Greta im ICE

So reagiert das Netz auf den PR-Fail der Deutschen Bahn

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Greta Thunberg in einem Zug der Deutschen Bahn
© Screenshot: Twitter
Greta Thunberg in einem Zug der Deutschen Bahn
Die Weltklimakonferenz in Madrid war angesichts der mageren Ergebnisse eine einzige Enttäuschung. Das dürfte auch Greta Thunberg so sehen. Skurril ist, dass hierzulande im Social Web gefühlt weniger über die Versäumnisse der Staatengemeinschaft beim Klimaschutz als über ein Foto diskutiert wird, das die schwedische Klimaschutzaktivistin auf dem Boden sitzend in einem ICE der in Sachen PR mal wieder äußerst trottelig agierenden Deutschen Bahn zeigt. Die Twitter-Reaktionen im Überblick.

Am Wochenende rankte der Hashtag #Bahn in den Twitter-Trends mal wieder ganz weit oben. Was war da los? Ausgelöst wurden die Diskussionen von einem eigentlich harmlosen und gut gemeinten Foto, das die Klimaaktivistin Greta Thunberg auf dem Rückweg in ihre schwedische Heimat "in überfüllten Zügen durch Deutschland" zeigt, wie sie auf Twitter schrieb. Dazu stellte die 16-Jährige am Samstag ein Foto, das sie mit viel Gepäck auf dem Boden eines ICE zeigt. "Und ich bin endlich auf dem Heimweg!", schrieb sie dazu.



Die Deutsche Bahn reagierte prompt. Aber ungewöhnlich. Denn der Konzern versuchte nicht, aus dem Post, der ja mit keinerlei Kritik garniert war, das Beste zu machen und ihn für Werbung in eigener Sache zu nutzen, sondern antwortete zunächst politisch korrekt: "Wir wünschen Greta eine gute Heimfahrt. Und arbeiten weiter hart an mehr Zügen, Verbindungen und Sitzplätzen", twitterte die Bahn am Sonntagmorgen. 

Später dann folgte ein weiterer Tweet der Bahn, der dann schon sehr nach "beleidigter Leberwurst" klang und Thunberg durch die Blume kritisierte. "Noch schöner wäre es gewesen, wenn Du zusätzlich auch berichtet hättest, wie freundlich und kompetent Du von unserem Team an Deinem Sitzplatz in der Ersten Klasse betreut worden bist", schrieb die Bahn. 


Auf diese Schelte 
wiederum reagierte Thunberg mit einer Klarstellung: Ihr Zug von Basel aus sei ausgefallen, weshalb sie im Anschluss in zwei verschiedenen Zügen auf dem Boden gesessen habe, twitterte sie. Hinter Göttingen habe sie schließlich einen Sitzplatz erhalten. "Das ist natürlich kein Problem und ich habe niemals gesagt, dass es eines wäre." Vielmehr seien überfüllte Züge "ein großartiges Zeichen, weil das bedeutet, dass die Nachfrage nach Bahnreisen groß ist." 

Die spätestens nach diesem Tweet in ihrer ganzen Pracht zur Schau gestellte Unbeholfenheit der Bahn spornte wenig überraschend viele Twitter-Nutzer zu hämischen Kommentaren an. Comedian Micky Beisenherz etwa nutzte die Gelegenheit, um die Bahn mal wieder für ihre Unzuverlässigkeit zu kritisieren und natürlich auch das traditionell schlechte WLAN in den Zügen anzuprangern. Auch Jan Böhmermann setzt einen Tweet ab, der zynischer nicht sein könnte. Dasselbe gilt auch für Comedian Shahak Shapira und andere.




Auch die Tolpatschigkeit der Bahn in Sachen Kommunikation wird auf Twitter thematisiert. "Wenn in der U-Bahn in einer Pfütze aus Erbrochenem ausgerutscht und in den Armen eines Junkies gelandet wäre, hätte die BVG selbst daraus noch PR-Gold gemacht. Die hingegen macht sich ohne Not zum Teil des Problems, nicht der Lösung", schreibt etwa Dennis Deuermeier auf Twitter. 

Der Spiegel-Online-Redakteur ist nicht der einzige, der den Vergleich mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) bemüht. "Wenn man Geschenke ablehnt, die eigentlich den Etat für Werbung übersteigen, dann ist man halt @DB_Presse und nicht @BVG_Kampagne", schreibt Philipp Evenburg. 
Spiegel-Mann Jonas Schaible glaubt gar, dass die Bahn in diesem Fall ohne PR besser gefahren wäre. Ganz nach dem Motto: "Einfach mal die Klappe halten." 


Dass sich die Bahn mit der Aktion ins eigene Fleisch geschnitten hat, zeigen auch die Kommentare zum Thema Datenschutz. "Liebe #Bahn, hat der Praktikant in der Presseabteilung jetzt Feierabend oder kommt noch was dazu? Muss ich demnächst auch befürchten, dass meine Sitzplatzreservierungen und Zugdaten via Twitter von Ihnen veröffentlicht werden? Ein Statement wäre angemessen", schrieb etwa der Bundestagsabgeordnete der Linken, Niema Movassat. 
Ins gleiche Horn stößt Renate Künast. Die Grünen-Politikerin mokiert sich ebenfalls über den mangelnden Datenschutz. "Das erhöht Dein Sicherheitsgefühl enorm", lautet ihr ironischer Kommentar auf Twitter. 


Die meisten Kommentatoren regen sich allerdings darüber auf, dass diese Debatte überhaupt geführt wird. "Wenn ich mir die Tweets zum Foto anschaue, muss ich zu der Einschätzung kommen, dass wir den Klimawandel einfach verdienen", bringt Fabienne Prochnow die Meinung vieler auf den Punkt. 
 

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