Irrsinniger Streit um Zucker-Mindestgehalt

Warum Lemonaid Ernährungsministerin Julia Klöckner ein "Denk-Mal" baut

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Lemonaid-Gründer Paul Bethke mit der Julia-Klöckner-Statue aus Zucker
© Lemonaid
Lemonaid-Gründer Paul Bethke mit der Julia-Klöckner-Statue aus Zucker
Der faire Getränkehersteller Lemonaid hat mal wieder Ärger mit dem Verbraucherschutz. Der Grund: Angeblich enthalten die Produkte der Marke zu wenig Zucker, um als Limonade angepriesen zu werden. Zu wenig Zucker wohlgemerkt, nicht zu viel. Das ist schon ziemlich paradox, wenn man bedenkt, dass zuckerreduzierte Limonaden deutlich gesünder sind. Um dem Spuk endlich ein Ende zu bereiten, hat Lemonaid jetzt vor dem Ernährungsministerium protestiert und Ministerin Julia Klöckner ein ganz besonderes "Denk-Mal" gebaut. Und siehe da: Die Erfolgssaussichten bessern sich.
Es ist schon eine irrsinnige Regelung in Zeiten, in denen viel über gesündere Lebensmittel debattiert wird: Laut den "Leitsätzen für Erfrischunggestränke" des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft muss eine Limonade, um als Limonade zu firmieren, "mindestens sieben Gewichtsprozent" Zucker enthalten. Da die nachhaltige Limo von Lemonaid, das mit den Erlösen von jeder einzelnen Flasche soziale Projekte fördert, weniger enthält (5,6 Gramm bei der Maracuja-Limo), wurde es vergangene Woche zum wiederholten Mal vom Verbraucherschutzamt der Stadt Bonn gerügt. Zudem wurden "weitergehende behördliche Maßnahmen" angekündigt, sollte der Zuckergehalt weiter so niedrig bleiben.


Für das Hamburger Unternehmen ist die Posse vor allem deshalb ein Problem, weil es 2009 mit dem Vorhaben angetreten war, Limonade neu und eben gesünder zu definieren. "Wir machen Limonaden, wie sie sein sollten: 100 Prozent Bio, aus fairen Zutaten, für einen guten Zweck - und mit weniger Zucker. Es ist doch Irrsinn, wenn das bestraft wird", sagt Lemonaid-Gründer und -Geschäftsführer Paul Bethke.
Lemonaid stellt klare Forderungen an Julia Klöckner und das Ernährungsministerium
© Lemonaid
Lemonaid stellt klare Forderungen an Julia Klöckner und das Ernährungsministerium
Nachdem Lemonaid bereits 2019 eine Abmahnung vom Hamburger Verbraucherschutz und in der Folge breite gesellschaftliche Unterstützung erhielt, kündigte das Ernährungsministerium an, für eine Änderung der Leitsätze einzutreten. Doch passiert ist bis heute: nichts.
Deshalb war es für Lemonaid jetzt an der Zeit, ein Zeichen zu setzen - und zwar direkt vor dem Ministerium in Berlin. Dort haben die Verantwortlichen am vergangenen Mittwoch ein Julia-Klöckner-"Denk-Mal" aus Zucker errichtet und direkt bei der Ministerin geklingelt. Das Ziel: Bei einer Flasche Lemonaid persönlich mit Klöckner zu reden und sie zu überzeugen, dass "eine richtig gute Limo nicht viel Zucker braucht", so Bethke.

Auch wenn die Ministerin selbst nicht persönlich erschien, so wertet der Lemonaid-Chef die Aktion dennoch als Erfolg. Denn ein Gespräch mit dem Pressesprecher und einer Staatssekretärin des Ministeriums sowie ein breites mediales Echo brachten offenbar Bewegung in den skurrilen Streit: Die Hamburger Politik hat sich in Person von Grünen-Politikerin Anna Gullina, Senatorin für Justiz und Verbraucherschutz, bereits demonstrativ an die Seite von Lemonaid gestellt und je ein Schreiben an Julia Klöckner und die für die Limonaden-Leitsätze zuständige Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission geschickt. Die Forderung: eine Überarbeitung der Zucker-Untergrenze, die auch Bethke als unabdingbar erachtet: "Es muss Schluss sein mit leeren Sonntagsreden der Politik für gesündere Lebensmittel. Wir fordern, dass diese wahnwitzige Zucker-Untergrenze jetzt endlich konkret gestrichen wird!"
Die Aktion vor dem Ministerium in Berlin sorgte für ordentlich Aufmerksamkeit
© Lemonaid
Die Aktion vor dem Ministerium in Berlin sorgte für ordentlich Aufmerksamkeit
Und womöglich sind die Erfolgsaussichten ja diesmal sogar wirklich besser. Immerhin hat sich bereits kurz nach der "Denk-Mal"-Aktion vorm Ernährungsministerium Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel zu Wort gemeldet: "Wir haben das klare Ziel, in Fertiglebensmitteln und auch Erfrischungsgetränken den Gehalt von Zucker zu reduzieren. [...] Umso mehr haben wir die klare Erwartung, dass sich die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission der aktuellen Problematik nun zügig annimmt und die entsprechenden Leitsätze überprüft." Darauf 'ne Limo! tt
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