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Marketing Automation For Free

WordPress als Vorbild

Es müssen nicht immer die kommerziellen Anbieter sein: Open Source Lösungen sind bei der Marketing Automation eine ernstzunehmende Alternative. Inzwischen lässt sich sogar das Print-Mailing in den Prozess integrieren.
von Helmut van Rinsum Donnerstag, 28. Oktober 2021
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Für Online-Unternehmen sind automatisierte Marketingprozesse seit einigen Jahren eine Selbstverständlichkeit. Software-Tools steuern die Lead Generierung, sorgen für eine kontinuierliche Kundenpflege, organisieren die After-Sales-Kommunikation und analysieren Kampagnenergebnisse. Inzwischen greifen auch zahlreiche klassische Unternehmen auf automatisierte Marketing-Tools zu, allen voran die großen Konzerne. Dabei arbeiten sie meist mit internationalen Anbietern wie Hubspot, Oracle, Salesforce oder Salesmanago zusammen, die ihnen fertig konzeptionierte Marketing-Automation-Lösungen aus einer Hand anbieten. Die Marketing-Software unterstützt sie auf dem Weg zu einer reibungslosen Customer Journey und einer personalisierten Kundenansprache.

Seit einigen Jahren erwächst den Platzhirschen allerdings Konkurrenz. Am Markt werden zahlreiche Open-Source-Lösungen angeboten, hinter denen kein großes IT-Unternehmen, sondern eine aktive Entwickler-Community steht. Ihre Marketing-Automation-Software ist für jeden zugänglich, was für Dirk Spannaus, Geschäftsführer der Digitalagentur twentyZen, eine Reihe von Vorteilen hat. Man ist unabhängig von einem kommerziellen Anbieter, hat in den meisten Fällen geringere Kosten und außerdem eine bessere Kontrolle über die Verwendung der Daten. "Die kompletten Prozesse in einer externen SaaS-Lösung zu modellieren, schafft eine hohe Abhängigkeit von einem Anbieter", so Spannaus. "Eine Open Source Lösung bringt dagegen mehr Freiheiten im laufenden Betrieb und im weiteren Ausbau des Systems."

Unter den verschiedenen Open-Source-Anbietern hat sich Mautic die beste Position erarbeitet. Nach eigenen Angaben wird die Lösung inzwischen von rund 200.000 Unternehmen zum Monitoring, Lead Management und Social Media genutzt. Rund 1.000 Entwickler arbeiten kontinuierlich an einer Optimierung des Angebots, das in seiner Basisversion kostenlos genutzt werden kann. Je nach individuellem Zuschnitt lässt sich diese mit nahezu beliebig vielen kommerziellen Lösungen ergänzen. Theoretisch kann also jeder Werbungtreibende mit einer kostenfreien Marketing Automation Lösung arbeiten und dann die Software an seine ganz spezifischen Anforderungen anpassen.

Installation ist technisch anspruchsvoll

Allerdings sieht der Alltag dann doch anders aus. Denn Implementierung und Betrieb eines Open-Source-Automatisierungssystems setzen ein gewisses technisches Know-how voraus. "Jede oder jeder kann sich den Code herunterladen und damit arbeiten", erklärt Sarah Seyr, CCO und Co-Founder von Aivie. "Oder aber ein fix-fertiges Setup bei einem professionellen Hostinganbieter beziehen." Die Installation sei technisch durchaus anspruchsvoll, bestätigt Stefan Vetter, CEO und Gründer der Software-Firma Friendly. Dafür benötige man erweiterte IT-Kenntnisse und eine gute IT-Infrastruktur. Die Einrichtung wiederum sei für Mitarbeiter mit Marketingerfahrung in wenigen Stunden zu bewältigen. Vetter: "Aufgaben sind etwa der Import der vorhandenen Kontakte, die Erstellung von E-Mails und das Setup von automatisierten Kampagnen oder Workflows."

Neben Mautic hat sich also auch eine Reihe von Spezialagenturen etabliert, die den Werbungtreibenden dabei unterstützt, die Lösung zu implementieren, die Mitarbeiter zu schulen und nötige Updates vornehmen. Mit ihrem Know-how sind sie Teil der aktiven Community. Sie tragen dazu bei, die Technologie benutzerfreundlicher zu gestalten, zusätzliche Features anzubieten und so das Angebot immer attraktiver zu machen. Nicht selten werden individuelle Entwicklungen aus den Kundenprojekten wieder der Community zur Verfügung gestellt.

Integration von Print-Mailing in die Open Source MAS

So ein zusätzliches Feature ist beispielsweise die Integration von Print-Mailing in die Open Source MAS, wie sie bei Mautic inzwischen möglich ist. "Mit Print-Mailing schaffen wir einen weiteren Touchpoint, den wir personalisiert mit individuellen Botschaften bespielen können", sagt Sarah Seyr. "Neben zielgerichtet getargeten Ads, personalisierten E-Mails und dynamischem Content auf der Website können wir nun auch individuelle Botschaften automatisiert per Post versenden, beispielsweise personalisierte Einladungen, Geburtstagskarten oder anstehende Weihnachtspost." Eine Postkarte oder ein Brief könnten sowohl zu Beginn des Funnels, als auch später in der Customer Journey eingesetzt werden, ergänzt Dirk Spannaus. In vielen Fällen sei das der einzige Weg zur initialen Kontaktaufnahme mit potenziellen Interessenten, abseits von Display und Suchmaschinenwerbung. Spannaus: "Ein Print-Mailing schafft es oft bis auf den Schreibtisch des Empfängers und bleibt da auch eine Weile liegen. Damit steigt die Chance, im richtigen Moment vom Empfänger wieder wahrgenommen zu werden."

Marketing Automation bleibt wachsender Markt

Das Beispiel Print-Mailing zeigt, wie entwicklungsfähig Marketing Automation via Open Source ist. Entsprechend optimistisch wird auch die Zukunft solcher offenen Lösungen gesehen. Marketing Automation sei per se ein stark wachsender Markt, womit die Popularität von Open Source MAS weiter zunehmen werde, meint Stefan Vetter. Vielleicht erlebe man eine Entwicklung wie im Bereich der Content Management Systeme, wo das Open-Source-Projekt WordPress alle proprietären Anbieter nahezu abgehängt hat. "Wir erwarten, dass Mautic eine ähnliche Entwicklung durchmachen wird wie WordPress", bestätigt Sarah Seyr.

Für diese These spricht, dass die Community an weiteren Innovationen tüftelt. In Kürze wird bei Mautic beispielsweise eine Marktplatz-Funktion eingeführt. Diese soll es Anwendern erleichtern, ihre Erweiterungen anzubieten und einzusetzen. Die Community – sie ist unermüdlich dabei, die Open Source-Software weiterzuentwickeln, weshalb die Lösung zu den renommierten Anbietern auch längerfristig eine Alternative bleiben wird. Spannaus: "Es wird bei Marketing-Automatisierungssystemen künftig eine Koexistenz von kommerziellen Software-Lösungen und Open Source geben." Helmut van Rinsum
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