Fabian Müller

Fabian Müller

"Der Werbe-Check" im HORIZONT-Check Lügen auf der Goldwaage

Dienstag, 03. März 2015
Das Erste Deutsche Fernsehen geht wieder unter die Tester: Nach Lebensmitteln, Marken und Gesundheit steht in drei Folgen nun die Werbung auf dem Prüfstand. Gestern Abend feierte "Der Werbe-Check" in der ARD Premiere - und offenbarte über die 45 Minuten Sendezeit hinweg große Schwankungen zwischen "durchaus gelungen" und "schrecklich peinlich". HORIZONT Online hat reingezappt.
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Ob Uwe Esser am Montagabend zur besten Sendezeit wohl mit Bauchschmerzen Das Erste eingeschaltet hat? Getan haben dürfte er es auf jeden Fall, denn Esser ist Chef der ARD-Fernsehwerbung - und sollte sehr daran interessiert sein, wie sein Arbeitgeber (beziehungsweise der produzierende SWR) denn über die Werbung urteilt, die auch im ARD-Programm zu sehen ist. Um es vorweg zu nehmen: Das Urteil fällt überwiegend negativ aus. Das liegt aber auch daran, dass sich "Der Werbe-Check" stellenweise dem gesunden Menschenverstand verschließt und vergisst, dass das Stilmittel der Übertreibung in der Werbung durchaus akzeptiert wird - in Maßen, versteht sich. Ein Beispiel: Es sollte doch jedem halbwegs denkfähigen Verbraucher klar sein, dass man nicht einhändig an einer Klippe in den Alpen baumeln und dabei per App den günstigsten Sparpreis der Deutschen Bahn buchen kann - schon aus Gründen des Netzempfangs. Sicher ist das auch den Machern des "Werbe-Checks" bewusst. Doch immer, wenn sich die Redaktion in kritischer Ironie versucht, klappt das nur bedingt. Als selbst der für den Spot verantwortliche Ogilvy-Kreative Simon Oppermann die App bei einer Trockenübung nicht in Rekordzeit bedienen kann, stellt sich bei den Machern ein Gefühl des Triumphes ein. Die Bahn ist entlarvt.Trauriger Höhepunkt ist jedoch der Check des Tesa Montagebands.  Zwei Testerinnen in rosa Latzhosen, die sich selbst die "Schrottladys" nennen, sollen eine 70 Kilo schwere Waschmaschine mit Tesa an der Wand befestigen und ihr eigens Kind darunter stellen - exakt so wie im Werbespot. Dass das bei der unebenen Klebefläche nicht funktionieren kann, ist dem Zuschauer schnell klar. "Investigativ" weist der Check auch hier nach, dass Tesa getrickst hat - im Laborversuch bei Tesa in Hamburg klappt es dann aber doch. Zudem warnt der Hersteller am Ende des Commercials explizit davor, den Versuch nachzuahmen.Es gibt aber auch sehr gute Momente im "Werbe-Check". Etwa dann, wenn die E-Mail Made in Germany auf Herz und Nieren geprüft wird. Profi-Hacker Sebastian Schreiber versucht für die ARD, an verschlüsselt versendete Fotos heranzukommen - und schafft das auch. Das ist interessant und aufschlussreich und sollte die Betreiber Telekom, Web.de und GMX zum Nachdenken bringen. Leider befindet sich der Check zum Diätmittel Almased (übrigens ein wichtiger Werbungtreibender im ARD-Programm) schon eher wieder auf RTL-Niveau.Stichwort: Das RTL-Magazin "Stern TV" hat schon mehrfach getan, was nun auch die ARD versucht hat: Werbung wörtlich genommen - wenn auch mit viel weniger Aufwand und deutlich mehr Klamauk. Reporter Hinrich Lührssen, der darüber auch ein Buch geschrieben hat, knipste in einem Baumarkt etwa eigenhändig die Stecker von Elektrogeräten und verlangte danach den Rabatt, den es laut Werbung für Produkte ohne Stecker gibt. Er sprüht sich übrigens auch großflächig mit dem Axe-Deo ein, um sich danach bei Unilever in Hamburg über den ausgebliebenen "Axe-Effekt" zu beschweren. Die Vorschau für die weiteren Folgen des ARD "Werbe-Check" verrät: auch hier soll Axe ähnlich unter die Lupe genommen werden. Der "Werbe-Check" will informieren und unterhalten - gelungen ist das nur punktuell und selten in der Kombination. Auch die Quote blieb hinter den Erwartungen zurück, lediglich 2,8 Millionen Zuschauer lockte der Test vor die Bildschirme - ein mäßiger Marktanteil von 8,5 Prozent. Immerhin erzielte das neue Format in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen mit 920.000 Zuschauern einen für die ARD ordentlichen Marktanteil von 7,9 Prozent. Die Sendung endete mit dem Satz: "Werbung erzählt uns schöne Geschichten - nicht alle davon sollten wir glauben" - das stimmt. Aber ein gewisses Maß an gesundem Menschenverstand darf auch Werbung voraussetzen - sonst sieht bald jeder Spot änhlich langweilig aus. Und das wäre auch für ARD-Werbechef Esser ein Horrorszenario. fam
Mal eben beim Klettern ein Ticket buchen? Die ARD nimmt die Bahn-Werbung für bare Münze
Mal eben beim Klettern ein Ticket buchen? Die ARD nimmt die Bahn-Werbung für bare Münze (© SWR/Claus Hanischdörfer)

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