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Karl-Theodor zu Guttenberg auf dem Deutschen Medienkongress
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Zu Guttenberg beim #DMK19

"Schicken Sie Ihre Mitarbeiter zum Lernen nicht ins Silicon Valley, sondern nach Shenzhen"

Karl-Theodor zu Guttenberg auf dem Deutschen Medienkongress
Die Welt in Unordnung, die Impulslosigkeit der EU, Trump, der Machtanspruch Chinas sowie Google und Co, die Felder staatlichen Handelns übernehmen. Es ist ein großer Bogen, den Ex-Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg beim Deutschen Medienkongress zieht.
von Michael Reidel Dienstag, 22. Januar 2019
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Falls sich jemand mal gefragt hat, ob Karl-Theodor zu Guttenberg Kanzler kann. Er kann es - zumindest, was das Zeichen der Macht angeht. Hier und da die Hände zusammen, dann die Arme wieder ganz geöffnet, manchmal die Hände einfach zur perfekten Merkel-Raute geformt. Reden? Das kann der heutige Chairman von Spitzberg Partners LLC sowieso. Der ehemalige Bundeswirtschafts- und Verteidigungsminister sprach beim Deutschen Medienkongress in der Alten Oper zu Frankfurt über ein Thema, das kaum größer hätte sein können. "Weltordnung in Transformation". Und auch wenn er in einem HORIZONT-Gespräch im Vorfeld des Kongresses erneut alle politischen Ambitionen von sich weist, gibt Guttenberg den Pfadfinder, erklärt, zeigt Zusammenhänge und langfristige Entwicklungen auf, nennt die Gefahren für die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

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Er führt die Gäste der größten Auftaktveranstaltung der Branche  zu so ziemlich jedem Krisenherd der Welt, angefangen vom Weißen Haus über den vergessenen Nachbarkontinent Afrika, wo künftig 40 Prozent der Weltbevölkerung leben, bis nach China. Mit den Zwischenstationen Putin und EU, der er eine "atemberaubende Impulslosigkeit" unterstellt. "Diese Entwicklungen haben bei den Menschen ein Höchstmaß an Verunsicherung geschaffen." Und weiter: "Das ist der Nährboden für populistische Entwicklungen und leichte nationale oder nationalistische Antworten."


„Wenn Facebook heute 2,3 Milliarden Nutzer hat, dann erschließt sich daraus ein gewaltiges Machtpotenzial. Das kann man nicht einfach vom Tisch wischen.“
Karl-Theodor zu Guttenberg
Doch zu den Risiken für die freiheitlich-demokratische Ordnung gehört auch ein Trend, den er "vom Government zum Googlement" bezeichnet. "Die großen Techkonzerne haben lange Zeit unbemerkt Kernelemente staatlichen Handelns mitübernommen und beeinflusst", sagt der ehemalige Politikstar der CSU. Und weiter. "Wenn Facebook heute 2,3 Milliarden Nutzer hat, dann erschließt sich daraus ein gewaltiges Machtpotenzial. Das kann man nicht einfach vom Tisch wischen." Wie mächtig die Konzerne sind, erläutert Guttenberg auch an Alphabet. Die Google-Mutter hatte im Jahr 2017 Einnahmen von 111 Milliarden US-Dollar - das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt der Ukraine, von Marokko oder Ecuadors. "Google bestimmt heute erheblich die Wertigkeit eines Unternehmens mit." Auf diese Machtfülle reagieren die klassischen staattlichen Institutionen aus seiner Sicht entweder mit Panikattacken oder "nacheilendem Agieren ohne irgendwelche Kreativität". "Es gibt faktisch eine Machtverschiebung", stellt er fest.

Guttenberg fordert dazu auf, über einen neuen Gesellschaftsvertrag nachzudenken. Vor allem, weil ein Blick nach China reiche, wie politische und technologische Entwicklungen ineinanderfließen können, um Systeme zu verändern.  Das Reich der Mitte habe längst einen globalen Anspruch formuliert, der tief in die geopolitischen Strukturen reicht. Und es gäbe in Europa Personen, die durchaus eine Sympathie für das chinesische System entwickeln. Es sei ein Fehler, China zu unterschätzen, ist Guttenberg überzeugt. "Schicken Sie Ihre Mitarbeiter zum Lernen nicht ins Silicon Valley,  sondern nach Shenzhen. Dann spüren Sie die globalen Machtverschiebungen."


Für ihn ist es daher an der Zeit, jetzt die Systemfrage zu debattieren, auch auf den Medienplattformen. Dabei sieht er die weltweite Unordnung und die Macht der Techkonzerne durchaus auch als Chance an. "Europa hat die Möglichkeit, sich hier zu positionieren." Also eine eigene Sicht und Standpunkte zu entwickeln und so der globalen politischen und ökonomischen Risiken zu trotzen. Da klingt er wieder wie ein Berater. Oder wie jemand, der vielleicht doch eines Tages zurückkehrt auf die politische Ebene. mir
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