Berliner Verlag

Neuer Start, alte Probleme

Donnerstag, 19. Mai 2016
DuMont propagiert in Berlin den Neustart: ein neues Domizil für den Berliner Verlag, ein neuer Chefredakteur für die „Berliner Zeitung“ – und weitreichende Kooperation mit den Wettbewerbern statt verbissener Konkurrenz in der Hauptstadt. Eine Strategie mit Risiken.

Jeder Berlin-Tourist kennt das markante Haus am Berliner Alexanderplatz: 17 Stockwerke hoch, 150 Meter lang, auf der Feuertreppe der charakteristische Drehzylinder mit dem Schriftzug "Berliner Verlag", die Leuchtreklame der "Berliner Zeitung" auf dem Dach.

Der Berliner Verlag am Alexanderplatz
Der Berliner Verlag am Alexanderplatz (© Dumont)
Schon zu DDR-Zeiten, als die "Berliner" noch ein Propaganda-Organ der SED-Bezirksleitung war, wurden hier Zeitungen produziert, der prominente Standort überstand den Fall der Mauer, den Verkauf des Verlages erst an Gruner + Jahr, dann an Holtzbrinck, später an die Finanzinvestoren um David Montgomery, schließlich an die Kölner Mediengruppe DuMont. Bis heute werden hier „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ produziert, der Veranstaltungssaal im ersten Stock verströmt den Charme der Ostberliner Nachkriegsmoderne. Auf den unteren Etagen hat sich inzwischen ein Fernbusunternehmen eingemietet, im Erdgeschoss residiert eine Krankenkasse, der „Alte Fritz“ serviert deftige Berliner Speisen – eine eigenwillige Mischung aus Intellekt, Nützlichem  und Profanem, Alexanderplatz eben.

Die Ära geht zu Ende. Anfang nächsten Jahres verlässt der Berliner Verlag sein Domizil, um ein paar Hundert Meter weiter am Spittelmarkt einen Neubau zu beziehen. Neustart, das ist das am meisten gebrauchte Wort der Kölner Verleger und  Medienmanager um den CEO Cristoph Bauer, wenn es um ihre – verlustträchtige – Berliner Dependance geht. Der neue Standort ist nur ein Element dieses Neustarts, allerdings kein unwichtiger. Denn das Haus am Alexanderplatz ist sanierungsbedürftig, steht unter Denkmalschutz, ist nicht geeignet für moderne Newsrooms, in denen Print- und digitale Produkte gemeinsam produziert werden. Und, schlimmer noch, das Haus, das Gruner + Jahr einst verkauft und langfristig zurückgeleast hatte, ist längst zu einer schweren finanziellen Belastung für den Berliner Verlag geworden. Die Leasingraten steigen Jahr für Jahr, weil man den Berliner Immobilienmarkt völlig falsch einschätzte, das Untervermietungsrisiko trägt der Verlag.  Jetzt, da die Verträge auslaufen, gibt es die Möglichkeit, jährlich einen ansehnlichen Millionenbetrag zu sparen. Seit langem war klar, dass man diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen würde.

Überraschender, wenn auch nicht völlig aus dem Off, kommt der personelle Wechsel an der Spitze der Berliner Zeitung. Brigitte Fehrle, eine Publizistin von Rang, muss Ende September gehen. Sie hat in den vergangenen vier Jahren unter widrigen wirtschaftlichen Bedingungen versucht, den Hauptstadttitel stärker auf Berlin auszurichten, ohne den überregionalen Qualitätsanspruch aufzugeben. Als Begründung für ihre Ablösung muss das Wort Neustart genügen:  Die 61-Jährige ist wohl irgendwie zu lange dabei und nicht digital genug. Ihr Nachfolger, Jochen Arntz, 51, ist allerdings auch ein Printmann aus der „alten“ Berliner Zeitung, deren einst hoch geachtete Seite 3 er vor Jahren verantwortete. Nach einem Wechsel zur „Süddeutschen“ kehrte er als Chef der DuMont-Redaktionsgemeinschaft nach Berlin zurück. Sie beliefert die DuMont-Titel – neben der Berliner Zeitung den „Kölner Stadtanzeiger“ und die „Mitteldeutsche Zeitung“ - und über DuMont hinaus auch die „Frankfurter Rundschau“ mit überregionalen Inhalten. In Köln gilt Arntz als Mann für den Neustart, in der Berliner Redaktion wird er erst noch manche Vorbehalte gegen seine Berufung ausräumen müssen. 

An sinkenden Auflagen und an schrumpfenden Werbeerlösen auf dem schwierigen bis ausweglosen Berliner Markt kann ein Chefredakteurswechsel ohnehin wenig ändern. Und ein funktionierendes Geschäftsmodell für digitalen Journalismus wird ein Neuer, wie immer er heißt, auch nicht in der Tasche haben. Deshalb braucht der Neustart eine dritte, die wichtigste Komponente: die Neuregelung der Berliner Marktverhältnisse. Daran arbeiten die drei großen Player auf dem Hauptstadt-Markt – neben DuMont die Funke-Gruppe mit der „Berliner Morgenpost“ und Dieter von Holtzbrinck mit dem „Tagesspiegel“ – seit einem Jahr intensiv. Ihr Plan: Sowohl auf dem Leser- als auch auf dem Anzeigenmarkt machen die Drei künftig gemeinsame Sache, um dem ruinösen Wettbewerb zu entkommen. Die Pläne sind ausgearbeitet: Während die Berliner Konkurrenten bisher nur die Zeitungszustellung in einer gemeinsamen Firma gebündelt haben, soll künftig auch das gesamte Vertriebsmarketing fusioniert werden. Und, noch weitergehend, die Drei sind bereit, das Kerngeschäft des Zeitungsverlages, den regionalen Anzeigenverkauf, zusammenzulegen.

Allerdings gibt es da ein paar Risiken. Das größte hat einen Namen: Kartellamt. Die Bonner Beamten haben bisher alle Fusions-und Kooperationspläne vom Tisch gewischt, zum Teil mit realitätsfremden Argumenten. Deshalb ist der bereits im Sommer vergangenen Jahres angekündigte Fusionsantrag bis heute nicht formell eingereicht. Das soll erst passieren, wenn der Deal mit dem Amt faktisch unter Dach und Fach ist. Immerhin, nun keimt tatsächlich Hoffnung: In Kürze, vielleicht schon innerhalb der nächsten beiden Wochen, könnte es einen positiven Bescheid aus Bonn geben, heißt es. Oder man wartet ein paar Monate, bis eine Gesetzesnovelle unter Dach und Fach ist, die solche Kooperation erleichtern soll. Klar ist, dass eine der Bedingungen lauten würde, das Anzeigengeschäft  von einem „neutralen“ Dritten betreiben zu lassen. Der steht allerdings schon bereit: Ströer, als Out-of-Home- und Digitalvermarkter die Nummer eins in Deutschland, würde dann in Berlin auch regionale Printanzeigen verkaufen.

Auch das zweite Risiko hat einen Namen: Sebastian Turner, Mitherausgeber und Mitverleger des „Tagesspiegels“. Was Turner respektive Holtzbrinck will, darüber rätseln die beiden anderen Partner immer wieder. Meint er es überhaupt ernst mit der Kooperation? Oder setzt Holtzbrinck darauf, dass einer der beiden anderen Titel irgendwann entnervt aufgibt und sich der Markt auf die brutale Art bereinigt? Mit stoischer Ruhe erträgt Dieter von Holtzbrinck seit Jahren die Verluste des „Tagesspiegels“. Sie dürften noch höher sein als die der „Berliner Zeitung“.

Mit dem Umzug ins neue Haus sollen im Berliner Verlag nicht nur Print und Digital enger verzahnt werden, sondern auch „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“. Ein gemeinsamer Newsroom für den Abo- und den Boulevardtitel , das ist keine triviale Angelegenheit. Arntz soll mit seinem „Kurier“-Kollegen Elmar Jehn unter Leitung von DuMonts Chefredakteur für Digitale Transformation, Thilo Knott, das Konzept entwickeln. Mit internen Widerständen der kampferprobten Berliner Redaktionen darf gerechnet werden.  

Ohnehin steckt DuMont in einem Dilemma: Mit den drei eigenen regionalen Abotiteln und den Boulevardtiteln (außer dem „Kurier“ sind das der „Express“ in Köln und die „Hamburger Morgenpost“) ist das Medienhaus eigentlich zu klein und zu divers, um eine eigene schlagkräftige überregionale Redaktion zu unterhalten. Funke und Madsack mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland bewegen sich  inzwischen in ganz anderen Auflagen- und Effizienzdimensionen. Vorsichtige Gespräche über eine große Lösung hat es wohl gegeben, in ein konkretes Stadium sind sie nicht getreten. Bleibt die Frage, ob der Neustart nicht von Anfang an zu klein gedacht ist.

Und dann sorgt auch noch eine Ankündigung für Unruhe: Am 27. Juni, so wird geunkt, erscheint das „Manager Magazin“ mit einer Geschichte über DuMont. Die Magazin-Kollegen, heißt es, seien tief in die Bilanzen der vergangenen Jahre eingestiegen. Was immer sie dort gefunden haben, viel Geld wird es nicht gewesen sein. Denn knapp bei Kasse ist der Kölner Konzern schon lange. Für alles, was unter der Rubrik Neustart daherkommt, heißt das: Zukunftsprogramm und Sparprogramm dürfen als synonyme Begriffe verwendet werden, wir sind schließlich in der Zeitungsbranche.

Der Architekt Hans Kollhoff hat übrigens im Jahr 1993 seinen architektonischen Masterplan für den Alexanderplatz vorgelegt. Das Haus des Berliner Verlages dürfte es danach längst nicht mehr geben, stattdessen hätte Bertelsmann hier seinen Sitz in einem imposanten Wolkenkratzer. So ist das in Berlin: Die Zukunftspläne sind immer noch ein Stück bedeutender als die Zukunft.  uv



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