"Frankfurter Allgemeine Quarterly" im HORIZONT-Check

Ein echtes Brett

Donnerstag, 17. November 2016
Seit heute liegt der neueste Ableger der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am Kiosk: "Frankfurter Allgemeine Quarterly". Das Magazin ist ein echtes Brett, in jeder Hinsicht: 200 Seiten dick, auf schwerem Papier gedruckt und pickepackevoll mit gutem, anspruchsvollem Lesestoff. Und ein selbstbewusstes Statement der "FAZ": Wir können nicht nur seriösen Journalismus, sondern auch schöne Magazine machen.

Schon die äußere Erscheinung von "Quarterly" schindet Eindruck: Das Magazin liegt schwer in der Hand. Der gelackte Umschlag, das matte Papier und die Klebebindung signalisieren den hohen gestalterischen Anspruch auch nach außen. Durch das kompakte Format wirkt "FAQ" angesichts seines Umfangs fast ein wenig pummelig. Das gemeinsam mit der Londoner Agentur Winkreative des renommierten Magazinmachers Tyler Brulé entwickelte Layout erinnert an hochwertige Indiemagazine wie "Monocle" oder "Vice". Die Bildsprache ist ambitioniert, das Layout aber teilweise ein wenig kleinteilig.

Inhaltlich gliedert sich das Magazin in vier Teile: Den Anfang machen, passend zum Titel FAQs, "Häufig gestellte Fragen": "Was kommt nach Putin?", "Wen bedroht künstliche Intelligenz?", "Wie politisch sind krause Haare?" Stararchitekt Rem Koolhaas beantwortet im Interview die Frage, warum die Zukunft auf dem Land liegt, der Skandalautor Bret Easton Ellis ("American Psycho"), was man gegen den "Like"-Mob in den sozialen Medien tun kann. Ein wenig vermisst man den roten Faden – letztlich kann man jedes Thema auch in eine Frage verpacken. Die Texte über Naturschutz in Afrika  oder die Macht von Großkonzernen und Fondgesellschaften sind eher zeitlos schön als aktuell.

Inhaltlich stringenter ist der zweite Teil, der sich jeweils einem Schwerpunktthema widmet. In der Erstausgabe von "FAZ Quarterly" steht der "Kampf um das Morgen" im Mittelpunkt. Es geht um die Technologien von  morgen, um "Die Rückkehr der Utopie", Frauen im Silicon Valley und digitale Pioniere. Auch optisch sticht "Das Thema" durch seinen blauen Fond heraus.

Die erste Ausgabe von "Frankfurter Allgemeine Quarterly"
© FAZ
Die erste Ausgabe von "Frankfurter Allgemeine Quarterly"
Im dritten Teil "Materialien – Stoff für die Gegenwart" werden die Themen und das Layout leichter: Menschen, die in offenen Beziehungen leben, erzählen, warum sie sich nicht auf einen Partner beschränken, junge Menschen aus Ghana, warum sie aus Europa wieder in ihre Heimat zurückkehren und die Vertreter der Generation X, warum sie keine Lust mehr auf Arbeit in großen Konzernen haben. Erfolgsautor Sven Regener berichtet über die Arbeit eines Schädlingsbekämpfers und Michel Houellebecq sinniert im Interview über alte Religionen, den IS und Frauen über 40. Der vierte Teil "Was kommt" ist wiederum der Zukunft zugewandt. Es geht um Trendthemen wie die Zukunft der Mode, Design, Ernährung oder neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft, aber auch angesagte Reiseziele.

"FAZ Quarterly": Blick ins Heft


Die Struktur ohne klassische thematische Ressorts hat aber auch ihre Tücken. Die Zuordnung der Texte in das jeweilige Ressort wirkt mitunter ein wenig zufällig. Dem Lesevergnügen tut das indes keinen Abbruch: "FAZ Quarterly" ist ein journalistisches Füllhorn. Der selbst formulierte Anspruch: Man will sich mit den "spannendsten Köpfen und Themen unserer Zeit" auseinandersetzen. Am Kiosk könnte die etwas unklare thematische Ausrichtung indes ein Manko sein.

Die Druckauflage in Höhe von rund 75.000 Exemplaren wirkt angesichts des hohen Anspruchs und des Preises von 10 Euro ambitioniert. Auf der anderen Seite erleben gerade hochwertige Magazine, die auf Entschleunigung und Lesevergnügen abzielen, eine Renaissance. Die Chance, dass sich "FAZ Quarterly" bei den Stammlesern der "FAZ" einen festen Platz auf dem Coffee Table erobert, dürfte also nicht schlecht stehen. dh




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