re:publica 2016

10 Punkte, die vom Internet-Klassentreffen übrig bleiben

re:publica 2016
re:publica/Gregor Fischer
re:publica 2016
Früher war die re:publica ihrer Zeit voraus. Doch im Mai 2016 werden in Berlin an drei Tagen die Themen abgehandelt, die auch für den Internet-Mainstream auf der Agenda ganz oben stehen: Adblocker, Instagram, Snapchat, Influencer und Content Marketing. 10 Dinge, die von der re:publica 2016 übrig bleiben.

 

1.

1. Diese Revolution frisst nicht ihre Kinder, sondern ihre Protagonisten

Die re:publica hatte schon immer die Tendenz, dass die appellativen Gesten stärker ausgeprägt waren als das Wissen um eine konkrete Strategie, wie man mögliche Misstände beseitigen kann. Diese Haltung kommt nicht von ungefähr: Es ist seit jeher das Vorrecht der Jugend, Lösungen zu fordern statt aufzuzeigen, wie sie realisiert werden können. Doch das Jahr 2016 zeigt: Die re:publica ist erwachsen geworden.

Und da liegt ein Problem: So wie Erwachsene Kinder und Jugendliche nicht verstehen (können), verstehen die Internet-Bestager nicht mehr, was ihre Kinder mit ihrem Smartphone im Netz eigentlich machen und wollen. Und sie sind zunehmend frustriert über die politische und ökonomische Entwicklung im virtuellen Raum. Die NSA spioniert, als hätte es nie Snowden gegeben. Die AfD hat mehr Facebook-Anhänger als die etablierten Parteien zusammen. Rechtsradikale Hass-Sprecher und Terroristen nutzen das Netz professioneller und erfolgreicher als Gutmenschen und Demokraten. Und ökonomisch wird das Netz von wenigen Großkonzernen beherrscht.

Der Traum, mit dem Internet eine gute Welt zu erschaffen, hat sich längst als idealistische Utopie erwiesen. All dies zeigte "Klassensprecher" Sascha Lobo in seiner "Trotzdem"-Rede in Berlin klar und deutlich auf. Trotz allem müsse man weitermachen, meint Lobo. Herbert Achternbusch lässt grüßen: Du hast keine Chance, aber nutze sie.
 Die Internet-Revolution frisst nicht ihre eigenen Kinder, sondern möglicherweise ihre Protagonisten.

2.

2. Wo bleibt das Snapchat für Erwachsene?

Was der 41-jährige Lobo auch artikulierte: Das Internet ist mittlerweile so kompliziert geworden, dass manche Angebote und Dienste selbst von Internet-Pionieren nicht mehr verstanden werden. Die Lost Generation des Internets versteht Snapchat nicht mehr, konstatiert Lobo frustriert in Berlin. Wobei er mit Lost Generation nicht den Medien- und Marketing-Mainstream meint, sondern die 8000 Menschen, die drei Tage in der Hauptstadt diskutieren.

Das mag beruhigend für all diejenigen sein, die sich nicht zu selbst erklärten Digital-Initiative gehören; Medienmanager, die verzweifelt überlegen, wie sich Content monetarisieren lässt; Journalisten, die diskutieren, ob ein Magazin, dessen Leser im Schnitt knapp unter 40 Jahren sind, auf Snapchat aktiv werden muss: Marketingmanager, die mit ihren Agenturen brainstormen, eine Kampagne auf der Datingplattform Tinder zu  realisieren (Knorr hat es gemacht). Und, und, und.

Was Sascha Lobo Kopfschmerzen bereitet, macht Joshua Arntzen überhaupt keine Probleme.

Der 14-Jährige demonstriert in Berlin verblüfften Internet-Bestagern, wie Teenager mit einer App – Snapchat – ihr Leben organisieren können, Nachrichtenlektüre inklusive. Dass Nutzer für die Services mit ihren Daten "bezahlen" stört Snapchatler wie Arntzen – zum Leidwesen der gutmenschelnden Internet-Bestager - überhaupt nicht. Warum dies so bemerkenswert ist?

  • Das mobile Zeitalter wird das Zeitalter der Monster- und Mega-Apps werden. Wenige Gatekeeper werden für viele Menschen zu Schaltzentrale ihres Lebens. Und die Mehrzahl der Menschen hat das Gesetz der Internet-Ökonomie "Daten gegen Dienste" verinnertlicht. Ob und wie Medien und Marken abseits von Google, Facebook, Snapchat & Co davon profitieren können, weiß niemand. 

3.

3. Flattr+: Altruismus als zweifelhaftes Friedensangebot

Es ist bezeichnend für die Verfassung des Digitalstandorts Deutschland, dass die beiden erfolgreichsten Software-Tools der jüngeren Vergangenheit eine Software zum Fälschen von Auto-Abgastests und eine Browser-Extension zum Blockieren von Werbung ist. Schätzungsweise rund 25 Prozent der deutschen Internet-Nutzer haben Adblocker installiert. In den USA ist der Anteil noch höher.

Tendenz weltweit: steigend. So wie es eine Welt ohne Internet nicht mehr geben wird, wird es wohl kaum noch ein Internet ohne Adblocker mehr geben.

Weltweiter Marktführer ist Adblock Plus, eine Software des Kölner Unternehmens Eyeo. Auf der re:publica verkündet Eyeo-Managerin Laura Sophie Dornheim eine Kooperation mit der 2010 von Peter Sunde und Linus Olsson gegründeten und bislang mit 30.000 Kunden nur mäßig erfolgreichen Micro-Payment-Plattform Flattr. Mit Flattr Plus wollen beide nichts weniger, als einen "Geburtsfehler des Internets zu beheben".

Flattr Plus wird, so Dornheim, "die integrierte Bezahlfunktion liefern, die dem Internet seit seiner Entwicklung vor 27 Jahren fehlt".

Grundidee: Leser werden über eine Browser-Extension in die Lage versetzt, ganz bequem für Inhalte zu bezahlen und Content damit nachhaltig zu finanzieren, ohne Werbung selbstverständlich. Die von HORIZONT abgefragten Reaktionen in der Branche fallen unterschiedlich aus, die Branchenverbände bezweifeln die Seriosität des Angebots. Kaum jemand glaubt, dass Spenden zu einem nachhaltigen und spürbaren Geschäftsmodell werden könnte. Damit lassen sich Wikipedia und die Unicef finanzieren, aber keine Medienmarken (Ausnahmen bestätigen die Regel). 

4.

4. re:publica-Liebling Twitter

Wäre die Welt gerecht, wäre Twitter die größte Meinungsplattform der Welt. Klar, dass #rpTEN drei Tage lang die Trending Topics von Twitter Deutschland beherrschte. Und klar, dass sich sehr, sehr viele re:publica-Teilnehmer die Rede von Twitter-VP Mark Little anhören wollen: Die re:publica startete 2007 schließlich als Event von Bloggern, die im Laufe der Jahre zu Twitterern wurden.

Twitter ist sympathisch; hat eine für Werbungtreibende eigentlich äußerst interessante Zielgruppe von engagierten, aufgeklärten Erwachsenen; und kann in der Tat eine einzigartige Recherche-Quelle und Meinungsplattform sein.

Doch die Präsentation des Twitter-VP zeigt (ungewollt) die Probleme des Unternehmens auf, das sich längst nicht mehr als soziales Netzwerk, sondern als Medienplattform sieht (in Apples Appstore finden Nutzer die Twitter-App nicht mehr in der Kategorie Soziale Medien, sondern bei Nachrichten). Kein Twitter-Manager ist derzeit in der Lage zu vermitteln, wie man substanzielles Wachstum erreichen will – und die Konkurrenz von Facebook und anderen abschütteln kann. Wie will beispielsweise der Livevideo-Dienst Periscope gegen das jüngst von Zuckerberg gelaunchte Facebook Live bestehen? Auch Mark Little kann in Berlin keine Antworten liefern. Stattdessen verweist er pauschal auf  die einzigartige Qualitäten des Dienstes – das regt die re:publica-Massen zum Klatschen an, wird auf Dauer aber weder Umsatz noch Nutzer steigern.

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5.

5. Content Marketing: Wenn Professoren Buzzwords kritisieren

Content Marketing ist, soviel Eigenlob muss gestattet sein, ein Branchenthema, das HORIZONT seit über zwei Jahren kritisch begleitet. Es ist schade, wenn auf dem Treffen der Internet-Vordenker nur der Diskussionsstand des Jahres 2014 wieder gegeben wird. Das mag im Zweifelsfall an den Referenten liegen: Wer pauschal den "Vormarsch der Pseudo-Journalisten" beklagt, vergisst oder verschweigt wesentliche Elemente der ganzen Debatten um Content Marketing.

Beispielsweise, dass CM im digitalen Zeitalter für Unternehmen durchaus eine sinnvolle Alternative zur traditionellen Online-Werbung sein kann.

Und zum anderen, dass im Internetzeitalter theoretisch nicht nur einzelne Menschen zu Publizisten werden können (dies war ja einer der Grundgedanken beim Start der re:publica), sondern auch Unternehmen partiell zu Medien. Content Marketing ist keine eierlegende Wollmilchsau der Kosumentenansprache, aber sie kann funktionieren. Die re:publica hätte mehr Erfolgsbeispiele verdient als – genau! – Red Bull. 

6.

6. In 5 Jahren kommen die Großeltern zu Snapchat

Snapchat, Snapchat, Snapchat. Kaum eine Session kam auf der re:publica ohne dieses Buzzword aus. Die Hype-App mit dem Geist war Gesprächsthema Nummer 1. Auch bei Joshua Arntzen, einem Internet-Enthusiasten mit einer besonderen Vorliebe für - genau: Snapchat. Der 14-jährige Schüler wurde auf der re:publica via Skype zugeschaltet (hier das komplette Video) und überraschte mit folgender Prognose: "In ein bis zwei Jahren wird es die nächste App geben und dann werden die Leute anfangen umzusteigen." Auch die nachziehende Generation wird den Jugendlichen nicht erspart bleiben. "In fünf Jahren werden wir darüber reden, warum die Jugendlichen von Snapchat weggehen und warum dort nun die ganzen Omas und Opas aktiv sind."

7.

7. Netzgemeinde traut Günther Oettinger nichts zu

Günther Oettinger, EU-Kommissar für Digitales und Gesellschaft, spricht, so sagt man sich jedenfalls, nicht gern vor Vertretern der Netzgemeinde. Er gilt bekanntlich nicht gerade als Digital-Experte, die Mehrheit der re:publica-Besucher wahrscheinlich schon. So wundert es nicht, dass der CDU-Politiker - zwei Tage nachdem die umstrittene "EU-Verordnung für ein offenes Netz" verabschiedet wurde - ordentlich Contra aus den Zuschauerrängen bekam. Zwischenrufe. Gelächter. Oettingers Reaktion: "Ich erwarte, dass man mir zutraut, mein Amt auszuüben." Noch lauteres Gelächter. Die Netzgemeinde, sie spricht dem Digital-Kommissar seine Kompetenz ab.

8.

8. Influencer Marketing kratzt nur an der Oberfläche

Schon viele Minuten vor Beginn ist kein Sitzplatz mehr frei. Zahlreiche Besucher stehen neben den Stuhlreihen und füllen die Gänge. Dutzende dürfen aus Sicherheitsgründen gar nicht erst in den Saal: Der Andrang für die Session zum Thema Influencer Marketing war riesig. Und das, obwohl nicht einmal ein bekannter Youtuber oder Instagramer auf dem Podium stand. Doch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem derzeit gehypten Marketingtrend ließ zu wünschen übrig. Was die Zuschauer zu hören bekamen, war das gängige Blabla. Beispiele: "Glaubwürdigkeit geht vor Reichweite" (Sarah Kübler, HitchOn). "Influencer müssen zur Marke passen" (Xi Chen, TLGG). Viele Zuschauer hätten sich wohl eine tiefergehende Diskussion gewünscht. Vielleicht hätte ein bekannter Youtuber der Diskussion doch gut getan.

9.

9. Und die Moral von der Digitalisierungs-Geschicht'?

Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren, Roboterjournalismus - alles Themen, die natürlich auch auf der zehnten re:publica diskutiert wurden. Das Schöne: Auch 2016 schafft es das Event, sich von vergleichbaren Konferenzprogrammen zu unterscheiden, indem es gerade den Kultur- und Geisteswissenschaften mehr Platz einräumt. Während Manager von Audi, Google, Tesla und Co auf Marketing-Conventions die Mobilität der Zukunft gerne unkritisch, dafür aber in allzu bunten Farben skizzieren, kommen auf der re:publica regelmäßig Speaker wie Kate Crawford und Maya Indira Ganesh zu Wort, die in Bezug auf Künstliche Intelligenz und selbstfahrende Autos für eine tiefergehende Betrachtung sorgen. Ihre Plädoyers für eine Big-Data- und Roboter-Ethik untermauern dabei nur, welche einschneidenden kulturellen Auswirkungen diese Dinge haben. Es ist gut, dass die andere, moralische Seite der Medaille jedes Jahr in Berlin eine große Bühne bekommt.


10.

10. Trotz allem: Trotzdem

Sind Contentanbieter in der Lage, wieder die Kontrolle über ihre Inhalte und Geschäfte zurückzugewinnen? IT-Experte Thorsten Schröder und Frank Rieger, Vorsitzender des Chaos Computer Clubs, widmen sich in einem der interessantesten Panels der re:publica der "Advertising Apocalypse".

Die besteht ihrer Meinung nach nicht darin, dass Online-Banner nerven, störungsfreie Lektüre verhindern oder zu langen Ladezeiten führen, sondern nach Meinung der beiden eine zentrale Rolle bei der Auslieferung von Schadstoff-Software spielen. Diese verdankt sich dem Umstand, dass sowohl Publisher als auch die Werbenetworks im undurchsichtigen Dickicht der Digitalwerbung die Kontrolle verloren hätten. Beim Aufruf von Artikeln aus "Spiegel", "Bild" und anderen werden Inhalte und Anfragen von bis zu 180 Servern geladen – nur rund 10 gehören in der Regel dem Publisher selbst.

Schröder und Rieger: "Unser Aufruf an die Redaktionen lautet: Versucht wieder die Kontrolle über die Websites zu bekommen, aber übertragt die Verantwortung dafür nicht immer auf die Nutzer."

Die Vision der beiden Internet-Experten: Die deutschen/europäischen Medien gründen eine nicht profitorientierte Genossenschaft, die bequeme und transparente Payment-Modelle entwickelt. Das klingt idealistisch und zeugt davon, dass die beiden ITler weder den Online-Redaktionsalltag noch die Konkurrenz der Medienhäuser wirklich kennen. Aber wenn Eyeo sich zum Spendensammler für Verlage aufmacht, sollten diese vielleicht eher überlegen, das Spendensammeln selbst zu übernehmen. vs/ron/tt



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