Die Fahrradhelm-Kampagne von Scholz & Friends und dem BMVI steht in der Kritik
© Runter vom Gas
Die Fahrradhelm-Kampagne von Scholz & Friends und dem BMVI steht in der Kritik
Am Freitag launchte das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) zusammen mit Scholz & Friends eine Kampagne, die junge Menschen für die Wichtigkeit von Fahrradhelmen im Straßenverkehr sensibilisieren soll. Eigentlich eine gute Sache. Doch der Schuss ging nach hinten los. Vor allem aus dem Lager der SPD hagelte es schnell Kritik an der von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mitinitiierten Kampagne, auf deren Motiven leicht bekleidete Models mit Fahrradhelm zu sehen sind. Mehrere Politikerinnen fordern nun gar den Stopp der Werbeaktion.
"Es ist peinlich, dumm und sexistisch, wenn der Verkehrsminister seine Politik mit nackter Haut verkauft", sagte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, Maria Noichl, der Bild am Sonntag (Paid). Frauen fühlten sich dadurch beleidigt. "Deshalb: Runter mit den Plakaten." Diese werden ab Dienstag in Berlin, Hamburg, Köln und München als City-Light-Poster an Straßen und Fahrradwegen zu sehen sein.


Runter vom Gas: Die Fahrradhelm-Motive von Scholz & Friends


Das Verkehrsministerium will mit der Kampagne, die auch Videos umfasst, vor allem junge Menschen zum Tragen eines Helms animieren. Sie trägt den Titel: "Looks like shit. But saves my life" - auf deutsch: "Sieht Scheiße aus - aber rettet Leben." Dabei ist unter anderem "Germany's Next Topmodel"-Kandidatin Alicija.

Auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) findet die Aktion ihres Kabinettskollegen wenig amüsant. Auf Facebook postete sie ein Foto von sich und ihrem Fahrrad. Sie ist darauf vollständig bekleidet, trägt einen Helm und schreibt dazu: "Lieber Andreas Scheuer: MIT HELM GEHT AUCH ANGEZOGEN!" SPD-Fraktionsvize Katja Mast äußerte ähnliche Kritik: Zwar spreche die Kampagne das richtige Thema an, sagte sie der "Passauer Neuen Presse" (Samstag). Doch sei die Umsetzung "peinlich, altbacken und sexistisch". Halbnackte Frauen und Männer sollten nicht mit Steuergeldern auf Plakate gebannt werden. Die frauenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Josephine Ortleb, reagierte ebenfalls empört: "Es braucht weder Frauen als Objekte, nackte Haut noch Sexismus, um junge Menschen auf Sicherheit im Radverkehr aufmerksam zu machen", sagte sie der Zeitung. Das Beispiel von Scheuers "Sex-sells-Kampagne" zeige, dass die Bundesregierung dringend eine Gleichstellungsstrategie benötige. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Manja Schüle bezeichnete die Kampagne ebenfalls als "zutiefst sexistisch".


Kritik kam auch von den Grünen. Grünen-Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar sagte der "Bild am Sonntag": "Statt auf sexistische Werbung ohne Wirkung zu setzen, sollte Scheuer endlich ernsthaft für die Verkehrssicherheit auf unseren Straßen sorgen."

Das Ministerium selbst rechtfertigte sich noch am Freitagabend via Twitter. Hauptzielgruppe seien junge Frauen und Männer, die aus ästhetischen Gründen keine Helme trügen. Die erste Auswertung der Einschaltquoten - mit 1,78 Millionen Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren - bestätigten, "dass wir diese Zielgruppe sehr gut erreicht haben". Zwar könne man die Einwände von verschiedenen Seiten nachvollziehen, stehe aber hinter den Motiven.
Unterstützung erhielt das BMVI vom Deutschen Rat für Public Relations (siehe Tweet oben) sowie von der Gesellschaft Public Relations Agenturen (GPRA). Präsidentin Christiane Schulz erklärte auf Facebook, die Kampagne sei mutig für ein Ministerium und einen Verband. Gleichzeitig hält sie die Sexismus-Diskussion in diesem Zusammenhang für überzeichnet: "Hier geht es um die Eitelkeit einen Helm zu tragen und das ist ein sehr guter Insight, auf dem die Kampagne gearbeitet hat. [...] Mit den Motiven hat die Kampagne natürlich provoziert, das musste sie auch, um Aufmerksamkeit zu bekommen." Dabei seien die Motive weder herabwürdigend noch diskriminierend. tt (mit dpa-Material)
stats