Dirk Popp

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Tagesschau Die Aufsager vom Dienst

Donnerstag, 12. Februar 2015
Die "Tagesschau" hat derzeit mit massivem Gegenwind zu kämpfen. Fehler bei der Berichterstattung, Fettnäpfchen und der Vorwurf, das Flaggschiff vernachlässige die Recherche und beleuchte die Hintergründe nicht, nagen am Image des ARD-Flaggschiffs. Aus Sicht von Dirk Popp, CEO von Ketchum Pleon Germany, muss Tagesschauboss Kai Gniffke seinen Worten endlich Taten folgen lassen.
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Der Gedanke ist eher philosophisch und die Frage rhetorischer Natur: Gibt es absolute Objektivität, die eine Wahrheit? Wohl kaum. Erst recht nicht, wenn es um die Auswahl von Nachrichten geht. Das heißt dann: Verdichtung der Informationen und meint nichts  anderes, als dass die Perspektive des Auswählenden die Auswahl mit bestimmt. Unbewusst – oder sogar bewusst. Und genau um letzteres geht es: den Vorwurf der Manipulation. Der richtet sich nicht an irgendwen, sondern an das Flaggschiff der deutschen Fernsehnachrichten – die Tagesschau. Sie wird nicht zum ersten Mal vorgebracht, aber in ihrer Deutlichkeit ist die Kritik härter denn je. Die Tagesschau, in ihrer Selbstwahrnehmung immer noch die Leitstimme, wird zum Gegenstand der Berichterstattung.

Aus Sicht der Tagesschau kommt es also fast einer Majestätsbeleidigung gleich, wenn Beiträge wie die über die Solidaritätsbekundung der Staatschefs für die Toten von „Charlie Hebdo“ in Frage gestellt werden. Die Bilder der Tagesschau erweckten den Eindruck, als führten Hollande, Merkel & Co. den Trauerzug an. Dem war mitnichten so. Im „Spiegel“ wettert ARD-Journalist Christoph Maria Fröhder, der Verwaltungsakt sei den Kollegen wichtiger als guter Journalismus. Die Tagesschau füge Fakten nur hintereinander, anstatt sie zu hinterfragen, die Aufsager vor den Parteizentralen und dem Kanzleramt seien schon seit Jahren so angelegt.
Tagesschau Suding
© Screenshot Tagesschau.de

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Der Medienkritiker Stefan Niggemeier hatte zuvor mit einem Beitrag zur „20-Uhr-Wirklichkeit“ in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" für Zündstoff gesorgt. Seine These: Die Tagesschau inszeniere täglich ihre eigene politische Realität, Hintergründe, Zusammenhänge und Widersprüche seien nicht zu erwarten. Tagesschauboss Kai Gniffke antwortete, nun ja, eine Woche später. Immerhin: Es solle künftig härter ausgesiebt, die Themenvielfalt könne – Achtung: Konjunktiv – reduziert werden, um mehr Hintergrundinformationen zu geben.
Udo Lielischkies
© Foto: WDR/Fjodor Simmul

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Erstaunlich: Bereits 2011 hatte Gniffke bei der Jahrestagung des Netzwerks Recherche angekündigt, die Themenzahl zu reduzieren. Das hörte sich damals so an: „Auch meine Redaktion schafft es nicht, mir nach einer Sendung aufzuzählen, was wir alles an Themen drin haben.“ Als „absurd“ bezeichnete er den Zustand selbst. Dem kann man nur zustimmen – allerdings muss die Frage erlaubt sein, warum Gniffke in den vergangenen Jahren nichts an diesem Zustand geändert hat.

Denn normalerweise ist er ein streitbarer Geist, der auch Tacheles redet. Das bewies er im Blog der Tagesschau, als es um die vermeintlich manipulierten Bilder bei der Pariser Gedenkdemo ging. Gniffke: „Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wieder richtig auf die Fresse bekomme: Mir langt‘s.“ Da zeigt der Fernsehmann, dass Bissigkeit und Provokation durchaus zu den Dingen gehören, die er kann. Nur warum nutzt er diesen Elan nicht, um sein Flaggschiff auf einen neuen Kurs zu bringen?
„Eines der Hauptprobleme der Tagesschau scheint die Angst vor einer wirklichen Veränderung, vor einem Neuanfang, zu sein.“
Dirk Popp
Eines der Hauptprobleme der Tagesschau scheint die Angst vor einer wirklichen Veränderung, vor einem Neuanfang, zu sein. Schließlich hebelt eine Verlängerung der Sendezeit das ganze Programmschema der ARD und der Dritten Programme aus. Aber warum nicht mal etwas anderes versuchen? Das tägliche Einerlei aus Anmoderation, Beitrag und zwischendurch ein Aufsager – weg damit! Die Korrespondenten wirklich Korrespondenten sein lassen und ihnen auch Emotionen zugestehen. Mehr Normalsprache statt Bilder von Politikern, die in Wagen vorfahren, und trockener Grafiken, die kaum jemand versteht. Und warum nicht mehr Social Media einfließen lassen? Ein wertvoller Zusatznutzen und Ersatz für die immer gleiche Ansage, dass es mehr News bei tagesschau.de gibt.

Nachrichten anders aufbereiten geht nicht? Geht doch, wenn man nicht die üblichen Verdächtigen heranzieht, sondern den Blick einfach weiter schweifen lässt und auch mal die Extreme ins Auge fasst. Zum Beispiel LeFloid: Über zwei Millionen Abonnementen folgen einem jungen Mann, der seinen Altersgenossen als Entertainer die Nachrichten des Tages erzählt – wohlgemerkt nicht als Journalist. Begriffsbezeichnung hin oder her: Er hat die Zuschauer von morgen. In einem Interview auf tagesschau.de sagt er: „Mich oder andere junge Leute erreicht man nicht, wenn ein Nachrichtensprecher monoton von den schrecklichen Geschehnissen des Tages erzählt, danach zum Sport geht und danach zum Wetter und das war’s – das ist eine Einbahnstraße, es ist keine Interaktion da.“ (). Sicher, das so ähnlich umzusetzen, würde am Ziel vorbei gehen. Aber vielleicht hilft ein Blick auf LeFloid für den Perspektivwechsel. Sozusagen als Anregung und Ansporn für die Macher der Tagesschau beim Kampf um die Zuschauer von morgen. Zu wünschen wäre es uns allen jedenfalls eine modernere und runderneuerte Tagesschau.

Der Autor Dirk Popp ist CEO von Ketchum Pleon Germany

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