Gewinner des Seven Ventures Pitch Day

Wie das Start-up Selfapy Online-Therapie ins Fernsehen bringen will

Die drei Gründerinnen von Selfapy: Katrin Bermbach, Nora Blum und Farina Schurzfeld
© Selfapy
Die drei Gründerinnen von Selfapy: Katrin Bermbach, Nora Blum und Farina Schurzfeld
Der Seven Ventures Pitch Day zählt laut Forbes-Magazin zu den wichtigsten Start-up-Wettbewerben. In diesem Jahr hat das Berliner Start-up Selfapy das Rennen gemacht. Das junge Unternehmen kämpft gegen die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen und bietet anonyme Online- und Gesprächs-Therapien an. Mit dem am Pitch Day gewonnenen Mediageld will Selfapy nun im TV durchstarten.

Anhaltende Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Erschöpfung: Das sind Symptome für eine Depression. Nach einer Schätzung der Gesundheitsorganisation WHO leiden in Deutschland rund 4,1 Millionen Menschen daran. Doch die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind lang: Es gibt eine Versorgungslücke. Diese Erfahrung hat Farina Schurzfeld gemacht, als ein Familienmitglied an Depression erkrankte. "Wir reden nicht von Wochen, sondern von Monaten", sagt sie. "Teilweise dauert es ein halbes Jahr."



Seven Ventures Pitch Day

Der Seven Ventures Pitch Day von Seven Ventures, dem Investment-Arm der Prosieben-Sat-1-Gruppe, fand in diesem Jahr zum achten Mal statt. 2018 wurde der Gewinner zum ersten Mal auf der Dmexco ermittelt. Davor hat der Pitch Day Stationen bei der Noah und dem DLD gemacht. In diesem Jahr gab es 100 Bewerber und vier Finalisten. Der Gründerpreis hat bereits Unternehmen wie Hafervoll, Withings oder Get Your Guide zum Durchbruch verholfen.

Schurzfeld machte sich auf die Suche nach einer Lösung, um die Wartezeit zu überbrücken – und stieß auf Selfapy, ein Start-up für Online-Therapie, das Anfang 2016 gestartet war. Sie stieg beruflich ein und komplettiert heute mit ihrem betriebswirtschaftlichem Know-how das Gründerinnen-Team um die Psychologinnen Katrin Bermbach und Nora Blum.

Neben Therapien für Depressionen hat Selfapy Kurse für Angst- und Essstörungen im Repertoire. Zudem bietet das Start-up-Unternehmen Präventiv-Workshops an, in denen es Mitarbeiter zum Thema Achtsamkeit oder dem Umgang mit negativem Denken schult. Zu den Kunden zählen zum Beispiel Zalando oder Glossybox.


Bei Selfapy-Workshops lassen Teilnehmer Wünsche aufsteigen
© Selfapy
Bei Selfapy-Workshops lassen Teilnehmer Wünsche aufsteigen
Darüber hinaus ist Selfapy im Austausch mit Krankenkassen, denn die Erstattungen der Online-Therapiekosten sind noch nicht gegeben. Darum streben Schurzfeld und ihr Team danach, in die Regelversorgung aufgenommen zu werden. Darunter fallen medizinische Leistungen, die allen gesetzlich Versicherten zustehen. Dass der Schritt kommt, ist für das junge Unternehmen unvermeidlich. "Der Selbstzahlermarkt ist endlich. Die Zahlungsbereitschaft für Gesundheitsprodukte ist gering – obwohl die Betroffenen richtig leiden", weiß Schurzfeld. Auf einen Nutzer kommen je nach Therapie Kosten in Höhe von 200 bis 450 Euro zu. Ganz am Anfang der Mission Regelversorgung steht Selfapy nicht mehr: Es hat bereits Verträge mit einigen Krankenkassen geschlossen. Dazu gehört zum Beispiel die AOK Niedersachsen, die die Kosten schon erstattet.

„Psychische Erkrankungen betreffen jeden - nur im Fernsehen erreichst du sie alle“
Farina Schurzfeld, Selfapy-Gründerin
Farina Schurzfeld, Gründerin und CMO von Selfapy
© Selfapy
Farina Schurzfeld, Gründerin und CMO von Selfapy
Dass die Therapien wirken, ist bewiesen: Selfapy ist ein zertifiziertes Medizinprodukt und hat seit der Gründung 2016 rund 6.500 Menschen therapiert. Klassische Psychotherapeuten ersetzen möchte es jedoch nicht. "Das war nie unser Anspruch und wird nie unser Anspruch sein", versichert die Gründerin. "Wir machen auch keine Diagnose. Basierend auf wissenschafltochen Fragebögen fragen wir aber bestimmte Symptomatiken ab." Selfapy kann auch nicht jedem helfen: Zum Beispiel, wenn ein Anrufer zu schwer erkrankt ist - etwa mit einer schweren Depression mit Suizid-Gedanken. "Wir helfen ihm dann, eine Anlaufstelle zu finden".

Stattdessen konzentriert sich das Start-Up auf die Überbrückung der Wartezeit auf Therapieplätze und soll vor allem eine niederschwellige Lösung für Menschen bieten, die sich nicht trauen, einen Arzt aufzusuchen. Denn im Gegensatz zu anderen Therapien wird hier Anonymität gewährleistet – sowohl bei den telefonischen Gesprächen und E-Learning-Kursen als auch durch die verschlüsselte Bezahlung. Viele Nutzer wahren die Anonymität, denn Depressionen sind noch immer ein Tabu-Thema in der Öffentlichkeit und stigmatisiert. "Viele Menschen glauben, dass psychisch Erkrankte sich umbringen und andere mit in den Tod reißen – oft mit Verweis auf den Germanwings-Piloten", so die Gründerin.

Selfapy hat beim Seven Ventures Pitch Day das Rennen gemacht
© Seven Ventures
Selfapy hat beim Seven Ventures Pitch Day das Rennen gemacht
Um mit den Vorurteilen aufzuräumen und Selfapy bekannter zu machen, hat Schurzfeld als Chief Marketing Officer für das Unternehmen am Seven Ventures Pitch Day teilgenommen. Dabei kassierte Selfapy 3 Millionen Euro TV-Werbegeld, ein Online-Marketing-Budget von 20.000 Euro sowie 30.000 Euro für die Spot-Produktion und die Teilnahme am Mentoring-Programm von Procter & Gamble.

Mit dem Media-Budget kann Selfapy neue Wege im Marketing gehen. In der Vergangenheit setzten die Berliner auf Online- und Content-Marketing, auf Native Advertising und PR. Diese Werbeformen bieten laut Schurzfeld den notwendigen Raum, Selfapy und psychische Krankheiten ausführlich zu erklären. Jetzt kommt TV-Werbung hinzu. Diese Möglichkeit war der Anreiz, am Pitch Day teilzunehmen. "Psychische Erkrankungen betreffen jeden – aber es ist unheimlich schwer, die Leute zu erreichen, die sich nicht proaktiv Hilfe suchen. Dafür ist TV-Werbung genial: Durch das Fernsehen erreicht man die ganze Gesellschaft", sagt Schurzfeld.

Bei der Spot-Produktion wird Selfapy von der Seven One Ad Factory unterstützt. Das Konzept steht noch nicht, die CMO hat allerdings schon eine Vision. Es soll eine Awareness-Kampagne mit drei bis vier Prominenten werden, die selbst mit psychischen Erkrankungen in Berührung kamen: der Beweis dafür, dass die Krankheiten jeden treffen können. Im Februar/März 2019 soll der Spot auf den Free-TV-Sendern der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe laufen. bre

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