HORIZONT RESTART 2021

Wie es mit New Work nach Corona weitergeht

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"New Work – Schöne Neue Welt?" fragt HORIZONT auf einer Podiumsdiskussion beim digitalen Kongress RESTART 2021 am 20. Januar. Diese Frage ist nicht nur erlaubt, sondern dringend geboten. Denn spätestens seit Beginn der Coronakrise hat die Beschäftigung mit New Work für nahezu alle Wirtschaftsunternehmen eine zusätzliche Wucht erhalten.
Man könnte auch sagen: Der durch die Krise ausgelöste Veränderungsdruck zwingt die Unternehmen zur Beschäftigung mit New Work – inklusive wachsender Unsicherheiten, Do's & Don'ts, Failures & Learnings. Wobei Letzteres vor allem daran liegt, dass New Work nahezu unzählbar viele Facetten hat, von denen manche extrem relevant, andere völliger Mumpitz und wieder andere sogar schädlich sein können.


Diskutieren werden die Frage beim HORIZONT RESTART 2021 Jutta Rump, BWL-Professorin und IBE-Direktorin, sowie Thomas Sattelberger, für die FDP Mitglied im Deutschen Bundestag (MdB) und früher unter anderem Personalvorstand bei der Deutschen Telekom (siehe Kasten).

Zwar sind sich Rump und Sattelberger nach eigenem Bekunden durchaus nicht immer einig in der Beurteilung und Bewertung von New Work (sonst würde die Podiumsdiskussion ja auch reichlich unspannend werden), doch einen Punkt sehen sie ähnlich: Mit der 1932 erschienenen weltberühmten Dystopie "Schöne Neue Welt" von Aldous Huxley hat New Work trotz des markigen Podiumstitels ihrer Einschätzung nach wenig bis gar nichts zu tun. Denn Rump und Sattelberger sind leidenschaftliche Verfechter von New Work, beide sehen in New Work trotz aller Kritik und Vorbehalte deutlich mehr Chancen als Risiken. Und beide sehen überraschenderweise in der Coronakrise keineswegs positive Entwicklungen für Neue Arbeit – zumindest nicht ausschließlich.
HORIZONT RESTART
Am 20. Januar lädt HORIZONT zum virtuellen ReStart-Kongress. Speaker sind neben Jutta Rump und Thomas Sattelberger unter anderem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der USA-Experte Josef Braml, der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow, die CMOs Kristina Bulle (P&G), Susan Schramm (McDonald’s), Tim Alexander (Deutsche Bank) und Uwe Storch (Ferrero), Medienmanager Veit Dengler (Bauer Media), Women-in-Digital-Gründerin Tijen Onaran, Utopia-Chefin Meike Gebhard, die Erfinderinnen des Haehlein-Konzepts Annalina und Leonie Behrens sowie Fredi Bobic, Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt. Weitere Infos zum Programm sowie kostenlose Anmeldung unter https://dfvcg-events.de/horizont-restart/programm-2021/
"Wer in diesen Tagen New Work sagt, meint eigentlich nur noch Home-Office", klagt Sattelberger. Die ganze New-Work-Diskussion drehe sich aus Sicht von Controllern überwiegend um Effizienzsteigerung mittels Büroflächenreduzierung. Und die "Tumbheit" von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der statt mit Arbeitszeit-Souveränität mit dem gescheiterten "Mobile Arbeit Gesetz" einen gesetzlichen Anspruch auf mindestens 24 Tage Heimarbeit ermöglichen wollte, habe diese Fehlentwicklung zusätzlich verstärkt, so der Berufspolitiker. "Remote ist nicht nur die Lösung für heute, sondern der Beginn eines neuen Problems und seiner Lösung", sagt Sattelberger.


Warum? Weil Remote Work nicht nur die Einbindung neuer Talente und Quereinsteiger in die Unternehmen erschwere, sondern vor allem die Entstehung dringend notwendiger Innovationskulturen. "Social Media und Kollaborations-Tools sind gut geeignet zum Abarbeiten von Routineaufgaben", so Sattelberger. Doch für "experimentelles Debattieren und offene Urteilsbildung" sei das nichts. "Wir brauchen künftig Hybrid-Modelle", sagt der Ex-Manager.
„Wer in diesen Tagen New Work sagt, meint eigentlich nur noch Home-Office.“
Thomas Sattelberger
Auch IBE-Direktorin Rump beobachtet in der Coronakrise Entwicklungen, die dem eigentlichen New-Work-Gedanken zuwiderlaufen: "Wir sehen, dass viele Unternehmen jetzt wieder in alte Hierarchie- und Entscheidungsstrukturen zurückfallen." Das klassische Bild vom tapfer, aber einsam entscheidenden Kapitän, der das Schiff durch raue See steuert, treffe die Situation mancherorts gerade ganz gut. Krisenstäbe würden eingesetzt, besetzt mit den bekannten Stereotypen klassischer Führung. Rump: "Zugespitzt könnte man auch sagen: In Zeiten von Corona übernehmen allzu oft wieder alte weiße Männer das Kommando." Dieser Reflex sei immer dort besonders ausgeprägt, wo New-Work-Strukturen vor der Krise noch nicht lange und intensiv genug implementiert waren. "Wer erst 2019 in einem halbherzigen New-Work-Prozess zähneknirschend einen Teil seiner Macht abgegeben hat, nutzt Corona jetzt nur allzu gerne, um wieder die alten Verhältnisse herzustellen", glaubt die Personalmanagement-Expertin.
„Wer erst 2019 in einem halbherzigen New-Work-Prozess zähneknirschend einen Teil seiner Macht abgegeben hat, nutzt Corona jetzt nur allzu gerne, um wieder die alten Verhältnisse herzustellen.“
Jutta Rump
Die Bremswirkung auf New Work, die Rump und Sattelberger in der Coronakrise beobachten, ist so überraschend wie fatal. Schließlich brauchen Unternehmen gerade jetzt Flexibilität und Innovationskraft auf allen Ebenen. Rump nennt es gerne die "kollektive Intelligenz", von der agil arbeitende Unternehmen nun profitierten. Rump: "Spätestens seit der Krise ist klar: Unternehmen müssen sich digital, ökologisch und ökonomisch gleichzeitig transformieren. Diese Transformations-Trilogie hat einen Komplexitätsgrad erreicht, der ohne New Work gar nicht mehr beherrschbar ist", so Rump. Vorausgesetzt, man stelle New Work richtig an. Und richtig anstellen heißt bei Rump: den Fokus nicht nur auf Prozesse und Strukturen legen, sondern insbesondere auf die Menschen. "Nur wer konsequent daran arbeitet, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter talent- und stärkenbasiert einzusetzen, wird mit New Work Erfolg haben."
Jutta Rump und Thomas Sattelberger
Die beiden kennen sich gut und lange: Bereits 2006 haben Jutta Rump und Thomas Sattelberger gemeinsam das Buch „Employability Management“ herausgegeben, 2010 das Buch „Employability Management 2.0“. Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen sowie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE). Sie ist unter anderem Mitglied der Kommission INQA (Initiative Neue Qualität der Arbeit) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), Themenbotschafterin des BMAS zu Diversity und Demografie, Mitglied des Digitalrats der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sowie Mitglied des „Bibliotheksausschusses“ der CDU-Parteivorsitzenden (Wirtschaftspolitisches Beratergremium). Thomas Sattelberger ist seit Oktober 2017 für die FDP Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB) und Sprecher der FDP-Fraktion für Innovation, Bildung und Forschung. Der Betriebswirt ging 1994 als Leiter Konzern-Führungskräfte und Personalentwicklung zur Deutschen Lufthansa und wurde dort 1999 in den Vorstand des Passagiergeschäfts gerufen. 2003 ging Sattelberger als Personalvorstand und Arbeitsdirektor zu Continental, 2007 in gleicher Funktion zur Deutschen Telekom. Sattelberger gilt als Verfechter des Diversity Managements und als Initiator der 30-Prozent-Frauenquote im Telekom-Vorstand.
Auch Sattelberger, der über sich selbst auch schon mal gesagt hat, sich in puncto New Work vom Saulus (in den 1990er Jahren) zum Paulus (ab Anfang der 2000er Jahre) entwickelt zu haben, unterstreicht die zunehmende Komplexität des Veränderungsdrucks: "Die Transformation von Arbeitswelt und Geschäftsmodell muss Hand in Hand gehen, beides muss parallel stattfinden." Ansonsten blieben alle New-Work-Experimente im Klein-Klein stecken. Weil letztlich beides, Transformation von Arbeitswelt und Transformation von Geschäftswelt, einem übergeordneten Ziel im Interesse der arbeitenden Menschen dienen müsse: der Stärkung der Innovationskraft hiesiger Unternehmen im Konkurrenzkampf mit anderen Märkten und Playern. "Technische und soziale Innovation sind Zwillinge", sagt Sattelberger. Der Begriff New Work müsse schließlich nicht nur Neues Arbeiten, sondern auch Neue Arbeit bedeuten. Es gehe deshalb auch darum, während und vor allem nach der Krise neue Industrien und neue Jobs zu schaffen. "Wir müssen New Work mehr forcieren, damit New Business beschleunigt wird", so Sattelberger. In diesem Sinne könne Corona durchaus ein Beschleuniger und eine Chance sein. "Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob es eine Chance für Deutschland wird oder eher für Südkorea", sagt der FDP-Politiker. as
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