Trauerspiel in Hamburg

Wer ruiniert den "Spiegel"?

Freitag, 12. Dezember 2014
Beschämend und erschütternd findet Manfred Bissinger, Publizist und Inhaber der Agentur Bissinger Plus, das Trauerspiel, das sich die Beteiligten beim Spiegel Verlag geleistet haben. Im folgenden Kommentar beschreibt er seine Wut und Enttäuschung.
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Es wäre aufschlussreich zu lesen, wie der „Spiegel“ über seine Dauer-Affäre schreiben würde, wenn es nicht um ihn selbst ginge, sondern um ein anderes Verlagshaus, etwa Burda, Bertelsmann oder gar Axel Springer. Dann läsen wir die süffisante Schilderung einer Zweiklassengesellschaft. Also von den Redakteuren, die rechtzeitig da waren und deshalb an den Fleischtöpfen sitzen; und von denen, die von einer technischen Entwicklung, die nie so recht geliebt wurde, ins Haus gespült wurden und die über ihr Digitalsklaven-Dasein nie hinauskamen. Wie viele Kübel Häme würden dann ausgekippt über die Tatsache, dass die Herren der Mitarbeiter-Gesellschaft beim „Spiegel“ über die Kapitalmehrheit verfügen und keinerlei Hemmungen haben, sie brutalstmöglich einzusetzen. Beim „Spiegel“ herrschen eben Gesetze, die das Blatt niemandem sonst zugestehen würde.

Nur ein paar Fragen: Wer hat denn den Chefredakteur berufen, der jetzt gehen muss? Und zuvor schon den Geschäftsführer? Das war doch nicht möglich ohne die Mitarbeiter-Gesellschafter, die über die Kapitalmehrheit verfügen. Und bitte, wer hat denn vor Jahren das Erfolgsduo Stefan Aust und Karl-Dietrich Seikel aus dem „Spiegel“-Tempel vertrieben? Auch die Mitarbeiter mit ihrer Mehrheit. Die beiden waren einfach zu unbequem geworden.



Rudolf Augstein würde sich im Grabe umdrehen, wenn er mitbekäme, wie die von ihm gewollte Mitarbeiter-Mehrheit, mit der er die Unabhängigkeit des Magazins zu sichern suchte, seit Jahren dabei ist, die journalistische Marke „Spiegel“ zu ruinieren. Wie konnte sie zustimmen, dass einer Chefredakteur wurde, als dessen Hauptqualifikation seine guten Noten als Umzugsmanager galten und der keinerlei herausragende Geschichten, geschweige denn Blattmacher-Qualitäten vorzuweisen hatte? Wollten die Herren Funktionäre womöglich einen bequemen Chef? Wolfgang Büchner ist doch von den „Spiegel“-Gesellschaftern angesprochen worden – und wer wollte ihm verargen, wenn er ein solch ehrenwertes und lukratives Angebot annimmt? Nicht Büchner trifft Schuld, sondern die, die ihn gerufen haben. Er war von Anfang an nicht der Leuchtturm für journalistische Qualität und Kreativität, die für den „Spiegel“ so unabdingbar sind, soll er nicht endgültig im Meer der Durchschnittlichkeit versinken.


Wir dürfen nie vergessen, dass der „Spiegel“ ein Teil unserer Geschichte ist, pathetisch gesagt: unserer Demokratie. Ihn in billigen Ränkespielen verkommen zu lassen, ist sträflich. Schuld haben: zuallererst die Mitarbeiter-KG, weil sie die Mehrheit hat, aber auch die übrigen Gesellschafter, die jetzt Krokodilstränen vergießen. Sie sollten sich schämen und alle Kraft darauf verwenden, von sofort an einen besseren „Spiegel“ zu machen. Einen, der den Bruderkampf einstellt und sich wieder den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlt. Alles andere haben die „Spiegel“-Leserinnen und -Leser nicht verdient.

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