Gabor Steingart

Die Lust des "Handelsblatt"-Chefs am Streit

Mittwoch, 20. August 2014
Gabor Steingart ist einer der bekanntesten und meinungsfreudigsten Journalisten des Landes. Seit zwei Wochen nimmt er sich in seinem Newsletter "Morning Briefing" gerne die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zur Brust.
Gabor Steingart -HORIZONT-Medienmann des Jahres 2013 - streitet gerne. Das ist bekannt. Und das ist gut so. Sein Newsletter "Morning Briefing" ist deshalb lesenswert und aufschlussreich, weil der "Handelsblatt"-Chef hier nicht die Meldungen und Geschichten, die in der Düsseldorfer Wirtschaftszeitung zu finden sind, einfach nur wiederkäut. Steingart macht Meinung und besetzt Themen. Und das kann Verbalattacken gegen die Konkurrenz einschließen.

Nun also die "FAZ". Und man fragt sich: Zufall oder Absicht? Die Zeitung hat mit dem Tod von Herausgeber Frank Schirrmacher fraglos seinen intellektuellen Kopf verloren. Das Feuilleton schwankt zwischen Versuchen, Schirrmachers geniale Fähigkeit, Themen zu besetzen, zu imitieren und klassischem Rezensions-Journalismus alter Schule: Es scheint sich die alte Schule durchzusetzen, auch im Politikteil, wie manche Beobachter derzeit konstatieren. Zur Erinnerung: Frank Schirrmacher hatte seinerzeit ZDF-Anchorman Claus Kleber massiv für dessen Kritik am Russland-Besuch von Siemens-Chef Joe Kaeser gerügt. Die von Steingart kritisierten "FAZ"-Beiträge gehen nun aber in eine ganz andere politische Richtung.

Dass es Steingart um eine notwendige inhaltliche Auseinandersetzung geht, kann man nicht bestreiten. Aufgrund der Konkurrenzsituation zwischen "Handelsblatt" und "FAZ" wirken die Verbalattacken dennoch so, als wolle ein gut aufgelegter und trainierter Boxer den schwächelnden, weil stragie- und zahnlosen Champion, ein paar gehörige Veilchen verpassen.

Steingart und sein Team haben es geschafft, die Auflage des "Handelsblatt" nach Verlusten zwischen 2010 und Anfang 2013 in den vergangenen Quartalen bemerkenswert stabil zu halten (gilt nur, wenn man Print und E-Paper-Varianten zählt, deshalb Korrektur, 24. August) auch in den vergangenen Quartalen weiter an Auflage verloren, zumindest wenn man von Print only spricht. Steingart hat viele, viele Ideen bei digitalen Neuentwicklungen. Er verfolgt eine ungewöhnliche Personalpolitik bei der Besetzung von Spitzenpositionen - jüngst etwa die Benennung des Markenspezialisten und Werbers Frank Dopheide in die Geschäfsführung der Gruppe.

Ganz anders dagegen die Situation beim Erzrivalen aus Frankfurt. In einem HORIZONT-Interview hatte "FAZ"-Geschäftsführer Thomas Lindner Ende Mai zu Protokoll gegeben, wo bei der Zeitung mit den klugen Köpfen der Schuh drückt. Man hat den Eindruck, es schmerzt nicht nur an einer Stelle. Der ganze Fuß droht, lahm zu werden. Lindner Ende Mai in HORIZONT: "Offen gesagt befinden wir uns gerade in einer schwierigen Situation." Die "FAZ" sei ein Unternehmen, das im "operativen Geschäft bereits seit einigen Jahren Geld verliert. Das ist kein Zustand, den wir akzeptieren können."

Die Sticheleien aus Düsseldorf werden die Laune am Main nicht verbessern. Auf die erste Steingart-Attacke hatte die "FAZ" noch mit einem langen Artikel im Feuilleton reagiert. Tenor: "Wer so fahrlässig mit dem Vorwurf der Kriegstreiberei umgeht wie Steingart, schreibt sich selbst, vornehm ausgedrückt, zu einem Risikoträger des journalistischen Handwerks hoch." Auf die jüngste Stichelei will man in der Hellerhofstraße nicht reagieren. Stattdessen kooperiert man nun bei der Anzeigenvermarktung lieber mit der "SZ" - eine Strategie, die vor Jahren noch undenkbar gewesen wäre.

Weder die FAZ/SZ-Kooperation noch die Lust auf Diskurs aus Düsseldorf dürften übrigens helfen, die im vergangenen Jahr groß angekündigte Quality Alliance von "Handelsblatt", "FAZ", "Zeit" und "Süddeutsche Zeitung" zu beflügeln. vs



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