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In "The White Lotus" seziert Mike White die amerikanische Oberschicht auf genauso komische wie tragische Weise
© HBO
In "The White Lotus" seziert Mike White die amerikanische Oberschicht auf genauso komische wie tragische Weise
Auch 2021 konnte man sich vor neuen Serien bei Amazon Prime Video, Disney+, Netflix und Co kaum retten. Pünktlich zu Weihnachten liefert die HORIZONT-Redaktion Inspiration für die Feiertage und präsentiert ihre acht Lieblingsserien dieses Jahres.

1.

Bridgerton (Netflix)

Genau genommen dürfte Bridgerton hier gar nicht mit dabei sein. Schließlich feierte die Netflix-Serie bereits 2020 Premiere. Allerdings erst an Weihnachten. Und weil sie so viele Zuschauer mitten im harten Lockdown mit einem wohlig-warmen Gefühl ins Jahr 2021 getragen hat, darf sie natürlich nicht fehlen. Es wurde schon viel geschrieben über diese herausragende US-Serie, in der sich alles um die Londoner High Society im Jahr 1813 dreht. Auch mit einigen Monaten Distanz sind die vielen Lobeshymnen immer noch absolut berechtigt.

Die große Faszination dieser Serie liegt sicherlich vor allem darin begründet, dass sie die Zuschauer in eine Welt entführt, in der die Menschen ganz andere Probleme hatten als heute. Und bei aller Faszination für diese lange zurückliegende Zeit, entdeckt man doch, dass sich in den elementarsten Grundbedürfnissen der Menschen bis heute nicht viel geändert hat: Die stetige Suche nach Liebe und Anerkennung, der Kampf der Frauen nach Selbstbestimmung und Gleichberechtigung, die widerstreitenden Gefühle, wenn man sich gefangen fühlt zwischen Pflichterfüllung und dem Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit. All diese Themen verkörpert Bridgerton in einem klassisches Kostümspektakel, das mit einer überraschenden Leichtigkeit und Modernität daherkommt.

Eines der Schlagworte für die schwierigen Anfangsmonate des Jahres 2021 lautete Eskapismus. Diese Sehnsucht, wenigstens für ein paar Stunden aus der realen Welt mit all ihren niederschmetternden Schlagzeilen zu flüchten, hat kaum eine andere Serie so gut befriedigt, wie Bridgerton. Wie schön wäre es, auch dieses Jahr an Weihnachten wieder in diese faszinierend andere Realität eintauchen zu dürfen. Leider dauert es noch ein paar Monate, bis Staffel 2 startet. Das wäre dann auch mein einziger Kritikpunkt an dieser Serie. bu

2.

Loki (Disney+)

Die Serie "Loki", in der mit dem gleichnamigen Halbbruder des Donnergottes Thor einer der beliebtesten Bösewichte der Marvel-Filme im Mittelpunkt steht, überzeugt vor allem durch ihre humorvolle Tonalität, die zwar auch viele Marvel-Filme auszeichnet, bei den letzten davon aber oft im Schlachtengetümmel unterging. 

Die Handlung dürfte sich für nicht Comic- oder Fantasy-affine Zuschauer nach ausgemachtem Quatsch anhören: Loki hat es mithilfe des Tesserakts geschafft, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, dabei aber die Zeitlinie in Unordnung gebracht. Nun muss er der "Time Variance Authority" helfen, alles wieder in Ordnung zu bringen, oder er wird selbst aus der Zeitlinie getilgt. 

Getragen wird die Serie dabei vor allem von den beiden sich hervorragend ergänzenden Hauptdarstellern Tim Hiddleston alias Loki und Owen Wilson in der Rolle des Zeitagenten Mobius M. Mobius. "Loki" ist für Marvel-Fans ein Fest - angefangen von dem verblüffend kafkaesken Setting der Serie über die liebevoll gezeichneten, skurrilen Figuren bis hin zu der Handlung, die teilweise mit irren Wendungen aufwartet. Und im Gegensatz zu "Wanda Vision" und "The Falcon and the Winter Soldier", bei denen noch unklar ist, ob sie fortgesetzt werden, wird es von "Loki" definitiv eine weitere Staffel geben. dh 

3.

Schumacher (Netflix)

Ich gebe zu: Ich war nie großer Motorsport-Fan. Natürlich kam ich als Sportinteressierter an dem Namen Michael Schumacher nicht vorbei. Aber seinen Aufstieg vom Kerpener Kartfahrer zum erfolgreichsten Formel-1-Fahrer aller Zeiten habe ich bestenfalls zur Kenntnis genommen - begeistert hat mich dieses Thema nie. Wofür ich mich aber sehr wohl begeistern kann, sind Persönlichkeiten, die ihre Zeit geprägt haben. Die mit ihrem Können, ihrem Ehrgeiz und möglicherweise auch der einen oder anderen Macke Geschichte geschrieben haben. Und hier gehört Michael Schumacher unbedingt dazu.

Als Schumacher Ende 2013 beim Skifahren schwer verunglückte und abgesehen von der ersten Phase medialer Aufregung danach weitestgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand, verblasste auch in meinem Gedächtnis immer mehr die Erinnerung an diesen Mann, dem einst Millionen Menschen in aller Welt zugejubelt haben. Bis ich im Oktober dieses Jahres mit einem grippalen Infekt flachlag und Netflix mich durch den Tag rettete - unter anderem mit der Schumacher-Doku.

Es wäre wahrscheinlich zu viel gesagt, dass der zweifellos sehr gut gemachte Film eine Art Schumi-Begeisterung in mir geweckt hätte. Zumal der Protagonist für mich, der ich wie gesagt nie ein Fan gewesen bin, in dem 112-Minüter nicht nur sympathisch rüberkommt. Vielmehr bekam ich hier und da den Eindruck, Schumachers Ehrgeiz könne ihm mehr als nur einmal sogar im Weg gestanden haben.

Aber, und das hat mich an dem Film so beeindruckt: Er weckt für Motorsport-Ungebildete wie mich ein gutes Verständnis dafür, was die Faszination Michael Schumacher einst ausgemacht hat. Man erlebt eine facettenreiche Persönlichkeit, die bei allem Sunnyboy-Image ihre Ecken und Kanten hatte. Die auf dem Podium und bei Pressekonferenzen geweint hat. Die sich mit Konkurrenten angelegt hat. Und nach wie vor die eine überragende Bedeutung für die ganze Familie hat - die eigene, wie die globale Motorsport-Familie.

Als Schumi-Fan würde ich mich immer noch nicht bezeichnen. Und meine Unkenntnis verbietet es mir zu beurteilen, inwieweit der Film auch einen Mythos schafft. Trotzdem kann ich heute sagen: Mir ist klar geworden, wie groß die Lücke ist, die Michael Schumacher hinterlassen hat. ire

4.

Sex Education (Staffel 3, Netflix)

Es gibt nicht viele Serien, die es schaffen, von Staffel zu Staffel besser, tiefgründiger, berührender und unterhaltsamer zu werden. Die Netflix-Erfolgs-Dramedy "Sex Education" ist ein solches Beispiel. Die Serie, deren dritte Staffel seit September abrufbar ist, spielt in einer fiktiven britischen Stadt namens Moordale und dreht sich um den Teenager Otis (Asa Butterfield), der zusammen mit seiner Mitschülerin Maeve (Emma Mackey) an der Schule gegen Bezahlung Sextipps verteilt, die er in der Praxis seiner Therapeutenmutter Jean (die famose Gillian Anderson) aufgeschnappt hat.

Was zunächst wie ein allzu beliebiger Klischee-Teenie-Serienstoff klingt, ist in Wirklichkeit nur die Prämisse für einen ereignisreichen Plot und eine Vielzahl aufregender Figurenkonstellationen, die die Serie weit aus dem Einheitsbrei vergleichbarer Serien (man denke nur an die starren Charaktere aus "Tote Mädchen lügen nicht") herausragen lassen. Dabei schafft es "Sex Education" wie kaum eine andere Serie, über 20 Hauptfiguren gekonnt in den Handlungskontext einzubetten und den Zuschauern Stück für Stück und Folge für Folge näher ans Herz zu legen.

Die größte Leistung der Serienmacher besteht allerdings darin, sich den komplexen Adoleszenzproblemen und Identitätsdramen der jugendlichen Protagonist*innen auf eine progressive Art und Weise zu nähern, die nicht nur nicht peinlich oder abgegriffen ist, sondern auch perfekt den Nerv des Zeitgeists trifft. Dabei werden sexueller Missbrauch und Coming-out genauso klug thematisiert wie nicht-binäre Geschlechtsidentität oder Diversity und Toleranz im Schulalltag.

All das macht "Sex Education" zum perfekten Anschauungsunterricht für Jung und Alt, wie Teenager im 21. Jahrhundert ticken. Und bei diesen vielen wunderbaren Charakteren möchte man doch glatt selbst noch mal 17 sein. tt

5.

Squid Game (Netflix)

Keine Serie hat im Jahr 2021 für so viele Schlagzeilen gesorgt wie der Überraschungshit "Squid Game" aus Südkorea. Selbst auf Schulhöfen wurden Spiele aus der Serie zum Entsetzen von Lehrern nachgespielt. Die Handlung dürfte mittlerweile allseits bekannt sein: Eine Gruppe hochverschuldeter Menschen bekommt die Chance, an einem geheimen Ort um ein Preisgeld in Millionenhöhe zu spielen. Was die Teilnehmer zu Beginn allerdings nicht wissen: Wer in den als harmlosen Kinderspielen daherkommenden Wettbewerben verliert, bezahlt mit dem Leben. Trotzdem entscheiden sich die allermeisten Teilnehmer, bis zum bitteren Ende weiterzumachen. 

Was macht die weltweite Faszination an "Squid Game" aus? Eine große Rolle spielt sicherlich das mittlerweile schon ikonische Set-Design der Serie. Die grünen Trainingsanzüge der Kandidaten und die pinkfarbenen Uniformen der Wächter sind wie die roten Anzüge und die Dali-Masken aus "Haus des Geldes" innerhalb kürzester Zeit Teil der Popkultur geworden. 

Noch wichtiger für den Erfolg von "Squid Game" dürfte indes die bestechend einfache und doch universelle Logik der Handlung sein. Das ganze Leben ist ein Spiel – nur, dass in diesem Fall der Preis für Glück und Reichtum das eigene Leben ist. Dass die Serie nebenbei noch eine ganze Reihe anderer Themen wie den ungeheuren Leistungsdruck moderner Industriegesellschaften oder die Suche nach Glück und dem Sinn des Lebens abhandelt, dürfte ebenfalls zum enormen Erfolg von "Squid Game" beigetragen haben. dh

6.

Ted Lasso (Staffel 2, Apple TV+)

Bisher gab es genau drei Gründe für mich, begeistert vor dem Fernseher zu sitzen, wenn irgendwas mit Fußball lief: Nationalspiele der deutschen Mannschaft bei Welt- oder Europameisterschaften sowie Eintracht Frankfurt im DFB-Pokalfinale. Jetzt gibt es einen vierten: Ted Lasso. Schon die erste Staffel der Comedy-Serie, die im Sommer 2020 Premiere feierte, war überraschend unterhaltsam, lustig, ungewöhnlich, warmherzig und vielschichtig. All das haben die Macher dieses Jahr mit Staffel 2 noch einmal bei weitem übertroffen.

Die Story ist schnell erklärt: Der immer gut gelaunte, amerikanische College-Football-Trainer Ted Lasso wird Trainer bei dem mittelmäßigen englischen Premier-League-Club AFC Richmond, obwohl er keinerlei Erfahrung im Fußball hat. In England trifft er auf zahlreiche Widerstände in Form von skeptischen Fans, zynischen Spielern und kritischen Reportern. Mit seiner einzigartigen, gewinnenden Art gelingt es ihm nach und nach, auch die härtesten Gegner für sich einzunehmen und den FC Richmond wieder auf die Gewinnerstraße zu führen.

Was diese Serie wirklich ausmacht, ist jedoch nicht ihre Handlung, sondern die herausragenden Charaktere, die ihre volle Wirkung erst in Staffel 2 richtig entfalten. Dauergrinser Lasso offenbart Schwächen und zeigt, dass hinter der immer gut gelaunten Fassade ein Mensch mit Selbstzweifeln und Unsicherheiten steckt. Co-Trainer Beard, der in der ersten Staffel meist schweigsam in der Ecke sitzt, wandelt sich zum scharfsinnigen Beobachter mit einem vielseitigen Charakter, dem die Serienmacher sogar eine eigene Folge mit unglaublich bizarren Momenten schenken. "Beards Feierabend" ist eine Hommage an den 80er-Jahre-Film "After Hours" von Martin Scorsese, in dem ein Mann versucht, nach einem harten Arbeitstag nach Hause zu kommen und sich stattdessen im nächtlichen Großstadtdschungel verliert, wo ihm allerlei Merkwürdiges passiert. 

Neben Lasso und Beard wären da noch Clubbesitzerin Rebecca Welton, die so viel mehr ist als die harte Geschäftsfrau, als die sie sich gerne gibt. Oder PR-Chefin Keeley Jones, die sich vom naiven Spielerfrauchen zum echten Role Model mausert und das Herz des knurrigen Ex-Profis Roy Kent im Sturm erobert. Ganz neue Seiten von sich zeigen auch die Kicker Jamie Tartt, Dani Rojas und Sam Obisanya, Leslie Higgins, die rechte Hand von Matriarchin Rebecca und Reporter Trent Crimm. Sie alle sind wichtige Puzzleteilchen der Serie, die von den Drehbuchautoren mit sehr viel Liebe zu Detail ausgearbeitet worden sind.

Aber die wohl größte Überraschung in Staffel 2 betrifft Nathan Shelly, besser bekannt als Nate, der sich von der Hilfskraft zum Assistenztrainer hocharbeitet und in dieser Rolle einige Höhen und Tiefen erlebt, die ganz erstaunliche Auswirkungen auf seine Persönlichkeit haben. Nate ist es zu verdanken, dass die Serie mit einem echten Cliffhanger endet und viele Fans es wahrscheinlich gar nicht erwarten können bis endlich Staffel 3 startet.

Ach ja, bei aller Begeisterung für alles andere, hätte ich eines fast vergessen: In dieser Gute-Laune-Serie wird natürlich auch Fußball gespielt, angefeuert, mitgefiebert, taktiert, es fallen Tore, es passieren Niederlagen, Abstieg, Aufstieg, alles was dazu gehört. Die schönste Nebensache der Welt kommt bei Ted Lasso also keineswegs zu kurz. Aber sie bleibt dann eben doch eine Nebensache, die zwar das Leben der Protagonisten, aber nicht die Dramaturgie der Serie bestimmt. bu

7.

WandaVision (Disney+)

Für einige der unterhaltsamsten Serienerlebnisse in diesem Jahr hat Marvel gesorgt. Viele Fans waren im Vorfeld skeptisch, wie die Macher das Marvel Cinematic Universe in Serienform weiterfühern würden. Doch "Wanda Vision" belehrte die Skeptiker Anfang des Jahres eines Besseren.

Schon der Auftakt der Serie ist fulminant: Die ersten Folgen sind ein wilder Ritt durch ein halbes Jahrhundert Fernsehgeschichte – jede Folge spielt in einer anderen TV-Epoche, beginnend in den 50er Jahren. Dabei wurde jede Folge im Stil der jeweiligen Zeit gefilmt – angefangen von der Farbgebung (die ersten beiden Folgen sind komplett schwarz-weiß) über die liebevolle Ausstattung bin hin zu den zeittypischen Vorspännen.

Dass man als Zuschauer dabei erst einmal völlig im Dunkeln tappt, was das jeweilige Zeitcolorit eigentlich mit der Handlung zu tun hat, tut dem Spaß dabei überhaupt keinen Abbruch – ganz im Gegenteil. Auch dass "WandaVision" etwa in der Mitte mit dem Erzählschema der ersten Folgen bricht und schließlich mit einem Marvel-typischen Finale und einer großen CGI-Schlacht von Gut gegen Böse endet – geschenkt. Mit "Wanda Vision" hat Marvel-Mastermind Kevin Feige das MCU erfolgreich in die TV-Welt überführt. dh

8.

The White Lotus (HBO/Sky)

Wer der dekadenten weißen Oberschicht schon immer einmal genüsslich dabei zusehen wollte, wie sie sich in einem Luxushotel auf der Sehnsuchtsinsel Hawaii selbst seziert, der muss sich die großartige HBO-Serie "The White Lotus" (hierzulande bei Sky verfügbar) anschauen. Der für seine gesellschaftskritischen Filme und Serien bekannte Drehbuchautor und Regisseur Mike White ("School of Rock") zeichnet in sechs Episoden das Bild eines genauso privilegierten wie moralisch verdorbenen Amerikas, indem er eine Art Kammerspiel mit einer einzigartigen Mischung aus derber Komik und wuchtiger Tragik inszeniert.

In dem traumhaften Luxus-Resort "White Lotus" trifft gleichzeitig eine illustre Gruppe aus acht Hotelgästen ein, die allesamt eine entspannte und luxuriöse Woche verbringen wollen: Da ist die Familie Mossbacher um die Mutter und erfolgreiche Businessfrau Nicole (Connie Britton), das frisch vermählte Ehepaar Shane und Rachel Patton sowie die reiche Erbin Tanya McQuoid (grandios: Jennifer Coolidge), die die Asche ihrer verstorbenen Mutter im Meer verstreuen will. Auch wenn zu Beginn alles vollkommen idyllisch erscheint, geraten doch alle Gäste - genauso wie der umtriebige Hotel-Manager Armond (Murray Bartlett), der stets um das Wohl seiner Gäste bemüht scheint - nach und nach in persönliche Krisen. Und die haben es in sich.

Es ist ein wahres Spektakel, den verschiedenen Protagonisten in "The White Lotus" dabei zuzusehen, wie sie ausgerechnet im vermeintlichen Traumurlaub immer tiefer auf die Katastrophe zusteuern, die am Ende der Serie wartet. Kapitalismuskritik war lange nicht mehr so bitterböse und irrsinnig! tt

Zusammengestellt von Bärbel Unckrich, David Hein, Ingo Rentz und Tim Theobald

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