Haltungsdebatte

Warum deutsche Unternehmen beim Thema Diversity noch eine Schippe drauflegen müssen

US-Schauspieler Nicolas Coster ruft im Coke-Spot zu mehr Toleranz auf
© Coca-Cola
US-Schauspieler Nicolas Coster ruft im Coke-Spot zu mehr Toleranz auf
Immer mehr Unternehmen entdecken das Thema Diversity für ihre Kommunikation - Stichwort Employer Branding. Doch wird die in der Werbung dargestellte Offenheit im Arbeitsalltag auch gelebt? Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group (BCG) lässt die Schlussfolgerung zu, dass die Angst der LGBT-Community vor Diskriminierung und Ausgrenzung im Job hierzulande nach wie vor groß ist.
Der Film über About-You-Chef Tarek Müller war vor wenigen Tagen einer der Höhepunkte bei der Verleihung der HORIZONT Awards. "Wir wollen eine klare Haltung einnehmen, uns klar positionieren für Toleranz, für Diversität in der Gesellschaft", sagt der frisch gekürte Marketingmann des Jahres 2018 in dem Streifen. About You gehe auch da hin, wo es weh tut. Als Beispiel nennt er eine Kampagne in Polen, wo die Offenheit gegenüber Schwulen und Lesben bekanntlich nicht gerade groß ist. So habe man in dem Land einen Spot ausgestrahlt, in dem sich zwei Männer küssen - und sich damit klar positioniert.


About You ist (natürlich) nicht das einzige Unternehmen, das sich hierzulande für sexuelle Vielfalt einsetzt. So haben etwa im vergangenen Jahr Vodafone Warsteiner, Condor und BMW anlässlich des Christopher Street Days Flagge gezeigt - und sich für Offenheit gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern stark gemacht. Auch Coca-Cola hat die LGBT-Community kürzlich in einem hoch emotionalen Spot gefeiert

Von einer wirklich offenen Atmosphäre in den Unternehmen kann aber offenbar noch lange nicht die Rede sein. Dafür spricht jedenfalls die internationale Studie "Out@Work" der Boston Consulting Group (BCG), für die die Strategieberatung weltweit mehr als 4.000 junge Berufstätige und Studenten unter 35 Jahren befragt hat. Das Ergebnis: Nur 37 Prozent der deutschen LGBT-Talente legen gegenüber Arbeitskollegen ihre sexuelle Orientierung offen.  Damit schneidet Deutschland im internationalen Vergleich am schlechtesten ab. So haben sich in Großbritannien (63 Prozent), Brasilien (60 Prozent) sowie den USA und Kanada (jeweils 55 Prozent) deutlich mehr LGBT-Talente im Job geoutet. Der globale Durchschnitt liegt bei 52 Prozent. Neben Deutschland landen Italien (46 Prozent), die Niederlande (43 Prozent) und Spanien (42 Prozent) auf den hintersten Rängen, wenn es um den Anteil derer geht, die im Berufsumfeld ihre sexuelle Orientierung offen legen.


Dass Deutschland so schlecht abschneidet, hat mehrere Gründe. Laut Studie wären zwar 85 Prozent aller LGBT-Talente theoretisch bereit, sich im Job zu outen. Aber 22 Prozent fürchten, dass ein öffentliches Bekenntnis zu ihrer Sexualität ein Karriererisiko bedeuten könnte. 42 Prozent geben sogar an, dass sie im Gespräch mit Vorgesetzten über ihre sexuelle Orientierung lügen.

„Das Thema sexuelle Orientierung ist nach wie vor ein Tabu in vielen deutschen Unternehmen.“
Annika Zawadzki
Allerdings sind nur die wenigsten Befragten bereit, für ihren Beruf ein existenzielles Risiko einzugehen: So würden nur vier Prozent der deutschen LGBT-Talente in einem Land arbeiten, in dem Homosexualität strafrechtlich verfolgt wird – der niedrigste Wert im internationalen Vergleich. 

"Das Thema sexuelle Orientierung ist nach wie vor ein Tabu in vielen deutschen Unternehmen", sagt BCG-Principal Annika Zawadzki. Aus Sicht der Studienautorin schaden sich die Unternehmen damit vor allem selbst. Denn häufig sei ein offener Umgang im Job mit einer höheren Arbeitszufriedenheit verbunden.

Zawadzki sieht daher die Arbeitgeber in der Pflicht. "Viele Unternehmen haben sich das Thema Diversity bereits auf die Fahnen geschrieben. Sie müssen aber noch besser darin werden, ein sicheres und unterstützendes Umfeld für LGBT-Mitarbeiter zu schaffen, wenn sie diese Talente künftig gewinnen und halten wollen", so Zawadzki  weiter. 

Neben Gehalt und Standort achten LGBT-Talente laut Studie bei der Wahl des Arbeitgebers vor allem auf eine LGBT-freundliche Unternehmenskultur. "Dazu zählt, dass Unternehmen eine Antidiskriminierungsrichtlinie befolgen und LGBT-Mitarbeiter nicht in Ländern arbeiten müssen, in denen Homosexualität strafrechtlich verfolgt wird", sagt Zawadzki. Zudem sei den deutschen Studienteilnehmern ein lebendiges LGBT-Netzwerk wichtig, das Mitarbeiter zusammenbringe und LGBT-Karrieren aktiv fördere. "Wenn Unternehmen es noch nicht getan haben, sollten sie jetzt bei diesen Themen ansetzen.“ mas
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