Ins Abseits gedribbelt

Der "Spiegel" überhebt sich am Sommermärchen

Mittwoch, 21. Oktober 2015
In der "Spiegel"/'DFB-Affäre ist kein Ende in Sicht. Doch immer mehr verfestigt sich der Eindruck: Der „Spiegel“ hat sich im verzweifelten Eifer, wieder einmal Talk of the Week zu sein, im Dickicht des internationalen Fußballs gehörig verdribbelt.

Über kein anderes Thema wird seit vergangenem Wochenende so sehr kolportiert, recherchiert und diskutiert wie über die angebliche Verstrickung von namhaften Fußball-Größen in unsaubere Geschichten bei der Vergabe der Fußball-WM 2006. Die Reaktionen von Wolfgang Niersbach und anderen nach der Veröffentlichung werfen in der Tat kein allzu gutes Licht auf die Beteiligten beim so honorigen Deutschen Fußball-Bund. Bei näherer Betrachtung muss man aber genauso konstatieren: Auch der „Spiegel“ hat sich im verzweifelten Eifer, wieder einmal Talk of the Week zu sein, im Dickicht des internationalen Fußballs gehörig verdribbelt.


Schon das Cover mit Wolfgang Niersbach, Franz Beckenbauer und Robert Louis-Dreyfus und der zugkräftigen Headline „Das zerstörte Sommermärchen“ suggeriert, dass das Hamburger Nachrichtenmagazin den finalen Beweis erbringt, dass die WM-Vergabe an Deutschland mit millionenschweren Schmiergeldern erkauft wurde. Doch die Geschichte liefert lediglich einige in der Tat merkwürdige und aufklärungsbedürftige Indizien, aber keinen Beweis für Korruption beim DFB. So wird Meinung gemacht, aber keine Aufklärung betrieben.

Die Unschuldsvermutung ist eine der großen Errungenschaften der Aufklärung und bürgerlichen Gesellschaft und war bis dato Grundprinzip der journalistischen Arbeit beim „Spiegel“. Doch hier gilt auf einmal die Schuldvermutung. Oder, wie die Autoren selbst formulieren: „Juristisch gilt die Unschuldsvermutung, nach den Gesetzen der Logik fällt es schwer, etwas anderes als Schuld zu vermuten.“

Und genau das macht das Magazin dann auf zwölf langen Seiten. Es wird fabuliert, was die Indizien hergeben. Die Smoking Gun, der Beweis vom zerstörten Sommermärchen, wird nicht erbracht. So gesehen enthüllt der Artikel vor allen Dingen den Wunsch, eine Enthüllungsgeschichte zu liefern. Das kann man angesichts der Besserwisser, die an jeder Internet-Ecke auftauchen, verstehen.

Wie sehr man sich mit der Geschichte verhoben hat, zeigt sich aber auch daran, dass Erzrivale „Focus“ in Gestalt von Herausgeber Helmut Markwort sich den Konkurrenten aus Hamburg lässig zur Brust nehmen kann.

Im Interview in Focus.de sagt „Fakten, Fakten, Fakten“-Markwort: „Nein, so ein Stück hätte ich nicht veröffentlicht.“ Der „Spiegel“ versuche vergeblich, mit einer dünnen Geschichte die Erinnerung an ein „wunderbares Fußballfest“ kaputtzuschreiben. Markwort  weiter: „Nach dem Start der ersten Rakete hätte der „Spiegel“ längst weitere Zündstufen aktivieren müssen. Das blieb aus, und ich bin gespannt, was die Kollegen im neuen Heft bieten. Bisher sind wir allenfalls Zeugen eines journalistischen Offenbarungseids geworden.“

Interessant wird in der Tat zu beobachten sein, mit und ob in der kommenden Ausgabe stichhaltigere Beweise vorlegen wird - ansonsten bekommen die Hamburger ein existenzielles Markenproblem, wie Dirk Popp richtig bemerkt hat: Dauerhaft lässt sich keine Printmarke mit Storys wiederbeleben, von denen man nicht weiß, ob sie das Zeug zur Luftnummer oder zum Henri-Nannen-Preis haben.




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