Das zerstörte Sommermärchen

Spiegel vs. DFB - es geht um alles

Mittwoch, 21. Oktober 2015
Mit der Titelgeschichte "Das zerstörte Sommermärchen" hat sich der "Spiegel" weit aus dem Fenster gelehnt. Der Umstand, dass das Nachrichtenmagazin Beweise für die Bestechungsvorwürfe schuldig bleibt, fliegt den Autoren derzeit um die Ohren. Für Dirk Popp, CEO von Ketchum Pleon, entpuppt sich die Geschichte daher auch als Bumerang für den "Spiegel", wie er in seinem Gastkommentar für HORIZONT Online schreibt.

Gerade rauscht es mal wieder gewaltig im Blätterwald. Die deutsche Medienwelt blickt ehrfurchtsvoll nach Hamburg. Fußballszene und Fußballnation sind in Aufruhr. So etwas nennt man einen „Scoop“. So etwas mag man beim Spiegel. Die Titelstory „Das zerstörte Sommermärchen“ sollte genau das sein: ein „Scoop“. Dafür zog das Magazin alle Register, kurbelte Marketing und Vorberichterstattung massiv an. An der Ericusspitze gab man sich siegesgewiss: „bester Investigativjournalismus, der schnörkellos aufklärt - und dabei trotzdem so gut geschrieben, dass es sich wie ein Krimi liest.“ So schwurbelte Redakteur Dieter Bednarz fröhlich und in feinster Eigen-PR auf dem hauseigenen Spiegel-Blog vor sich her. 


Alles hätte also so schön kommen können. Und für ein paar Tage schien die Welt aus Sicht des "Spiegel" auch in Ordnung. Wenn – ja wenn am Ende nicht der böse Konjunktiv gewesen wäre und die lautstark angekündigten Beweise sich bisher als, nun ja, flott erzählte Geschichte darstellen. Gut lesbar und plausibel, ohne Frage. Aber auch reich gespickt an Mutmaßungen: könnte, soll, angeblich, mutmaßlich und dann die vielen eingebauten Fragezeichen – das fällt sogar Gossen-Goethe Franz Josef Wagner auf. Die Behauptungen sind wohl teilweise mindestens einmal straff zu nennen. Die Handschrift Niersbachs ist ein Schlüsselelement der Story. Ein anderes das angebliche Zitat von Netzer. Selbiger widersprach heftig. Spiegel-Autor Jens Weinreich musste in der Sendung „SKY 90“ dann auch einräumen, dass die Redaktion nicht wisse, ob die handschriftliche Notiz wirklich vom DFB-Präsidenten stamme.   Einen Angriff auf die größten „Namen im deutschen Fußball“ ("Spiegel") zu wagen, ohne massive Gegenwehr zu erwarten – so blauäugig war man auch beim "Spiegel" nicht. Schließlich ist das Blatt kampferprobt. Aber dass nun der Markenkern unter Beschuss steht, der sich so schön im Claim „Keine Angst vor der Wahrheit“ verdichtet, dürfte in Hamburg niemanden freuen. 

Und die Gegenwehr ist massiv. „Riesenskandal oder Riesenproblem?“ fragt die Online-Plattform Meedia. Kaiser Franz bekommt bei der "Bild"-Zeitung – bekannt für ihr enges Verhältnis zu Beckenbauer und dem DFB – die Titelseite und keilt zurück. Parallel setzt der Deutsche Fußballbund den Medienrechtler Christian Schertz auf den "Spiegel" an. Und der Anwalt wettert sogleich, er habe es noch nie erlebt, „dass eine Geschichte von einem Verlag so groß verkauft wurde, für deren Kernbehauptung es keinen Beweis gibt." Aufmerksamkeit ist ihm gewiss. Die PR-Profis des DFB scheinen auf breiter Front unterwegs. Und heute legte DFB Präsident noch einmal nach "Niersbach schlägt zurück" - wieder auf der BILD, wieder auf der Titelseite. Die Zeit sieht darin den „Konter des Establishments“. Allerdings: Selbst von Transparency International – wohl kaum im Verdacht stehend, dem DFB besonders liebdienerisch gegenüberzutreten, kommen kritische Töne in Richtung "Spiegel".

Kurzum: Die vermeintliche Enthüllungsstory entpuppt sich mehr und mehr als Bumerang. Und zwar für den "Spiegel".

Allerdings mutet es schon etwas seltsam an, dass der Spiegel plötzlich mehr Fragen beantworten muss als der DFB selbst. Die Kommunikationsmaschinerie des Verbands ist – nach anfänglichem Stottern angelaufen und mittlerweile auf Hochtouren. Kaum ein Medium, kaum eine Sendung, in der nicht ehemalige Fußballprofis, Moderatoren, Journalisten und Freunde Ehrenerklärungen für Niersbach, Beckenbauer & Co. abgegeben und das Hamburger Magazin kritisieren. Die Frage ist: Kann und wird der Spiegel nachlegen? Davon hängt viel ab, denn es wird mit hohem Einsatz gespielt. Für den Spiegel geht es um seinen Markenkern „Wahrheit“, für Wolfgang Niersbach und den DFB vielleicht um alles.



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