DuMont in Berlin

Alles muss raus

Freitag, 28. Oktober 2016
Die Entscheidungen, die das Management von DuMont - von Verlegern spreche ich an dieser Stelle ausdrücklich nicht – gestern verkündet hat, sind genau so erwartet worden. Das macht allerdings nichts besser.

Hinter einem schrecklich verquasten Technokraten-Sprech von Disruption und Content und Echtzeitanalyse und Storytelling und Nutzerorientierung versucht ein ehemals stolzes Verlagshaus diese Botschaft zu verstecken: DuMont setzt die  Redakteure von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ auf die Straße. Alle. Ohne Ausnahme. Wer danach noch Lust hat, für seine Zeitung zu arbeiten, kann sich bei einer neuen Firma bewerben, die künftig die Titel produziert. Dass da nicht für alle Platz ist, längst nicht für alle, dafür wird man wird ja wohl Verständnis haben.



Ja, in Zeiten der Zeitungskrise wird man Verständnis haben für neue Newsroom-Konzepte, für neue Arbeitsweisen, für neue Strategien. Und dafür, dass Zeitungen unter massivem Kostendruck stehen, dass Arbeitsplätze nicht sakrosankt sind – nicht bei den Verlagsangestellten, auch nicht in den Redaktionen.

Wenn es so ist, möge man in die Verlage und in die Redaktionen gehen und den Mitarbeitern die Wahrheit sagen. Als Verleger. Oder wenigstens als aufrichtige Manager. Nicht als Winkeladvokaten. Nicht als Sektenprediger. Also nicht wie DuMont.


Der Weg, den Christoph Bauer und seine Vertrauten einschlagen, ist juristisch risikobehaftet, vorsichtig gesagt. Neben der juristischen gibt es andere Dimensionen, unternehmerisches Handeln zu beurteilen. Reden wir nicht gleich von Moral, reden wir von: Anstand. Das Vorgehen von DuMont ist aus anderen Branchen bekannt. Geschäftsaufgabe, alles muss raus, Ramschverkauf – und an der nächsten Ecke eröffnen wir die nächste Bude. Teppichhändler machen das so, halbseidene wohlgemerkt. Die, die es tun, finden das trickreich. Es ist aber: unanständig.

Dass Chefredakteure diese Art des Umgangs mit Journalisten mittragen, dass sie sich an die Spitze des vermeintlichen Fortschritts stellen, das ist: enttäuschend. Dass ein besonders erfahrener ehemaliger Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, heute Aufsichtsrat bei DuMont, das Ganze als alternativlos preist, ist: erbärmlich. Hätte er in seinem Blatt ein Unternehmertum à la DuMont jemals gutgeheißen? Werden die neuen Chefredakteure demnächst begeisterte Leitartikel schreiben, wenn andere Berliner Unternehmen mit ihren Arbeitnehmern so umspringen wie sie selbst es tun?

Man kann mir entgegenhalten, ich sei in meinem Urteil über die schöne neue Berliner Newsroom-Welt befangen - als ehemaliger Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, erst recht als rausgeschmissener Chefredakteur der „Berliner Zeitung“. Aber nein. Erstens ist das lange her. Und zweitens: Alfred Neven DuMont hatte keine Skrupel, sich von Chefredakteuren, Geschäftsführern oder Verlagsleitern zu trennen, wenn er ihrer überdrüssig war. Seine Redaktionen aber hätte er niemals auf die Straße gesetzt. Weil er ihre Arbeit schätzte.         

  

 

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