Umstrittener Auftritt bei Bild TV

Der vemeidbare PR-Gau der Bundesministerin Julia Klöckner

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TV-Koch Johann Lafer und Bundesministerin Julia Klöckner kochten gemeinsam bei Bild TV - ein Auftritt mit Folgen
© Screenshot bild.de
TV-Koch Johann Lafer und Bundesministerin Julia Klöckner kochten gemeinsam bei Bild TV - ein Auftritt mit Folgen
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) befindet sich seit dem Wochenende in Erklärungsnot: Am Sonntag war Ministerin Julia Klöckner in einer Kochsendung mit TV-Koch Johann Lafer bei Bild TV zu sehen. Präsentiert wurde das Format von der Supermarktkette Kaufland. Angeblich wusste man im Ministerium nichts von diesem Sponsoring – allerdings war bereits Tage vor der Ausstrahlung öffentlich, dass ein Werbungtreibender involviert war.
So erschien am Donnerstag, den 30. April und damit drei Tage vor Ausstrahlung des Formats in der gedruckten Bild ein redaktioneller Hinweis auf das Format "Kochen mit Lafer" (siehe Screenshot aus dem E-Paper).


Darin heißt es: "Gerade in Zeiten von Corona und Home Office sind Eltern dankbar für einfaches, aber gutes Essen. Dafür hat Starkoch Johann Lafer (62) das passende Rezept! Ein Drei-Gänge-Menü mit gefüllten Frikadellen, frischem Rucolasalat und süßem Apfelschaum – für 25 Euro! Das Menü für vier Personen (für zwei Erwachsene, zwei Kinder) bereitet er mit Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (47, CDU) am 3. Mai in der Sendung "Kochen mit Lafer" um 11 Uhr auf BILD.de zu." In einem Störer zwischen Bild und Text ist das Kaufland-Logo sowie der Hinweis "präsentiert von" zu sehen.
Ausschnitt aus dem E-Paper der Bild-Zeitung vom 30. April 2020
© Axel Springer
Ausschnitt aus dem E-Paper der Bild-Zeitung vom 30. April 2020
Doch damit nicht genug: Bereits am Freitag vor der Ausstrahlung veröffentlichte Bild ein Teaser-Video für die Sendung, in dem das Kaufland-Sponsoring sichtbar wird. Es wären für das BMEL also mindestens noch zwei Tage Zeit gewesen, die Sendung zu stoppen und den PR-Gau zu minimieren. Aber offensichtlich liest man im BMEL nicht – oder nicht besonders aufmerksam - die Bild. Denn das Ministerium versicherte noch am Tag der Ausstrahlung des Formats, nichts von dem Sponsoring gewusst zu haben. "Dass die besagte Kochsendung von einer Supermarktkette gesponsert wird, war dem Bundesministerium und der Bundesministerin nicht bekannt - weder im Vorfeld, noch zum Zeitpunkt der Aufzeichnung (aufgezeichnet wurde am Dienstag, 28. April). Das Bundesministerium geht keinerlei Sponsorpartnerschaften ein", heißt es in einer Erklärung, die auf der BMEL-Website zu lesen ist.

Auch nachdem HORIZONT eine Sprecherin des Ministeriums auf den Bild-Artikel vom 30. April hingewiesen hat, verwies die Sprecherin auf den Wortlaut des bereits veröffentlichten Statements. Auch die Frage, ob das Format vor der Ausstrahlung durch die Pressestelle des Ministeriums abgenommen wurde, bleibt unbeantwortet. Bei Axel Springer wollte man sich nicht zu der Angelegenheit äußern.


Sollten Klöckner und das BMEL tatsächlich nicht über die Beteiligung von Kaufland an der Sendung informiert gewesen sein, wäre das in der Tat ein schweres Versäumnis von Seiten der Einladenden, in diesem Fall Lafer, der Produktionsfirma und natürlich Axel Springer. Allerdings zeigt der oben genannte Bild-Ausschnitt, dass man im Ministerium schon vor der Ausstrahlung davon hätte wissen können. Hier zeigt sich wieder einmal der Wert von in vielen Unternehmen und Behörden obligatorischen Presseclippings.

War das Ganze also wirklich nur ein Missverständnis? Möglich. Es gibt aber auch Branchenkenner, die sich über den Vorgang extrem überrascht zeigen, weil dabei offensichtlich einige Standards verletzt wurden. Etwa Alf Frommer. Der ist Executive Creative Director bei Ressourcenmangel. Die Agentur aus der Hirschen-Group arbeitet etwa für das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, das Staatsministerium Baden-Württemberg und die Senatskanzlei Berlin. Frommer twitterte: 
Die Kritik an Klöckner richtet sich aber nicht nur gegen den Auftritt in einer gesponserten Sendung. So war in dem bereits am Freitag veröffentlichten Teaser zu sehen, wie Johann Lafer die Zutaten für das Menü einkauft. Das Hackfleisch stammte dabei von konventionell gehaltenen Rindern – "Billigfleisch", so der Vorwurf aus der Twitter-Community. Dass weder Lafer noch Klöckner in der Sendung einen Mund-Nasen-Schutz trugen und auch den empfohlenen Mindestabstand von 1,5 Metern nicht immer einhielten, kommt noch obendrauf.
Sowohl Einkauf als auch Warenauswahl seien durch die Produktionsfirma und Lafer erfolgt, erklärte das BMEL hierzu auf Twitter. In der Pressemitteilung auf der Homepage des Ministeriums heißt es: "Ziel der Sendung war es, für die vielen Familien, die in Zeiten der Corona-Krise vermehrt zuhause kochen, Tipps für ein ausgewogenes Essen zu geben - auch bei kleinem Geldbeutel, zumal viele mit dem gekürzten Gehalt (Kurzarbeitergeld) auskommen müssen. Zweites Ziel war es, ernährungspolitische Themen beim Kochen zu besprechen: Vermeidung von Lebensmittelabfällen, Wertschätzung regionaler Produkte und die Preisentwicklung von Obst und Gemüse. Dies sind unter anderem die politischen Themen des Bundesernährungsministeriums."

Zusätzliche Brisanz bekommt Klöckners Auftritt außerdem dadurch, dass die Ministerin erst vor Kurzem für die Zusammenarbeit mit einem Unternehmen schwer in der Kritik stand. Vor knapp einem Jahr war sie gemeinsam mit Nestlé-Deutschlandchef Marc-Aurel Boersch in einem Video zu sehen, in dem die Erfolge des FMCG-Riesen bei der Reduzierung des Zucker-, Salz und Fettgehalts in seinen Lebensmitteln gewürdigt werden.

Klöckner wurde damals vorgeworfen, dass sie sich für PR-Zwecke eines Unternehmens einspannen lasse. Den Vorwurf der Schleichwerbung räumte die Medienanstalt Berlin-Brandenburg allerdings aus. ire
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