KPMG-Studie

So zukunftsfähig sind deutsche Unternehmen

Was hält die Zukunft für deutsche Unternehmen bereit?
ra2 Studio / Fotolia
Was hält die Zukunft für deutsche Unternehmen bereit?
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG wollte von deutschen Unternehmen wissen, wie gut sie sich für die Zukunft gerüstet sehen. Insgesamt mehr als 600 Entscheider wurden dafür befragt. Ergebnis: Die Stimmung ist gut - doch Entspannung ist deswegen noch lange nicht angesagt.
Der KPMG "Future Readiness Index" bildet die Einschätzungen von Unternehmen aus zwölf Schlüsselbranchen ab, vom Mittelständler bis zum Dax-Konzern. Insgesamt stehen die Befragten für mehr als 570.000 Mitarbeiter und über 360 Milliarden Euro Umsatz. Bei der Befragung sollten die Teilnehmer ihr Unternehmen in vier Bereichen einschätzen: Optimismus, Reifegrad, Investitionen und Trend-Sensitivität. Am stärksten gewichtet wurden dabei die Bereiche zwei und drei.


Aus den Ergebnissen in jeder Kategorie hat KPMG einen Indexwert ermittelt. Unter dem Strich sehen sich die Unternehmen auf einer Skala von 1 bis 10 bei 6,3. Das bedeutet, die Befragten sehen sich mehrheitlich gut aufgestellt für die Zukunft. Besonders Unternehmen aus den Branchen Technologie, Life Sciences und Fertigungsindustrie sind hierbei zuversichtlich.
Die deutschen Unternehmen blicken überwiegend positiv in die Zukunft
KPMG Deutschland
Die deutschen Unternehmen blicken überwiegend positiv in die Zukunft
Geht man ins Detail, so fällt allerdings auf, dass die Firmen vor allem bei Aspekten, die sie selbst beeinflussen können, positiv in die Zukunft blicken. Das betrifft etwa Bereiche wie das eigene Produktportfolio oder Organisationsstrukturen. Äußere Einflussfaktoren wie internationale Krisen verunsichern die Befragten dagegen deutlich mehr. Hier sehen sich nur 33 Prozent der Unternehmen gut aufgestellt.

Um die Selbsteinschätzung der Unternehmen einem Realitätscheck zu unterziehen, hat KPMG die Angaben der Befragten mit den Ergebnissen einer eigenen Big-Data-Analyse durch die so genannte KPMG Research Cloud abgeglichen. Dabei zeigte sich: Die Unternehmen gewichten kommende Herausforderungen anders, als es durch weltweite Berichterstattung in Medien und Social Web vielleicht angebracht wäre. So messen viele deutsche Firmen den Themen "Automatisierung" und "Datenexplosion" allenfalls nachgelagerte Priorität zu.


Die KPMG Research Cloud listet beide Herausforderungen hingegen an Nummer zwei und drei der Top-Probleme. An Nummer eins rangiert dabei "Abnehmende Innovationszyklen und Time-to-Market". In der Selbstwahrnehmung der Unternehmen sind die drei drängendsten Herausforderungen "Veränderung der Kundenbedürfnisse", "Demographischer Wandel" und "Steigende Bedeutung von Nachhaltigkeit".
Zwischen Selbsteinschätzung und Big-Data-Analyse gibt es eine deutliche Diskrepanz
KPMG Deutschland
Zwischen Selbsteinschätzung und Big-Data-Analyse gibt es eine deutliche Diskrepanz
Natürlich sollte man sich hüten, den Unternehmen bezüglich der größten Herausforderungen weniger Kompetenz zuzusprechen als einer extern programmierten Software. Dennoch lohnt es sich zu fragen, wie diese Diskrepanz zustande kommt. "Die Themen und Bereiche, die Unternehmen als vorrangig erachten, sind einfacher erfass- und begreifbar, und sie lassen sich häufig mit inkrementellen Verbesserungen bearbeiten", erläutert Karl Braun, Chief Markets Officer und Vorstandsmitglied bei KPMG in Deutschland. "Eine systematische Vorbereitung aber auf mögliche geopolitische Schocks, auf die Herausforderungen des demografischen Wandels oder auf andere Änderungen des erweiterten Umfelds erfordern weit mehr Kreativität, Einschätzungen der Zukunft und Untersuchungsaufwand, und kurzfristig gesehen auch Mut. Und der Return darauf ist nur schwer zu messen."

Was auch auffällt: Die Themen, die in der Big-Data-Analyse ganz oben stehen, lassen sich weitestgehend dem Bereich der Digitalisierung zuordnen. Heißt das im Umkehrschluss, dass die Unternehmen die Digitalisierung immer noch zu sehr auf die leichte Schulter nehmen? "Man darf bei den Veränderungen durch die Digitalisierung nie vergessen, dass sie nur eine Folge von veränderten Kundenwünschen und Kundenanforderungen sind, und die Digitalisierung das möglich macht, nicht umgekehrt", so Braun.
Karl Braun ist Chief Markets Officer und Vorstandsmitglied bei KPMG in Deutschland
KPMG Deutschland
Karl Braun ist Chief Markets Officer und Vorstandsmitglied bei KPMG in Deutschland
Und weiter: "Digitalisierung würde ins Leere laufen, wenn der Kunde die daraus resultierenden Möglichkeiten wie z.B. die mobile Erreichbarkeit, das Shopping unterwegs oder die Mobilität auch ohne Besitz eines eigenen Fahrzeugs, gar nicht haben wollte. Insofern kann man sagen, dass manche Unternehmen vor allem den rapiden Wandel bei den Kundenanforderungen unterschätzt haben und die Möglichkeiten der Digitalisierung noch nicht richtig oder noch nicht schnell genug nutzen."

Überprüfungsbedarf sieht Braun auch bei den Investitionsstrategien. Laut "Future Readiness Index" wird vor allem in Bereiche investiert, in denen man ohnehin stark ist. "Die Unternehmen folgen damit einem natürlichen Reflex, aber ich halte das für einen Fehler, denn es führt zu Anfälligkeit gegenüber disruptiven Kräften“, warnt Braun. Denn: Neue Geschäftsmodelle entstehen häufig nicht dadurch, indem alte Stärken gestärkt werden. Die deutsche Wirtschaft sollte deshalb regelmäßig ihre Investitionsschwerpunkte – und in der Folge ihr Marketing – daraufhin überprüfen, ob die großen Zukunftsthemen auch abgedeckt sind. "Unternehmensindividuell kann das durchaus der Fall sein, in der Breite stellen die Ergebnisse unserer Studie das aber infrage", so Braun.

Und hier kommt KPMG ins Spiel. Denn natürlich erstellt das Unternehmen einen solchen Index nicht aus reiner Nächstenliebe. "Unser Ziel ist es, die auf Basis seriöser Quellen und Informationen im Internet gewonnenen Erkenntnisse mit unseren Kunden dahingehend zu diskutieren, ob sie sich für die erwarteten Veränderungen richtig einschätzen und richtig aufstellen", erklärt Braun.

Neue Beratungsmandate sind also durchaus willkommen. Insofern will sich KPMG mit dem "Future Readiness Index" selbst fit machen für die Zukunft. ire
stats