Böhmermann und Döpfner

Worüber der Axel-Springer-Chef so lacht

Montag, 11. April 2016
Was verleitet Matthias Döpfner dazu, Jan Böhmermann beizustehen? Der Axel-Springer-Chef stilisiert das bescheuerte Schmähgedicht des Satirikers zum Kunstwerk – und macht Böhmermann endgültig zum Volks- und Medienhelden.

Zwei Dinge vorweg.

Punkt 1: Unabhängig von Kritik oder Zustimmung zu Böhmermanns Affentheater ist es beschämend, wie sehr sich ein Großteil der deutschen Politikszene der autoritären türkischen Regierung anbiedert. Die einstmals mächtigste Frau der Welt macht einen Diener vor einem Regierungschef, dessen Demokratieverständnis so weit von europäischem Mittlelmaß entfernt ist wie der Mond von der Erde. Der Kotau geht soweit, dass Angela Merkel offensichtlich vergisst, dass es  Aufgabe der Justiz und nicht der Bundeskanzlerin ist, zu beurteilen, wie weit Satire gehen darf.

 

Punkt 2: Ich teile die Einschätzung meines Chefredakteurs-Kollegen Uwe Vorkötter. Er hatte vor einigen Tagen geschrieben: Jan Böhmermann „ist kein Held der Meinungsfreiheit. Sondern ein spätpubertierender Klassenclown, ausgestattet mit bemerkenswerten kreativen Talenten, aber charakterlich offenbar von keinerlei Skrupeln geprägt.“ Mir ging die bei US-Talkern (schlecht) abgeschaute Selbstverliebtheit schon vor dem Schmähgedicht auf den Geist. US-Satiriker wie John Oliver agieren mit dem Florett (man schaue sich mal seine verbale Vernichtung von Donald Trump an), Böhmermann nutzt eine auf Dauerfeuer eingestellte verbale Kalaschnikow – und suhlt sich im Applaus der Youtube-Generation, die ebenso undifferenziert wie das Vorbild nur Schwarz und Weiß kennt und am stärksten dann applaudiert, wenn einer so richtig eine abbekommt, am besten unter die Gürtellinie.


Auch Matthias Döpfner applaudiert Böhmermann. Unter normalen Umständen, witzelte jemand, sei es für einen Satiriker die Höchststrafe, Beistand vom obersten Chef von "Welt" und "Bild" zu bekommen.


Doch keine Frage: Für sein Plädoyer für die Meinungsfreiheit verdient der Springer-Chef Respekt. Dazu wäre aber nicht nötig gewesen, ein rassistisches Pamphlet zur Kunst zu adeln.


Für viele Kunstkritiker beginnt moderne Kunst mit einem Pissoir: 1917 stellte Marcel Duchamp ein Urinoir unter dem Titel "Fontaine" in einer New Yorker Ausstellung aus. Hintergedanke: Kunst ist Alltag; Kunst ist, was ich zur Kunst erkläre.

So ähnlich agiert Döpfner fast 100 Jahre später. Richtung Böhmermann schreibt der Springer-Chef in der „Welt am Sonntag“: „Sie haben doch einfach alle beleidigenden Stereotype zusammengerafft, um in grotesker Übertreibung eine Satire über den Umgang mit geschmackloser Satire zu machen.“

Aha.

Legen wir Böhmermann kurz für ein kleines Gedankenspiel zur Seite: Sammeln wir alle Vorurteile gegenüber Farbigen für eine Satire auf Barack Obama. Wäre das auch Kunst – oder nicht Rassismus, den es zu bekämpfen gilt? Anderes Beispiel: Sammeln wir einmal alle Stereotype gegenüber Juden für eine Satire auf den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Wäre das, lieber Herr Döfpner, auch Kunst? Oder nicht schrecklicher Anti-Semitismus, den Axel Springer laut eigener Statuten bekämpft?

Matthias Döpfner dagegen lobt und schreibt: „Ich habe laut gelacht.“ Ich hätte gedacht: Einer der mächtigsten und respektiertesten Medienmanager Europas lacht über andere Dinge.

"jetzt"-Autor Hakan Tanriverdi, nicht Springer-Chef Döpfner hat recht: Böhmermanns Schmährede ist rassistisch und verantwortungslos. Seine Zeilen richten sich nicht gegen Erdoğan - sondern gegen alle Türken. Wenn das Kunst sein soll, dann ist sie ganz, ganz mies. Und wem Tanriverdis Text zu intellektuell ist, dem sei Bushido empfohlen. Der twittert im Böhmermann-Jargon: „Ist man ein #Boehmermann ist es Kunst, ist man Rapper landet es auf dem Index. Fickt Euch Ihr Feuilleton Lutscher!!!“




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