HORIZONT-Stiftung

Wie sich Preisträgerin Rufina Fingerhut die Lust auf Wissenschaft bewahrt hat

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Rufina Fingerhut gewann 2014 den Förderpreis der HORIZONT-Stiftung
© Rufina Fingerhut
Rufina Fingerhut gewann 2014 den Förderpreis der HORIZONT-Stiftung
Unter den mehr als 70 Bewerbungen für den Nachwuchspreis der HORIZONT-Stiftung 2014 fiel jene von Rufina Fingerhut, damals Gafeeva mit Nachnamen und ohne Doktortitel, deutlich auf. Mit 21 Jahren war die Studentin der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt eine der jüngsten Kandidatinnen überhaupt – und schrieb bereits ihre Masterarbeit im Fach "Marktorientierte Unternehmensführung".
Auf dem akademischen Weg so früh so weit gekommen zu sein, entsprang einer Kombination aus Intelligenz, Entschlossenheit und Geschwindigkeit. Die junge Rufina hatte es bereits im Gymnasium eilig und übersprang zwei Klassen. Das Abitur bestand sie mit Note 1,1 und entschied sich danach für ein BWL-Studium mit Schwerpunkt "Internationales Management". Den Bachelor-Abschluss machte Fingerhut nach vier Semestern, erneut in Rekord-Tempo – obwohl sie als studentische Hilfskraft an der Uni und als Werkstudentin bei Payback arbeitete. Daneben engagierte sich die junge Frau als Studienbotschafterin ihrer Hochschule und als Präsidiumsmitglied des Alumnivereins Deutsch-Russisches Jugendparlament. Als sie dann 2014 ihr Masterzeugnis erhielt, gehörte sie zu den jüngsten Masterstudenten in ganz Deutschland.

Heute ist Rufina Fingerhut Senior Business Developer bei Beenera, einer Tochter des Energieversorgers EWE. Das Technologie-Start-up mit Sitz in Oldenburg ging aus einem Förderprojekt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie hervor und entwickelt digitale Services für und mit der Energiewirtschaft. Rufina Fingerhut ist seit November 2020 Teil des Teams, zuvor war sie als Projektmanagerin bei der Rewe Group, beim Institut für Handelsforschung (IHF) Köln und beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) tätig.
Bewerbung für 2022 läuft
Die Stiftungspreise für 2021 werden am 13. Oktober dieses Jahres in Frankfurt vergeben. Derweil hat die Ausschreibung für 2022 bereits begonnen. Einsendeschluss für Bewerbungen ist der 30. September 2021. Es wird ein Preisgeld von mindestens 15000 Euro ausgezahlt. Wiederum sind zwei Kategorien geöffnet: Das Stipendium trägt zur Finanzierung eines branchenbezogenen Studiums oder entsprechender Aus-/Weiterbildung bei, Kandidaten dürfen nicht älter als 30 Jahre sein. Der Förderpreis zeichnet herausragende Forschungs- und Projektarbeiten aus der beruflichen Praxis sowie akademische Abschlussarbeiten aus (Kandidaten: maximal 32 Jahre).

Bewerbungen bitte an:

HORIZONT-Stiftung
Martina Vollmöller
Mainzer Landstraße 251
60326 Frankfurt am Main
Tel: 069-7595-1602
E-Mail: martina.vollmoeller@dfv.de

Weitere Infos unter: www.horizont-stiftung.de/ausschreibung/
Schon während ihres Promotionsstudiums an der Universität Köln war es Fingerhut wichtig, "meine Forschungsarbeit mit der Praxis zu verbinden". Das behält sie bis heute bei. Deshalb tritt die junge Managerin bei Science-Slam-Veranstaltungen auf, wo Experten ihre Erkenntnisse dem Publikum näherbringen. Rufina Fingerhut erzählt dann, warum "es smart ist, mit dem Smartphone zu bezahlen". Ein Thema, mit dem sie sich gerade intensiv zu beschäftigen begann, als sie im Januar 2015 in der Alten Oper als eine von vier Preisträgern der Horizont-Stiftung belobigt wurde. Damals bekamen Telekom-Chef Timotheus Höttges, Axel-Springer-Managerin Donata Hopfen und Syzygy-Chef Marco Seiler den Horizont-Award, Oliver Samwer hielt die Keynote. "Auf einer Bühne zu stehen und ausgezeichnet zu werden, während solche Größen der Wirtschaft im Publikum sitzen, war eine große Ehre", sagt sie.

Die Auszeichnung habe Fingerhut in ihrem Promotionsvorhaben gestärkt, das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro empfand sie als "eine große finanzielle Hilfe". So war es ihr möglich, an zahlreichen internationalen Fachkonferenzen teilzunehmen und ein Auslandssemester an der University of Michigan/USA zu absolvieren. "Ich habe ein Stück finanzielle Freiheit gewonnen, um für meine Ausbildung und Karriere relevante Entscheidungen unabhängig von den Kosten treffen zu können. Für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar", betont sie.

In ihrer Doktorarbeit untersuchte Rufina Fingerhut das Bezahlverhalten von Konsumenten und nahm drei verschiedene Varianten ins Visier: das Bezahlen mit Münzen und Scheinen, mit einer reinen Payment-Karte und einer Multifunktions-Karte. Eine Versuchsanordnung, die in Deutschland seinerzeit Probleme bereitete. Mobiles Bezahlen war noch kaum verbreitet, also flog die Doktorandin ins englische Leeds, bezog dort für zwei Wochen Position in einer Cafeteria und beobachtete, was Kunden kauften und wie sie bezahlten. Die Wirtschaftspsychologin wollte herausfinden, unter welchen Umständen der Zahlungsschmerz wie groß war. Ihre in analytischer Prosa zusammengefassten Erkenntnisse finden sich längst in der mit "summa cum laude" abgeschlossenen Doktorarbeit. Ausdauer und Präzision hatte Fingerhut schon im Wintersemester 2013/14 bewiesen, als sie für ihre Masterarbeit eine kleine Weltreise absolvierte. In jeweils zwei Städten in China, Russland, Schottland und Deutschland verbrachte sie über 250 Stunden in Starbucks-Kaffeehäusern und spähte, ob Unterschiede im Kundenverhalten auf kulturelle Besonderheiten zurückzuführen sind. Schließlich erfasste die Masterandin Daten von 1479 Starbucks-Kunden und wertete sie aus. Es zeigten sich tatsächlich unterschiedliche Konsumpraktiken, etwa bei den Bezahlformen. Russen und Chinesen nutzten am ehesten digitales Payment, Deutsche bevorzugten Barzahlung, Briten waren am weitesten im Mobile Payment.

Sowohl die Zeit als Promovierende als auch die ersten Jahre in der Wirtschaft haben zahlreiche spannende und wichtige Stationen mit sich gebracht, seien es Auslandsaufenthalte, Jobwechsel, Umzüge in neue Städte. "Häufig waren es eher spontane und unerwartete Wendungen, die diese neuen Möglichkeiten eröffnet haben, jedes Mal verbunden mit der Herausforderung, sich auf etwas Neues und Ungewisses einzulassen", sagt Rufina Fingerhut. Der konsequente Wandel habe sie besonders geprägt und gelehrt, "stets offen für Veränderungen zu sein". rol

Mehr als eine viertel Million Euro für den Nachwuchs

Anlässlich seines 60. Geburtstags im Jahr 2006 rief der Deutsche Fachverlag die Horizont-Stiftung ins Leben. Ihr Ziel ist, talentierte Nachwuchskräfte aus Kommunikations-, Medien- und Werbebranche zu fördern, die sich mit Marketing, Media, Kreation und neuen Medien befassen. 2007 wurde zum ersten Mal ein Preis vergeben für eine von der Universität Münster vorgelegte Bedarfsstudie. Die ersten persönlichen Auszeichnungen erhielten 2008 Nicolas Schindler für seine Magisterarbeit über Markenpersönlichkeiten sowie Eva Gerstmeier, die damals wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Electronic Commerce der Universität Frankfurt war. Sie schrieb ihre Dissertation über Suchmaschinenmarketing und verwendete das Preisgeld von 7500 Euro für einen mehrmonatigen Aufenthalt im Silicon Valley. Die promovierte Gerstmeier arbeitet heute in führender Position bei Bosch Thermotechnik (Horizont 48/2020), Schindler ist Strategy Director bei Scholz & Friends.

Am 13. Oktober 2021, wenn sich die Kommunikationsbranche zum etablierten Horizont Award trifft, um die "Männer und Frauen des Jahres" zu feiern, rückt auch der Nachwuchs ins Scheinwerferlicht. Wen die Jury dieses Mal unter beinahe 100 Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt hat, wird erst kurz zuvor bekannt gegeben. So viel aber steht bereits fest: Seit der ersten Preisvergabe der Horizont-Stiftung vor 15 Jahren bis heute haben mehr als tausend junge Leute eine Bewerbung eingereicht, eine deutliche Mehrheit von 80 Prozent interessierte sich dabei für das Stipendium.

Entsprechend dem Motto "Wir suchen die Besten" schafft es nur eine qualifizierte Minderheit auf die Bühne. Knapp 4 Prozent aller Bewerber kamen in den Genuss einer Auszeichnung. Weil die Jury manchmal mehr als einen Preisträger pro Kategorie auswählt, gab es in den bisher 15 Jahren (inklusive der anstehenden Preisverleihung) 39 Talente, die sich Horizont-Nachwuchspreisträger/in nennen dürfen.

Insgesamt erhielten sie mehr als eine viertel Million Euro, um ihr Studium zu finanzieren oder in Weiterbildung zu investieren. Über die Vergabe entscheidet der Stiftungsrat, dem aktuell folgende Personen angehören: Als Vorsitzender Sönke Reimers (Sprecher der Geschäftsführung dfv Mediengruppe), daneben Markus Gotta (Geschäftsführer Horizont), Eva-Maria Schmidt (Chefredakteurin Horizont), Gerhard Berssenbrügge (ehem. Nestlé), Michael Boebel (Creative Consulting), Michael Conrad (Berlin School of Creative Leadership), Gabriele Eick (Executive Communications – Beratung für synchronisierte Unternehmenskommunikation), Burkhard Graßmann (Hubert Burda Media), Thomas Lindner (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Christian Pfennig (DFL Deutsche Fußball Liga), Carsten Rasner (Steinbeis School of Management + Innovation), Frank-Michael Schmidt (Scholz & Friends).

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