ARD-Experte

Warum Mehmet Scholl daneben gegriffen hat – und dennoch richtig liegt

Dienstag, 05. Juli 2016
Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl hat den Expertenstab um Joachim Löw nach dem Viertelfinale gegen Italien scharf attackiert – und dafür harsche Kritik geerntet. Doch wenn schon ein TV-Experte nicht Dinge gegen den Strich bürsten darf – wer dann?
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Ich kann mich noch gut an die Weltmeisterschaft 2014 erinnern. Und damit meine ich gar nicht die begeisternden Auftritte der deutschen Mannschaft wie etwa gegen Gastgeber Brasilien im Halbfinale. Ich rede von der Kritik, der sich ARD und ZDF ausgesetzt sahen. Es gab damals nicht wenige, die den Öffentlich-Rechtlichen zu große Nähe zu den Akteuren von DFB und Nationalmannschaft vorgeworfen haben. Von mangelnder Distanz war die Rede, teilweise wurde Opdenhövel, Müller-Hohenstein und Co. sogar vorgeworfen, "Ranschmeißjournalismus" zu betreiben.

In der Tat müssen die Reporter und Moderatoren von ARD und ZDF einen schwierigen Spagat absolvieren. Natürlich sollten sie als Journalisten eine kritische Distanz zu den Objekten ihrer Berichterstattung wahren. Andererseits sind sie, und da geht es ihnen nicht anders als den meisten von uns, Fans der Nationalmannschaft und wollen, dass diese möglichst erfolgreich ist.

Ein beliebtes Mittel, um das Meinungsspektrum zu erweitern, sind deswegen die so genannten TV-Experten, altgediente Fußballer mit mehr oder weniger großen Erfolgen in ihrer Vita. Diese Altprofis haben in der Regel einen guten Draht zu den wichtigen Personen im Kreis der Nationalmannschaft und wissen darüber hinaus aus eigener Erfahrung, wie es dort zugeht. Dennoch sind sie für gewöhnlich unabhängig vom Wohlwollen des DFB. Das führt dazu, dass TV-Experten hier und da freier von der Leber reden als die Journalisten der übertragenden Sender. Und man nimmt es ihnen nicht übel, wenn sie sich über das Abschneiden der Nationalmannschaft spürbar freuen.



Beim ZDF erfüllt Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn diese Rolle. Bei der ARD war lange Jahre Günter Netzer der "Advocatus Diaboli", der analysieren durfte, was beim DFB-Team gut bzw. schlecht lief – und der mit Moderator Gerhard Delling ein kongeniales Duo bildete. Netzers Nachfolger, nun an der Seite von Matthias Opdenhövel, ist Mehmet Scholl. Der ehemalige Nationalspieler und Profi von Bayern München ist bekannt für seine spitze Zunge. Damit eckte er des Öfteren schon an – einmal sogar derart, dass er sich hinterher entschuldigen musste: Bei der EM 2012 hatte er Nationalstürmer Mario Gomez scharf kritisiert ("Ich hatte Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss"). Damit habe er Gomez‘ Karriere geschadet, gab Scholl einige Zeit später zerknirscht zu.


Fakt ist: Scholl ist hart in der Sache und schießt damit gerne übers Ziel hinaus. So auch nach dem gewonnen Viertelfinalspiel der deutschen Mannschaft gegen Italien, als Scholl DFB-Taktikchef Urs Siegenthaler scharf kritisierte: Er habe Bundestrainer Joachim Löw geraten, die Taktik umzustellen und dem Gegner anzupassen. "Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben und die anderen zum Training gehen lassen. (…) Jogi Löw wacht nicht nachts auf und sagt: ‚Jetzt hab ich’s: Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette‘", wetterte Scholl.
Seither prasselte reichlich Kritik auf den ARD-Experten ein. Seine Einlassungen seien schlichtweg falsch, kommentierte Lukas Rilke auf Spiegel Online. Als "dreist" bezeichnete Taktikexperte Tobias Escher bei der "Rheinischen Post" Scholls Kommentar. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff sah Scholls Kritik als Angriff auf den gesamten Trainerstab (übrigens in einem Interview auf dfb.de). Und Siegenthaler selbst verortete Scholl mal kurz im Mittelalter.

Sicher: Man kann sich über den Ton streiten, in dem Scholl seine Kritik vorgetragen hat. Dass er möglicherweise nicht hundertprozentig richtig lag: Geschenkt. TV-Experten sind dazu da, ihre Meinung zu äußern, auch wenn die womöglich abseitig ist. Das Problem ist doch vielmehr: Dass die Analyse eines TV-Experten derart hohe Wellen schlägt, zeugt auch davon, wie selten solch harten Worte in Richtung der Nationalmannschaft inzwischen geworden sind. Und das wirft leider kein gutes Licht auf diejenigen, die eigentlich für die kritischen Fragen zuständig sind.

Aus Zuschauersicht muss man daher sagen, dass Scholl mit seiner Art und seiner Meinung überaus erfrischend wirkt. Besonders vor dem Hintergrund, dass es auch bei der EM 2016 wieder einige merkwürdige Begegnungen zwischen Reportern und Nationalmannschafts-Vertretern gab. Negativer Höhepunkt in dieser Hinsicht war sicherlich ARD-Field-Reporter Jürgen Bergener, der nach dem Italien-Spiel Torwart Manuel Neuer mit den Worten empfing: "Danke auch von der gesamten ARD, dass Sie uns ein weiteres tolles Spiel beschert haben." Ernsthaft?

Es kann nicht darum gehen, Joachim Löw, Oliver Bierhoff und den Nationalspielern nun permanent verbale Granaten entgegenzuschleudern. Aber die Diskussion um die Rolle der TV-Experten (zu der übrigens auch die Frage nach deren Entlohnung gehört), führt uns womöglich wieder die Frage vor Augen, was der Zuschauer eigentlich von einer Fußball-Übertragung der Öffentlich-Rechtlichen erwarten darf. Und vor allem: Wer soll was sagen (dürfen)? Statements wie die von Mehmet Scholl gehören da sicherlich zum Gesamtbild dazu. ire

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