G+J / Stan Sugarman

Ist die Zeit der Vermarktungs-Rampensäue vorbei?

Mittwoch, 23. September 2015
Die Meldung schlug am Dienstag in der Medienwelt ein wie eine Bombe: Gruner + Jahr-Vermarktungschef Stan Sugarman verlässt das Haus, nach 15 Jahren. Dafür gibt es wohl Gründe, die bei ihm liegen und auch im Verlag, HORIZONT Online hatte sie versucht zu skizzieren. Nun der Blick nach vorn: Was heißt das alles für G+J – und darüber hinaus?
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Braucht ein Großverlag – ein solcher ist G+J ja immer noch, trotz aller Desinvestionen der vergangenen Monate  –, der die Hälfte seiner Umsätze durch den Verkauf von Werbung erzielt, nicht einen Vermarktungskopf an der Spitze, eine "Frontsau", wie jemand aus dem Verlag formuliert? Einen, der erkennbar und messbar und profilbildend für das Haus steht und streitet, mit Kunden, Agenturen und anderen Problemfällen? Funktioniert das mit einem Konstrukt, bestehend aus G+J-Produktchef Stephan Schäfer (der noch 1000 andere Themen auf dem Tisch hat) und dem bisherigen Geschäftsleitungstrio der Vermarktung (Frank Vogel, Elke Rieck, Marko Kuck), einer gut funktionierenden Mischung aus smarter Konzeptkraft, Sales-Energie und Zahlenakribie? Entsteht da zwischen Schäfer und dem operativen Trio nicht ein Vakuum, in dem wichtige Fragen unbeantwortet, gar ungestellt bleiben?


Manch einer denkt so, im Haus und auch im Markt, bei Agenturkunden und Konkurrenten. Sie glauben, die präsentierte Nachfolgelösung sei eher vorübergehend – bis ein neuer Mann (oder Frau) der Marke Alphatier gefunden ist. Oder bis Bertelsmann die Vermarktungen seiner Medientöchter G+J und RTL-Gruppe unter eine Führung stellt. Schließlich sollen beide stärker und koordinierter zusammenarbeiten. Zwar hatten die Gütersloher eine Zusammenlegung der Vermarktungen kürzlich ausgeschlossen – aber das muss ja nicht für die Spitze gelten. Wer weiß, vielleicht handelt Bertelsmann die ganz großen Werbedeals künftig ja zentral aus – und dafür reichte allein ein Chef. Zwei selbstbewusste Köpfe wären hier sogar einer zu viel.

Verlagskenner, ebenfalls im Haus und auch im Markt, bei Agenturkunden und Konkurrenten, verweisen diese Lesarten allerdings ins Reich der Fabeln. Erstens, weil G+J E/MS und RTL/IP noch ganz lange nicht so weit seien, dass da irgendwas zusammengeführt werden könnte, und sei es "nur" die Spitze. Zweitens, weil, wenn es diese Pläne denn gäbe, es Sugarmans Naturell gewesen wäre, darum zu kämpfen, dass er diese Führung übernehme – anstatt antizipierend das Handtuch zu werfen. "Das wäre die Perspektive gewesen, die er bei G+J zuletzt vermisst hat", sagt einer, der mit der Situation vertraut ist. Und drittens, weil Vogel, Rieck und Kuck in den vergangenen Monaten und Jahren stark in ihre Funktionen hineingewachsen seien und das Format hätten, hier weiter zu wachsen. Denn auch Große hätten mal kleiner angefangen.

Überhaupt: Vielleicht ist die Zeit der solistischen Vermarktungs-Rampensäue ja vorbei, räsonieren manche, nicht ohne einen Hauch von Wehmut in der Stimme. Vielleicht sind in einer Zeit, in der Zahlen wohl schon stärker zählen als People-Business, Präsentationsshows und Dom Pérignon beim Dinner und in der Werbeverkauf immer mehr automatisiert (statt fast automatisch auf dem Golfplatz) stattfindet – vielleicht sind da gut funktionierende führende Zahnräder im Vermarktungsgetriebe ja wichtiger als der große Zampano auf der Motorhaube. Auch bei Deutschlands größtem Print-Vermarkter Media Impact (MI) wird es ja wohl bald nicht nur einen geben. Und Christian Nienhaus, der derzeitige Axel-Springer-Vertreter im MI-Joint Venture (Minderheitspartner: Funke), ist ganz nebenbei sogar noch Vertriebschef des Verlags. Ein paar Umsatzetagen tiefer: Brand Media, die bald ehemalige Gemeinschaftsfirma von Jahreszeiten Verlag und der Medweth-Gruppe. Auch hier geht die Chefin, und es übernimmt die zweite Reihe, die dann direkt an den Verlagsvorstand berichtet. Und es bleibt spannend, ob bald auch noch andere Häuser ihre Vermarktungsspitzen umbauen. rp



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