Die Macht der Bilder

Warum Fotos wie das des syrischen Jungen so wichtig sind

Freitag, 19. August 2016
Das Bild eines kleinen syrischen Jungen, der aus einem zerstörten Haus in Aleppo gerettet wurde, geht um die Welt. Ähnlich wie das Foto des ertrunkenen Flüchtlingsjungen im vergangenen Jahr zum Symbol der Flüchtlingskrise wurde, verdichtet das Bild aus Aleppo das ganze Drama des syrischen Bürgerkriegs – und macht den grausamen Konflikt auch für Außenstehende greifbar.
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Der kleine Junge ist völlig mit Staub bedeckt, die linke Gesichtshälfte blutverschmiert. Fast regungslos lässt er sich von einem Helfer in einen Krankenwagen setzen, wischt sich mit der Hand durchs Gesicht und erkennt offensichtlich erst in diesem Augenblick, dass er blutet. Er zögert kurz, bis er die blutige Hand auf den sauberen Sitz neben sich legt, dann bricht das Video ab.
Der kleine Omran Daqneesh wird zum Symbol für die Gräuel des Syrien-Krieges
© Aleppo Media Center
Der kleine Omran Daqneesh wird zum Symbol für die Gräuel des Syrien-Krieges
Bei dem Jungen handelt es sich Medienberichten zufolge um den fünf Jahre alten Omran, der mit seinen drei Geschwistern und seinen Eltern aus ihrem völlig zerstörten Wohnhaus in Aleppo gerettet wurde. Gedreht und veröffentlicht wurde das Video vom "Aleppo Media Center" (AMC), einer Gruppe von Aktivisten, die seit 2012 Bilder aus der heftig umkämpften und für ausländische Journalisten kaum zugänglichen Stadt  verbreiten.

Es ist eine Szene wie sie sich im syrischen Bürgerkrieg wahrscheinlich täglich hundertfach abspielt – und doch verbreitet sich dieses Bild wie zuvor kaum ein Motiv aus dem Konflikt. Auch, weil es aus der Masse der Bilder heraussticht. Zu sehr gleichen sich die Aufnahmen aus den umkämpften Gebieten, als dass man sie noch mehr als beiläufig wahrnimmt: Die beige-braunen Trümmerlandschaften zerbombter syrischer Städte, die vermummten Kämpfer in ihren Unterständen, die trauernden Menschen. So schrecklich diese Bilder sind, nach fünf Jahren Bürgerkrieg in Syrien hat man sich an sie gewöhnt.

Immer wieder sind es Bilder von Kindern, die aufrütteln: Der syrische Junge im Krankenwagen, das nackte vietnamesische Mädchen nach einem Napalm-Angriff, der ertrunkene Junge am Strand, das afghanische Mädchen, dem von den Taliban die Nase abgeschnitten wurde. Es sind Bilder, die sich ins Gedächtnis eingraben, die einen nicht mehr loslassen. Die den Schrecken des Krieges in einem aufwühlenden Motiv verdichten – und gerade deshalb so wichtig sind.

Ändern diese Bilder etwas? Schwer zu sagen. Aber zumindest haben Bilder wie das des syrischen Jungen die Macht, wieder Aufmerksamkeit auf Konflikte und Missstände zu lenken, die Weltöffentlichkeit wachzurütteln und damit im Idealfall so viel Druck auf die politisch Verantwortlichen zu erzeugen, dass wieder Bewegung in einen festgefahrenen Konflikt kommt. Gestern hat die russische Regierung ihre Bereitschaft signalisiert, 48-stündigen Feuerpausen in Aleppo zuzustimmen, damit Eingeschlossene wie der fünfjährige Omran und seine Familie versorgt werden können. dh


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