Hashtag-Challenge #DenimDay

So mutig und emotional teilen Opfer sexueller Gewalt auf TikTok ihre Geschichten

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Die Teilnehmer der Challenge teilen ihre schlimmen Erlebnisse sehr offen bei TikTok
© TikTok
Die Teilnehmer der Challenge teilen ihre schlimmen Erlebnisse sehr offen bei TikTok
Die positive Schlagkraft von Social Media zeigt sich aktuell anhand einer sogenannten Hashtag-Challenge zu einem sehr bedrückenden Thema. Jugendliche und junge Erwachsene, die in der Vergangenheit Opfer sexueller Übergriffe geworden sind, halten dabei Kleidungsstücke in die Kamera, die sie während des jeweiligen Vorfalls getragen haben. Unter #DenimDay wurden in den vergangenen Tagen 110 Millionen Views auf TikTok generiert.
Die Botschaft der Challenge lautet: Die Betroffenen, Frauen wie Männer, wollen das schlimmste und gleichzeitig prägendste Erlebnis ihres Lebens auf eine positive oder zumindest proaktive Weise erzählen und klarmachen: Es ist nicht ihre Schuld und sie werden nicht länger über die Vorfälle schweigen.


Manche der Challenge-Teilnehmer ziehen das komplette Outfit nochmal an, das sie an die schlimme Tat erinnert, die ihnen widerfahren ist. Viele von ihnen sind sichtlich emotional ergriffen, einige weinen, doch die meisten geben sich auch kämpferisch und tanzen ausgelassen, um zu zeigen, dass sie ihren Lebensmut nicht verloren haben. Im Hintergrund läuft in den meisten der Kurzvideos derselbe Songausschnitt mit der Textzeile "I'm never changing who I am". In den letzten Tagen wurden über #DenimDay 110 Millionen Views generiert.
Auch die bekannte deutsche TikTok-Creatorin Loredana hat einen Auftritt in der Kampagne
© TikTok
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Die Challenge-Teilnehmer bedienen sich zum Teil verschiedener weiterer Stilmittel, um ihre Geschichten plakativ darzustellen. Manche veranschaulichen über selbst aufgetragene farbige Handabdrücke am Körper, wo sie gegen ihren Willen angefasst wurden, andere blenden Textelemente mit verstörenden Details des sexuellen Missbrauchs ein, den sie erlebt haben. Eine Userin zeigt in ihrem Video sogar Fotos ihres Vergewaltigers und spricht ihn namentlich an. Besonders bedrückend: Viele der Betroffenen wurden bereits als Kinder missbraucht und machen dies nach eigener Aussage nun erstmals über TikTok öffentlich.

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Den Denim Day gibt es allerdings schon deutlich länger als die derzeit so rasant wachsende Social-Media-Plattform: 1999 wurde die Solidaritäts-Kampagne von der Sozialhilfe-Organisation Peace Over Violence ins Leben gerufen, bei der Menschen weltweit jedes Jahr an einem Mittwoch im April Jeans tragen, um auf die global hohe Zahl sexueller Übergriffe aufmerksam zu machen. Auslöser war 1992 ein Fall in Italien, bei dem ein Vergewaltiger freigesprochen wurde. Hintergrund war damals die Begründung des Gerichts, das Opfer habe so enge Jeans getragen, dass der Täter diese der Frau nicht ohne ihr Zutun ausgezogen haben könnte. Im vergangenen Jahr beteiligten sich laut der offiziellen Kampagnen-Website rund 10,6 Millionen Menschen an der Denim-Day-Aktion.


@sticksy617

I felt nervous to post this yesterday, but honestly it needs to be said ##denimday

♬ original sound - audío.bear
Die Challenge setzt sich aus zwei Hashtags zusammen, wobei #DenimDay deutlich mehr Content generiert – bislang haben 1.810 Teilnehmer den Hashtag verwendet. Unter #DenimDayChallenge kamen nur 108 Beiträge zusammen. Insgesamt stammen von den ersten 300 Videos der Challenge 22 von männlichen Usern und 278 von weiblichen. Bis zum heutigen Dienstag haben etwa 2000 TikTok Creator an der Hashtag-Challenge teilgenommen, wobei jedes 15. Video von einem männlichen Creator kam (7 Prozent). Die Zahlen stammen von influData by OnlinePunks, einem auf Influencer-Marketing spezialisierten Unternehmen aus Deutschland. Laut OnlinePunks aktueller Erhebung gibt es in Deutschland rund 20.800 aktive deutschsprachige Creator auf TikTok. Den zehn erfolgreichsten unter ihnen (nach Followerzahl) folgen jeweils zwischen 2,7 und 8,5 Millionen User.

"Viele der gesellschaftlichen Bewegungen des letzten Jahrzehnts wären ohne soziale Medien nicht denkbar gewesen. Sie prägen ganze Generationen und gewinnen Einfluss auf höchster politischer und gesellschaftlicher Ebene", sagt Adil Sbai, CEO und Co-Founder von OnlinePunks.
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