Volker Schütz

Volker Schütz

BVDW-Neuwahlen Ein Schritt vor, zwei zurück?

Mittwoch, 17. Juni 2015
"Wir sind das Netz!" lautet der Slogan des Bundesverbands Digitale Wirtschaft. Der neue Präsident Matthias Wahl wird unter Beweis stellen müssen, dass der BVDW mehr ist als die Dachorganisation der Digital-Vermarkter und –Agenturen. HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz über die schwierige Mission des OMS-Chefs.

Der Verband hatte Wochen vor der Mitgliederversammlung die Vorfreude auf eine harmonische Party zum 20. Geburtstag des BVDW – 1995 als Deutscher Multimedia-Verband gegründet – geschürt. Doch wie häufig bei 20-Jährigen wurde das Programm dann unversehens über den Haufen geworfen - ausgerechnet vom Verbandspräsidenten Matthias Ehrlich.

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© Agof

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BVDW-Überraschung Matthias Wahl wird Nachfolger von Präsident Matthias Ehrlich

Er könne aus beruflichen Gründen nicht mehr für eine neue Amtsperiode zur Verfügung stehen, verkündete Ehrlich den verdutzten Teilnehmern der Mitgliederversammlung. Nun soll, nun muss, nun wird (?) Nachfolger Matthias Wahl fortführen, was unter der kurzen Ehrlich-Regentschaft angestoßen wurde: der Abschied von  der ausschließlichen Fokussierung des Verbands auf Online-Vermarktung, E-Commerce und digitale Dienstleistungen rund um diese beiden Themen.

Außer dem Vornamen haben der Ex-Präsident und der Neu-Präsident auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Hier der konziliante Matthias Wahl, der als OMS-Geschäftsführer bestens darin geschult ist, die Interessen unterschiedlicher Unternehmen – die OMS vermarktet die Websites 33 regionaler Zeitungen und Radios national – auszugleichen. Auf der anderen Seite das kantige Energiebündel Matthias Ehrlich, der jetzt eingestehen musste, dass sich Verbandsarbeit und Start-up-Unternehmertum nur schlecht vertragen.

Es bleibt zu hoffen, dass Matthias Wahl den von Ehrlich begonnenen Kurs fortsetzt. Ein Verband,  der den Anspruch erhebt, die Dachorganisation der kompletten Digitalwirtschaft zu sein („Wir sind das Netz“), darf sich in Zeiten, in denen die komplette Welt, das komplette Leben digitalisiert wird, nicht nur auf vermarktungsnahe Geschäftsfelder fokussieren.

Eine Woche vor der BVDW-Mitgliederversammlung bekamen Besucher der Start-up-Konferenz Noah in Berlin einen Einblick, wie das Internet nicht nur den Werbe- und Adtech-Bereich revolutioniert, sondern welche Entwicklungen im Health-, Fintech- und Automotive-Bereich möglicherweise alte Industrien in den Orkus der Vergänglichkeit befördern.

Die Vernetzung von Maschinen, eHealth, Wearables und Riesenmärkte wie Connected Cars bieten der Maschinenbau-Nation Deutschland möglicherweise eine der wenigen Chancen, den Software- und Internet-Giganten aus den USA in einem neuen Milliarden-Markt Paroli zu bieten. Gerade aus diesem Grund hatte der studierte Wirtschaftsingenieur Ehrlich schon bei der Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr das Internet of Things (IoT) als Rettungsanker für und in Deutschland in die Schale geworfen (Ehrlich: „Sonst droht ein finaler Todesstoß für unseren Wohlstand“).

Das mag dem einen oder anderen Online-Vermarkter teilweise etwas zu theatralisch, zu futuristisch und zu weit weg vom Kernbusiness zu sein. Andererseits: Jeder Digitalmanager weiß aus eigener Erfahrung, mit welch irrer Geschwindigkeit im Internet Veränderungen geschehen. Und der digitale Geschwindigkeits-Tsunami legt permanent zu.

Zumal Kühlschränke, die den Besucher mit Infos versorgen; T-Shirts, die den Gesundheitszustands des Trägers kontrollieren; Autos, die selbst fahren, und Produktionsmaschinen, die sich zur Effizienzsteigerung mit anderen Maschinen austauschen, auch Werbeplattformen sein werden und in der Folge eine Unzahl von Technik- und Kommunikationsdienstleistern hervorbringen werden.

Das ist natürlich – noch – alles Zukunftsmusik. Doch wer sich heute nicht damit beschäftigt, wird irgendwann so bedröppelt dastehen wie der Website-Betreiber, der sich für 2016 vorgenommen hat, seine Mobile-Strategie anzugehen.

Die Strategie könnte dem BVDW neue Mitglieder aus der Tech- und Start-up-Szene bescheren. Und neue Mitglieder braucht der Verband - im vergangenen Jahr sind mehr Unternehmen aus- als eingetreten.

Gleichwohl darf der neue Präsident vor lauter Zukunftsmusik das klassische BVDW-Business nicht vernachlässigen, im Gegenteil. Online-Werbung steht schon seit geraumer Zeit in der Kritik. Und die erfolgsverwöhnten Online-Werber müssen registrieren, dass Display nicht jedes Jahr zweistellige Wachstumsraten vorweisen kann.

Digitale-Werbung ist mittlerweile normales Business für Werbungtreibende; der Markt für Banner, Video- und Mobile-Werbung ist erwachsen geworden – und von Erwachsenen  erwartet man gemeinhin vernünftige und nachvollziehbare Antworten auf Fragen, die die Mitwelt stellt:

  • Wie hoch ist die Abverkaufswirkung von Onlinewerbung?
  • Wie stelle ich sicher, dass die bestellte Werbung auch ausgeliefert wird?
  • Wie sichtbar müssen Internet-Anzeigen sein, um überhaupt Reaktionen beim Betrachter auslösen zu können?
  • Wie überzeugt man Menschen davon, keine Adblocker einzusetzen?
  • Wie verschiebt sich der Mediamix in den kommenden Jahren?
  • Frisst die Revolution ihre Kinder: Kannibalisiert Mobile beispielsweise Display-Werbung?

Fragen über Fragen. Der BVDW und der OVK müssen noch stärker als in der Vergangenheit hierauf Antworten geben. Wahl  wird sicherlich seine Erfahrung und seine Kontakte dazu nutzen, für neue Power bei Fragen der Online-Vermarktung zu sorgen. Die Tatsache, dass der OVK ein Zusammenschluss von Vermarktern ist, die unterschiedliche Geschäftsmodelle und Philosophien pflegen (Bewegtbild vs. Anzeigen, Mobile vs. Destop, Image vs. Response etc.) kann keine Ausrede für Stillstand sein.

Immerhin: Der OVK hatte mit seiner Fachtagung Digitale Medien Mitte Mai in Hamburg einen wichtigen Anlauf gemacht, einen Gattungsmarketing-Event zu kreieren. Warum soll in der Digitalbranche nicht möglich sein, was in TV oder Radio seit Jahren gepflegt wird?

Was Verbandspräsident Wahl helfen wird: Seine Vizepräsidenten - mit Ausnahme von Achim Himmelreich alles Rookies im Präsidium - machten bei der Vorstellung einen energisch-enthusiastischen Eindruck. Das wird dem BVDW gut tun. vs

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