Umfrage

Brexit sorgt für Schnappatmung bei Branchenverbänden

In Deutschland geht die Brexit-Angst um
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In Deutschland geht die Brexit-Angst um
Nach dem deutlichen "No" des britischen Parlaments zum Brexit-Deal stehen Großbritannien unruhige Zeiten bevor – auch der Werbeindustrie. Bereits im Jahr 2018 sind die Spendings auf der Insel nicht mehr gewachsen, wie ein aktueller Report des Werbeinstituts IPA zeigt. Mit einem ungeordneten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU dürfte sich die Konjunktur weiter eintrüben. Und in Deutschland? Eine HORIZONT-Umfrage unter hiesigen Verbänden zeigt, dass auch hierzulande die Verunsicherung groß ist. Das gilt vor allem für die Werbungtreibenden.
Ein harter Brexit – für die meisten der rund 2500 deutschen Unternehmen in Großbritannien wäre das ein Albtraum. So berichtet Ralf E. Strauß, Präsident des Deutschen Marketingverbands, von einer wachsenden Nervosität der im Vereinigten Königreich aktiven Mitgliedsfirmen. Der Brexit sei "das ungelöste Megathema", das Unternehmen eine ungewisse Zukunft beschere. Im Falle eines ungeordneten Austritts würde der Handel zwischen Deutschland und Großbritannien "massiv getroffen", fürchtet Strauß. Die Angst in den deutschen Vorstandsetagen sei nach dem Scheitern des Deals mit der EU daher auch deutlich gestiegen, vielerorts stelle man sich auf "starke Umsatzeinbußen" ein, so Strauß. Das hat schon jetzt Konsequenzen: "Einige Unternehmen haben angekündigt, die Produktion in Großbritannien ab April ruhen zu lassen, Personal zu verlagern oder Geschäfte einzustellen", verrät der Verbandschef.


Alarmiert ist man auch beim Markenverband. Laut Hauptgeschäftsführer Christian Köhler haben schon die Vorbereitungen auf einen geordneten Ausstieg die Mitgliedsfirmen enorm belastet. Die Gefahr eines harten Brexits bedeute eine nochmalige Zunahme dieser Anstrengungen. "Dies bindet zusätzlich Ressourcen in den Unternehmen, die bei Marktbearbeitung, Innovation und Wachstum fehlen."

Die To-do-Liste für die Werbungtreibenden ist in der Tat lang, denn die Bedrohungen sind vielfältig. Laut Köhler könnten Unternehmen, die ihre Marken nicht in Großbritannien eingetragen, sondern über die EU-weit gültige Unionsmarke geschützt haben, ihren Markenschutz auf der Insel verlieren. Auch Kostenbelastungen durch Zölle oder noch unklare Einfuhr- und Exportregeln seien denkbar. Bei Fusionen könnten sogar parallele Genehmigungsverfahren innerhalb der EU und in Großbritannien drohen. "Diese Vielschichtigkeit zeigt auch, dass es für jedes Unternehmen eine absolut individuelle Herausforderung ist und es keine sogenannten Patentrezepte gibt", sagt Köhler. Ein Problem, mit dem im Fall der Fälle ausnahmslos alle umgehen müssten, ist das drohende Datenchaos. Denn: Nach einem harten Brexit müssten deutsche Unternehmen ihre britischen Geschäftspartner und Kunden behandeln, als säßen sie außerhalb der EU. "Der Datenverkehr mit einem Land wie Uruguay ist ab dem 30. März einfacher als mit dem Vereinigten Königreich", sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Wer dies missachte, verstoße gegen die Datenschutz-Grundverordnung – mit den bekannten hohen Bußgeldrisiken.


Es gibt aber auch vereinzelte Hoffnungsschimmer. So rechnet der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) fürs Erste nicht damit, dass die Unternehmen ihre Spendings im großen Stil herunterfahren. "Auch ein ungeregelter Brexit wird die rein national strukturierte Werbewirtschaft jedenfalls nicht unmittelbar belasten", sagt Hauptgeschäftsführer Manfred Parteina. Sollte sich die konjunkturelle Verunsicherung jedoch weiter verdichten oder es zu einer wirtschaftlichen Abwärtsbewegung und einem sich verschlechternden Konsumklima in Deutschland kommen, dann schließt auch der ZAW-Chef eine Bremsspur in der hiesigen Werbewirtschaft nicht aus.

Ganz ähnlich sieht man das beim Gesamtverband Kommunikationsagenturen. "Wir rechnen mit überwiegend allenfalls mittelbaren Effekten durch eine langfristige volkswirtschaftliche Eintrübung", sagt GWA-Präsident Benjamin Minack. Zwar seien Ausnahmen möglich, etwa "Agenturen mit betroffenen Schwerpunktthemen". Dafür sieht er auch Chancen, etwa im Talentmarkt. Dabei denkt er an einen Zuzug von Fachkräften, die bislang in UK tätig sind. mas
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