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Storytelling mit ganz viel Wucht: die HBO-Dramaserie "Euphoria" um die Hauptfiguren Jules (Hunter Schafer) und Rue (Zendaya Maree Stoermer Coleman)
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Storytelling mit ganz viel Wucht: die HBO-Dramaserie "Euphoria" um die Hauptfiguren Jules (Hunter Schafer) und Rue (Zendaya Maree Stoermer Coleman)
Das große Finale von "Game of Thrones", die mit Spannung erwarteten neuen Staffeln von "Stranger Things" und "Haus des Geldes" oder epische Miniserien wie "Chernobyl": Das Serienjahr 2019 hatte viele Glanzlichter zu bieten. Auch die HORIZONT-Redaktion hat in den vergangenen zwölf Monaten viele Serien geschaut und präsentiert ihre ganz persönlichen Lieblingsserien des Jahres.



1.

Euphoria (HBO)

Teenager-Dramen haben im TV eine lange Tradition. Man denke nur an "Beverly Hills, 90210", "Dawson’s Creek" und "O.C., California". Nachdem vor zwei Jahren die Netflix-Serie "13 Reasons Why" (deutscher Titel: "Tote Mädchen lügen nicht") für viel Diskussionsstoff sorgte, weil Suizid darin eine große Rolle spielt und vermeintlich romantisiert wird, sorgt in diesem Jahr HBO mit dem intensiven Highschool-Epos "Euphoria" für Aufsehen. Serienmacher Sam Levinson ("Assassination Nation") erzählt in starken, düsteren Bildern von der 17-jährigen Rue (gespielt von Disney-Star Zendaya Maree Stoermer Coleman), die gerade einen Drogenentzug hinter sich hat, aber gar nicht daran denkt, clean zu bleiben. Als sie die neu in die Stadt gezogene Außenseiterin Jules (die herausragende Hunter Schafer in ihrer ersten Schauspielrolle) kennenlernt, wird die reichlich traumatisierte Protagonistin erst recht durcheinandergewirbelt.

Neben den beiden Hauptfiguren geht es in "Euphoria" aber noch um ein halbes Dutzend weiterer Charaktere, deren Leben kaum weniger problembeladen ist. Sie alle sind fast ausschließlich mit sich und der Erfüllung des eigenen Selbstbildes beschäftigt. Die vielen expliziten Darstellungen von Sex, Partys und Drogenexzessen bilden dabei die Oberfläche. Darunter geht es in mehreren Erzählsträngen um sexuelle Identität, emotionalen und physischen Missbrauch, Mobbing, Pornografie, Depression und Sucht. Am Ende steht ein schonungslos realistisches Porträt der amerikanischen Vorstadt-Jugend der Generation Z, das auf den Zuschauer wirkt wie ein heftiger Cocktail aus "Kids", "Trainspotting" und eben "13 Reasons Why". Und von dem er am Ende nicht weiß, ob er sich nach dem letzten Abspann aufgekratzt schlafen legen kann oder sich doch erst einmal übergeben muss. Tim Theobald




2.

Mindhunter (2. Staffel, verfügbar bei Netflix)

Die Magazine Stern Crime und Zeit Verbrechen, diverse Podcasts wie "Mordlust", dazu TV-Formate wie "Morddeutschland " beim NDR oder der ZDF-Dauerbrenner "Aktenzeichen xy… ungelöst": Das Genre True Crime fasziniert die Menschen wie sonst wahrscheinlich nur Sport und Sex. Auch Netflix hat das erkannt und bietet seinen Nutzern diverse Serien aus diesem Bereich an. "Making a Murderer" ist hier an erster Stelle zu nennen, aber auch "The Staircase" sorgte für viel Aufmerksamkeit (und wurde im vergangenen Jahr an dieser Stelle von der HORIZONT-Redaktion vorgestellt).

In der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas unter dem Radar fliegt "Mindhunter". Völlig zu Unrecht: Die Serie über den Beginn der systematischen Anwendung der Tiefenpsychologie beim FBI in den 70er Jahren gehörte bereits in ihrem Erscheinungsjahr 2017 zu den absoluten Favoriten der deutschen Netflix-Nutzer. Das dürfte nicht nur damit zusammenhängen, dass der Zuschauer in der Serie einen Blick in die Gedankenwelt von realen Serienkillern wie Edmund Kemper, David Berkowitz oder Dennis Rader erhält. Die Macher um Joe Penhall und Jim Davidson entwerfen außerdem ein Beziehungsgeflecht zwischen den Hauptfiguren, in dem es vor atmosphärischen Spannungen nur so knistert. Das Interessante daran: Obwohl die Protagonisten ihren Lebensunterhalt damit verdienen, das Denken und Handeln von Psychopathen, Sadisten und Narzissten nachzuvollziehen, kommen sie kaum mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten zurecht. Da ist der schon etwas ältere Detective Bill Tench, der seelenruhig die Taten eines mehrfachen Mörders decodiert, aber kaum in der Lage ist, eine Beziehung zu seinem äußerst verschlossenen Adoptivsohn aufzubauen. Oder Tenchs wesentlich jüngerer Kollege Holden Ford, der zwar geistig brilliant, in seinem Sozialverhalten aber verschroben bis zur Beziehungsunfähigkeit ist. Wer also auf komplexe Geschichten mit einem Schuss Mord und Totschlag steht, wird "Mindhunter" lieben. Ingo Rentz



3.

Russian Doll (verfügbar bei Netflix)

Als ich zum ersten Mal von "Russian Doll" gehört habe, dachte ich: Och nö, nicht schon wieder so eine "Und täglich grüßt das Murmeltier-Geschichte". Gibt's doch mittlerweile schon in zig Variationen, sogar als Tatort. Auf die Empfehlung eines Kollegen hin habe ich mir "Russian Doll" trotzdem angeschaut - und es hat sich gelohnt! Natasha Lyonne ("Orange Is The New Black") spielt die frustierte New Yorkerin Nadia, die ausgerechnet am Abend ihres 36. Geburtstages von einem Auto überfahren wird - und sich kurz darauf wieder auf ihrer Geburtstagsparty wiederfindet, von der sie vor wenigen Minuten abgehauen ist. Ihre immer absurder anmutenden Versuche, ihrem Schicksal zu entkommen, scheitern allesamt früher oder später - insofern setzt auch "Russian Doll" die Tradition anderer "Murmeltier-Filme" fort. Allerdings - und das macht die Netflix-Serie so sehenswert - beginnt die Hauptfigur irgendwann ihr Leben zu hinterfragen und versucht so, den Kreislauf zu durchbrechen. 

Neben der ungewöhnlichen Metaebene lohnt sich "Russian Doll" vor allem wegen Hauptdarstellerin Natasha Lyonne. Die Schauspielerin, die sich spätestens mit der Frauenknast-Serie "Orange Is The New Black" endgültig von ihrem Teeniestar-Image befreien konnte, das ihr seit ihrem Durchbruch mit "American Pie" nachhing, legt in "Russian Doll" eine großartige Performance hin. Lyonne, die auch am Drehbuch mitwirkte, arbeitet sich in der Netflix-Produktion offensichtlich auch an ihren eigenen Dämonen ab. In der Serie wird reichlich geraucht, gekifft, gesoffen und gehurt - auch Lyonne hatte in der Vergangenheit mit Drogen- und Alkoholproblemen zu kämpfen und gibt ihrer chaotischen, aber höchst liebenswerten Protagonistin mit verlorenem Hundeblick eine glaubhafte Tiefe, die man in Serien nicht tagtäglich zu Gesicht bekommt. Nicht zuletzt, so viel sei verraten, vermittelt "Russian Doll" trotz des zuvor dominierenden Fatalismus 
am Ende durchaus Hoffnung. Die Serie ist auf insgesamt drei Staffeln angelegt. Für die zweite Staffel hat Netflix bereits grünes Licht gegeben. David Hein


4.

"Love, Death & Robots" (verfügbar bei Netflix)

Bei "Love, Death & Robots" handelt es sich nicht um eine klassische Serie mit fortlaufender Handlung, sondern um eine Anthologie-Serie: Ähnlich wie in "Black Mirror" ist jede der acht Folgen in sich abgeschlossen. Das Besondere: Sämtliche der zwischen 5 und 15 Minuten langen Kurzfilme sind animiert. Die inhaltliche Bandbreite reicht von lustigen Zeichentrickepisoden über düstere Science-Fiction-Visionen und Fantasygeschichten bis hin zu hartem Horror. Auch stilistisch hat jede einzelne Folge eine eigene Handschrift. Einige Episoden erinnern an Animationsfilme für Kinder, andere an fotorealistische Sequenzen aus Videospielen, wieder andere wirken wie zum Leben erweckte klassische Graphic Novels. Kleine Meisterwerke sind sie allesamt.

Im Trailer warnt Netflix: "Die folgende Vorschau ist nur für gestörte Zuschauer geeignet." Ganz so schlimm ist "Love, Death & Robots" dann doch nicht. Wer Science-Fiction-Schocker wie "Alien" oder "Das Ding aus einer anderen Welt" liebt, der wird an "Love, Death & Robots" seine helle Freude haben. Regie führten der Animationsexperte Tim Miller ("Deadpool") und Starregisseur David Fincher ("Sieben", "Mindhunter", "Gone Girl"). David Hein

5.

Carnival Row (verfügbar bei Amazon Prime Video)

Feen sind eigentlich nicht so mein Ding, sondern vielmehr etwas für meine siebenjährige Tochter. Dachte ich zumindest bis zur 1. Folge von "Carnival Row": Als potenzieller Nachfolger des Jahrhundert-Dramas "Game of Thrones" wurde "Carnival Row" zum Start von manchen Kritikern hochgelobt. Das ist die Amazon-Serie, die zunächst eher wirkt wie eine Mischung aus "GoT", "Jack The Ripper" und "Braveheart", definitiv nicht. Was "Carnival Row" so außergewöhnlich macht: Die Serie ist eine imponierende und hochaktuelle Auseinandersetzung mit Themen wie Rassismus, Faschismus, Krieg und Gewalt gegen Flüchtlinge. Acht Folgen hat die erste Staffel. Es hätten einige mehr sein können. Aber die werden bestimmt folgen. Volker Schütz
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