Google News Initiative

Wie Google die Zukunft des Journalismus finanziert

Freitag, 22. Juli 2016
Die Google Digital News Initiative (DNI) fördert innovative journalistische Projekte. Darunter ist auch das Hamburger Unternehmen Datenfreunde, das mit xMinutes den Vertrieb und die Auslieferung von News im Zeitalter von Sensoren, Smartphones und Smart Homes neu erfinden möchten. In einem Gastbeitrag für HORIZONT erläutert Marco Maas, Gründer und Inhaber der Datenfreunde, den Weg zur Förderung und ihre Bedingungen.

Die richtige Nachricht zur richtigen Zeit am richtigen Ort auszuspielen – das ist eine Herausforderung, vor der jedes Medium im Zeitalter der Digitalisierung steht. Denn auch, wenn Facebook und Twitter Nähe zum User suggerieren, erreichen sie die Follower und Fans nicht in dem Moment, in dem sie die News wollen. Sondern dann, wenn die Redaktionen denken, dass sie die Infos wollen könnten. Mit xMinutes wollen wir dieses Problem lösen und bekommen bei der Entwicklung des Projekts finanzielle Unterstützung von der Google Digital News Initiative (DNI).

Förderung ohne Ausverkauf

Die Grundidee der DNI ist es, Projekte zu fördern, die die Infrastruktur für die Zukunft des Journalismus schaffen und Innovationen anschieben. Bei unserem Projekt ist es eine größere sechsstellige Summe, mit der wir über zwei Jahre hinweg unterstützt werden.

Mit der Förderung durch die Digital News Initiative befinden sich die Datenfreunde in einer hervorragenden Ausgangslage: Wir dürfen jetzt zwei Jahre an unserem Produkt entwickeln und unsere Idee realisieren - und auch die Ursprungsidee iterieren. Dafür verlangt Google keinerlei Intellectual Properties, keine Firmenanteile, keinen Einsatz von Google-Produkten. Die Förderung ist ein reiner Grant. Einen Teil gibt es zu Beginn des Projektes, nach Erreichen von Milestones werden weitere Teile ausgezahlt.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil wir bereits Erfahrungen mit anderen Förderprogrammen gemacht haben, bei denen es viele Formalien, starre Vorgaben, Projektpläne usw. gibt, an die man sich halten muss. Das alles ist bei der DNI flexibler. Allerdings werden wir uns nicht komplett von Förderungen abhängig machen. Zum einen sieht die Förderung vor, dass wir im Verhältnis von 70 zu 30 auch einen Eigenanteil zum Projekt beisteuern.

Zum anderen ist es unser Ziel, mit xMinutes nach den zwei Jahren so weit in der Entwicklung zu sein, dass wir ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Dafür haben wir unsere Kosten konservativ kalkuliert und zahlen uns auch keine exorbitanten Gehälter. Das Produkt muss sich selbstverständlich tragen, sonst ist es betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll. Und wenn es gut wird, ist es eine Lösung, an der die Medienunternehmen partizipieren können – ohne große Eigenkosten zu haben. Wir befinden uns in fortgeschrittenen Gesprächen mit großen Inhalte-Anbietern auf dem deutschsprachigen Markt, so dass die 70/30-Förderung sehr realistisch scheint.

Der Pitch: 130 aus 1200

Aber wie kommt man nun an den Fördertopf aus dem Silicon Valley? Zunächst einmal mit Text, denn die erste Phase des Pitches lief schriftlich: Wir haben mehrere Wochen mit dem Team am Antrag gearbeitet, und tatsächlich haben wir uns dafür sehr intensiv selbst hinterfragt und unsere Projektideen geschärft. Eine zentrale Frage war: Wie können wir aus den vielen Ideen, die für die Digital News Initiative geeignet wären, herausstechen? Denn alleine in unserer Heimat Hamburg gibt es zahlreiche digitale Startups mit innovativen Ideen, wie der Webfuture Award und andere Gründerwettbewerbe jedes Jahr aufs Neue zeigen.

Daher fokussierten wir uns mit xMinutes auf die Idee, journalistische Inhalte in den Alltag der Nutzer einzubetten, ohne ihn zu stören. Dafür nutzen wir zunächst die Sensoren von Smartphones – und später auch von Smart Homes –, um zu erkennen, was der Nutzer gerade macht und wo er sich aufhält. Dafür müssen wir einerseits verstehen, wie wir Sensoren aus Smartphones dafür nutzen können. Andererseits bearbeiten wir mit dem Projekt eine semantische Baustelle: Wir entwickeln Algorithmen, die Texte ansatzweise verstehen und wichtige Schlagworte aus einem Text extrahieren: Wie lang ist der Artikel, wie lang ist die Lesezeit der Nutzer allgemein und speziell bei diesem einen Artikel, welches Medium berichtet? Und: Wie bringe ich diese ganzen Informationen am Ende zusammen? Schließlich geht es darum, journalistische Inhalte individuell und passend zu den Vorlieben und Gelegenheiten der Nutzer auszuliefern. Das alles stellten wir also in unserem Konzeptpapier vor. 

Knapp einen Monat nach dem Einreichen hat uns das DNI-Team zu einem Hangout eingeladen, bei dem wir die Gelegenheit hatten, unsere Produktidee Face-to-Face vorzustellen. Das war ein echter Prüfstein mit vielen kritischen Fragen, aber ohne Pitchdeck. Anschließend ging der Antrag zur finalen Abstimmung an ein Gremium, das zu einem kleinen Teil aus Google-Mitarbeitern und zum weitaus größeren aus Verlagsleuten besteht und die dann die finale Entscheidung getroffen haben. Ende Februar gab es dann die Förderzusage, anschließend die Vertragsverhandlungen und im Juni waren alle Papiere unterzeichnet.

Wie wir im Nachhinein erfuhren, gab es in der ersten Runde rund 1200 Anträge, von denen ungefähr 130 angenommen wurden: bis 50.000 Euro, bis 300.000 Euro und bis zu einer Million, wobei man bei den beiden größeren Paketen einen Eigenanteil beisteuern muss. Insgesamt stecken 150 Millionen Euro im Google-Fördertopf. Das entspricht zwar nur 0,00025 Prozent des Jahresgewinns von Google aus dem Jahr 2014. Aber immerhin: Es ist eine stolze Summe, die europaweit für gute Medienprojekte zur Verfügung steht und das größte Förderprogramm für Medien, dass es in Europa jemals gab. 

Win-Win – auch für Google

Auch wenn Google mit der Förderung keine Bedingungen verknüpft, profitiert das Unternehmen dennoch von den Projekten. Wir sehen gerade, dass sich eigentlich offene Strukturen im Web mehr und mehr schließen: Inhalte sind nicht mehr frei im Netz, sondern werden über Facebook, WhatsApp oder andere Plattformen ausgeliefert; dieses Prinzip der Homeless Media ist gerade für junge User eine wichtige Nachrichtenquelle, wie jüngst auch eine Umfrage im Auftrag von nextMedia.Hamburg zeigte. Dabei ist das freie Internet das Kernelement, mit dem Google Geld verdient. Wenn das Netz immer ge- und verschlossener wird, dann verschwinden tendenziell auch die Werbeflächen für Google.

Das zweite ist, dass die Leute im Internet ja finden müssen, was sie für relevant halten. Wenn aber im Internet immer weniger offene Inhalte zu finden sind, würde auch hier Google ein bisschen der Boden unter den Füßen weggezogen. Wir reden hier allerdings über einige Jahre, also nicht über ein akutes, aber doch ein strategisches Problem für Google.

Das Unternehmen macht sich sicher viele Gedanken darüber, wie sein Geschäftsmodell in Zukunft funktionieren kann. Und ein freies Netz mit attraktiven Inhalten, die einfach und barrierefrei gefunden werden können - z. B. journalistische Inhalte - ist ein Baustein in diesem Modell. Auch Google kann von einem freien Netz nur profitieren.




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