Beme

Warum die neue Hype-App für Werbungtreibende unbrauchbar ist

Montag, 27. Juli 2015
Anfang dieser Woche nahmen auch bei uns die Berichte über die neue Video-App Beme zu. Mit der Anwendung können User Videos posten, bei denen sie weder sehen, was genau sie da aufnehmen, noch ist eine Nachbearbeitung möglich. Der Erfinder, der Regisseur und Youtube-Star Casey Neistat, verspricht eine besonders authentische Erfahrung. Aber will man das auch? HORIZONT Online hat Beme einem Test unterzogen.
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Vor dem Test kam jedoch erst einmal der Frust: Beme (ausgesprochen wie "Beam") wächst über das Schneeball-Prinzip. Heißt: Wer von einem aktiven Nutzer einen Unlock-Code zugesendet bekommt, kann sich glücklich schätzen. Alle anderen müssen entweder Neistats Video-Blog folgen, wo er regelmäßig neue Invite-Codes veröffentlicht – oder man sucht auf Twitter nach einem der mittlerweile zahlreichen Code-Versender.

Öffnet man die bislang nur für iPhone verfügbare App, begegnet einem einer recht altbacken erscheinenden Benutzeroberfläche mit User-Namen, die in "Interesting Stranger", "Far-Away-Stranger" oder "Friend of Friend" eingeteilt werden. Hält man den Finger auf einem Eintrag gedrückt, kann man das entsprechende Video sehen.

Funktioniert keine der Code-Generierungen, kann man Beme zwar trotzdem herunterladen und sich einen Nutzernamen reservieren – bis zur Freischaltung dauert es allerdings einhundert Tage. Momentan klappt es relativ gut, sich einen Code via Twitter zu besorgen. Ist zwar nicht im Sinne des Erfinders. Neistat wird’s dennoch egal sein: Er will, dass seine App wächst. Und das tut sie momentan gewaltig.
Was viele Nutzer lockt, ist Neistats Versprechen von absoluter Unverfälschtheit. Darauf deutet schon die Beschreibung im App-Store hin: "Share video. Honestly.", heißt es da. Mit Beme lassen sich zwar Videos aufnehmen. Allerdings startet die Aufnahme erst dann, wenn man sein iPhone an den Körper drückt – der neben dem Frontmikrofon befindliche Näherungssensor des Geräts fungiert dabei als Aufnahmeknopf.

Für einen Nutzer der regulären iPhone-Kamera, die immer einen Tab auf den "Aufnehmen"-Button erfordert, ist das eine gehörige Umstellung. Man gibt Kontrolle ab. Und zwar nicht zu knapp: Weder sieht man genau, was man filmt (Wir erinnern uns: Das iPhone klebt mit der Bildschirm-Seite am Körper), noch kann man die Aufnahme hinterher bearbeiten. Zwar gibt es auch die Möglcihkeit, den Näherungsensor mit dem Finger abzudecken oder das Smartphone etwa gegen eine Wand zu halten, damit man beim Bemen immerhin sich selbst sehen kann. Dennoch gilt: Was gefilmt wurde, wird direkt gepostet. Hinzu kommt, dass man Beme-Videos genau einmal ansehen kann. Danach verschwinden sie für immer im Orkus des Servers. Echter geht’s nicht.

Oder?

Wie Neistat im Erklärvideo (siehe oben) behauptet, würde die Selfie-Flut in den sozialen Netzwerken unsere Wirklichkeit verfälschen. Aufnahmen, bei denen die Fotografen selbst in die Kamera gucken und hinterher eine Vielzahl an digitalen Filtern anwenden könnten, würden bereits ein falsches Bild der Realität vermitteln. Dabei gehe es in Social Media darum zu zeigen, wer man wirklich sei. Echtheit und wirkliche Authentizität seien nur gewährleistet, wenn der Nutzer nicht sehe, was er da filmt und das Ganze hinterher auch nicht bearbeiten könne.
Die Beme-Benutzeroberfläche von Ingo Rentz
Die Beme-Benutzeroberfläche von Ingo Rentz (© Screenshot)
Nun ist Neistat Medienprofi genug um zu wissen, dass alles, was von einer Handy-Kamera gefilmt wird, bereits bearbeitet ist. Moderne Smartphone-Linsen wie die des iPhone stabilisieren, fokussieren und beeinflussen die Farbmischung. Es dürfte also weniger um einen unverfälschten Blick auf die Wirklichkeit gehen als um das gezielte Abgeben von Kontrolle. Und hier wird es knifflig.

Ok, das Beme-Video vom Wacken Open Air, in dem eine schräge Mischung aus headbangenden Köpfen und der Band auf der Bühne zu sehen ist, mag durchaus seinen Reiz haben. Aber wenn das Video gut war, will man es doch mehr als einmal ansehen – oder?

Nun ist das Prinzip der Selbstzerstörung nicht neu: Nachrichten zu versenden, die nach bestimmter Zeit verschwinden, ist gerade bei jungen Nutzern von Snapchat bereits gelernt. Das Prinzip der sich selbst löschenden Nachrichten treibt Neistat noch einmal auf die Spitze, indem Beme-Videos nach einmaligem Ansehen schon wieder verschwinden. Allerdings erfreut sich eine App wie Instagram nicht ohne Zufall derart großer Beliebtheit. Nutzer lieben es, ihren Aufnahmen durch die vielen Filter zusätzlichen Charme zu verleihen. Auch der Video-Boom bei Facebook und perspektivisch auch bei Twitter lässt sich nicht damit erklären, dass das Gros der Nutzer einmal so authentisch wie möglich zeigen will, was in ihrer Umgebung passiert.

Die Wahrheit ist doch vielmehr: In Social Media geht es vielfach ums Posen. Das findet nicht jeder gut. Neistat augenscheinlich am wenigsten (obwohl er in seinen Youtube-Videos selbst reichlich oft einen auf Hingucker macht). Aber gut auszusehen oder zumindest eine guten Eindruck zu vermitteln, gehört zum Funktionsprinzip von sozialen Netzwerken. Man stelle sich einmal vor, man postet ein Beme-Video vom Badesee, in dem der eine Kumpel zu sehen ist, wie er stockbesoffen auf seinem Handtuch liegt und der nächste einen Joint in der Hand hält. Vielleicht war es Absicht. Vielleicht aber auch nicht. Man konnte es ja nicht kontrollieren.

Klar, könnte man sagen: Das Video ist ja nicht mehr abrufbar. Aber was einmal im Netz war, bleibt im Netz – und sei es als Gerücht. Gerade junge Nutzer wollen so viel Kontrolle über ihre Social-Media-Inhalte haben wie möglich. Aber wollen sie die Kontrolle wirklich komplett abgeben?

Und das ist auch der Grund, warum Beme für Werbungtreibende und Agenturen wahrscheinlich so gut wie unbrauchbar ist. Unternehmen sind extrem erpicht auf Kontrolle über ihre eigenen Inhalte. Ein unbedachtes Wort oder ein falsches Bild können für Marken schnell zur Katastrophe werden. Kein Wunder, dass auf Seiten der Werbungtreibenden sogar gegenüber den sehr populären Livestreaming-Apps Periscope und Meerkat immer noch sehr viele Vorbehalte herrschen.

Doch wenn die Werbung fern bleibt, das hat die Erfahrung gezeigt, wird es für jedes Gratis-Angebot schwer. Mal sehen, ob Beme da eine Ausnahme bildet. ire

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