Wahlkampf-Werbung

Die Grünen kapern CDU-Slogan und ersetzen Politiker durch Flüchtlinge

Die Grünen werben für Toleranz
© Die Grünen
Die Grünen werben für Toleranz
"Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben", lautete der vielbeachtete und wegen des gewöhnungsbedürftigen Hashtags #fedidwgugl häufig verspottete Werbeslogan der CDU im Bundestagswahlkampf 2017. In Hessen, wo am 28. Oktober Landtagswahlen stattfinden, sind aktuell wieder Wahlkampfplakate mit dem (minimal abgewandelten) Spruch zu sehen. Bloß, dass diesmal nicht die CDU der Absender ist, sondern die hessischen Grünen. Auch in Bayern geht die Partei bei der Plakatwerbung neue Wege.
"Für ein Land, in dem wir gut und gerne lieben", steht auf einem von zahllosen Plakaten, mit denen die Grünen unter anderem in Frankfurt am Main um Wähler werben. Was das Motiv besonders macht, sind die abgebildeten Turteltäubchen. Denn hier liebkosen und küssen sich nicht Mann und Frau, sondern zwei Frauen. "Was wir von der Liebe lernen können: Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder Herkunft spielen keine Rolle. Wir kämpfen für eine offene Gesellschaft, in der alle ohne Angst leben können", heißt es im Copytext des Motivs, von dem es eine weitere Version mit zwei Männern gibt.


Die Grünen kapern den Slogan der CDU
© hor
Die Grünen kapern den Slogan der CDU
Entwickelt wurde das Motiv genau wie die gesamte Wahlkampf-Kampagne der hessischen Grünen von einer Customized Agency unter Leitung von Cornelis Stettner. Der frühere Ressourcenmangel- und A&B-One-Manager hat für den auf Zeit geschaffenen Dienstleister eine Reihe kreativer Werbe-Freelancer und spezialisierter Produktionen um sich geschart. Neben den Plakaten entwirft Stettner mit seinem Team auch Großflächen-Motive, TV- und Radio-Spots sowie Social-Media-Aktionen, die dann in Zusammenarbeit mit den Grünen finalisiert werden. 

Dass die Grünen wegen der Verfremdung des CDU-Slogans noch Ärger bekommen könnten, hält man beim Landesverband in Wiesbaden für unwahrscheinlich. Ohnehin geht man ziemlich selbstbewusst mit dem Thema um. Partei-Sprecher Volker Schmidt ist der Ansicht, dass die Ergänzung des CDU-Slogans dem Spruch "endlich Tiefe" verleiht. "So passt er deutlich besser zu uns, als er zur Union gepasst hat", sagt Schmidt gegenüber HORIZONT Online.


Landtagswahlkampf: Ausgewählte Plakatmotive der bayerischen und hessischen Grünen


Sehr einfallsreich präsentieren sich die Grünen derzeit auch in Bayern, wo die Wähler bereits etwas früher als in Hessen, nämlich am 14. Oktober, zu den Urnen gerufen werden. In München und Nürnberg sind aktuell Plakate zu sehen, auf denen nicht wie sonst üblich die Kandidaten der Partei präsentiert werden, sondern Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und sich erfolgreich integriert haben. "Toufik ist Geflüchteter und kümmert sich um deine Gesundheit seit 2 Jahren" ist eines der Motive überschrieben, das einen syrischen Flüchtling zeigt, der sich zum Krankenpfleger ausbilden lässt. 

Klug ist dabei, dass nicht nur Geflüchtete der vergangenen Jahre gezeigt werden. So werden auch Eddi, der während des Jugoslawienkriegs aus seiner Heimat nach Deutschland flüchtete und seit 10 Jahren hierzulande ein Kiosk betreibt, und die seit 52 (!) Jahren in Deutschland lebende Ilona mit einem eigenen Motiv gewürdigt. "In einer Zeit, in der CSU und AfD sich einen Kampf um die Rechtesten der Rechten liefern, ausgetragen auf dem Rücken der sozial Schwächsten, muss ein klares Zeichen gesetzt werden. Denn die letzte sogenannte Flüchtlingswelle ist nicht die erste, mit der sich unsere Gesellschaft konfrontiert sieht. Erfolgreiche Integration war und ist möglich", erklärt Nadja Bergelt-Stephan, die verantwortliche Kundenberaterin der Münchner Kreativagentur David + Martin, die Stoßrichtung der Kampagne.

Marc Decker, Geschäftsführer der bayerischen Grünen, geht noch einen Schritt weiter. Die Kampagne "Geflüchtet – ja und?" solle darauf aufmerksam machen, dass Geflüchtete aus der jetzigen Gesellschaft schon nicht mehr wegzudenken sind. "Sie gehören zu Bayern wie Dirndl oder Berge. Leider haben diese Menschen kaum eine Möglichkeit, ihre Geschichte zu erzählen. Das wollten wir ändern und dieser Normalität drei Gesichter geben", sagt Decker. mas
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