-Star DJ Bobo heraus - Nebelmaschine, rotierende Propeller und natürlich brennende Tonnen inklusive.

Noch bevor der Startschuss für die dritte Wette gefallen war, war die erste von zwei "Wetten, dass..?"-Sendungen am Ende angelangt - und der Zuschauer irgendwie froh, dass die irrsinnige Aneinanderreihung von absurden Wetten, lahmen Sprüchen und Gästen, die eh nicht wirklich zu Wort kommen, fürs Erste vorüber war. Ganz so, wie in den letzten Jahren des Originals unter Thomas Gottschalk und Markus Lanz.

Und das war dann auch die eigentliche Leistung, die Böhmermann mit seiner vorab bewusst überverkauften Neuauflage des spießigen Showklassikers erbracht hat (und wahrscheinlich auch genau so erbringen wollte): zu zeigen, dass es "Wetten, dass..?" anno 2016 wirklich nicht mehr braucht. tt

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