Foodboom

Warum Werbelegende Holger Jung in den Social Publisher investiert

Holger Jung (l.) und Foodboom-Chef Sebastian Heinz
© Olaf Ballnus/HORIZONT
Holger Jung (l.) und Foodboom-Chef Sebastian Heinz
Was macht eigentlich Holger Jung? Diese Frage stellen sich vermutlich einige in der Werbebranche. Der Jung-von-Matt-Mitgründer, um den es seit geraumer Zeit recht still geworden ist, versucht sich unterdessen auch als Start-up-Investor. Einer seiner Schützlinge: Foodboom. Das Hamburger Unternehmen produziert Rezeptvideos für soziale Medien – auch im Auftrag von Marken. Im HORIZONT-Doppelinterview erklärt Foodboom-Mitgründer Sebastian Heinz seine ambitionierten Pläne und die Werbelegende Jung sagt, wie er zum Erfolg beitragen möchte.
Herr Heinz, Sie sind aufgewachsen in einem Hotelbetrieb im Westerwald, der in fünfter Generation geführt wird, und verdienen Ihre Brötchen jetzt als Internetunternehmer. Haben Sie keine Lust gehabt auf den Familienbetrieb?

Heinz: Das würde ich nicht sagen. Ich habe im Familienbetrieb als Koch gearbeitet und in der Zeit eine große Leidenschaft für das Thema Ernährung entwickelt. Als ich mich dann mit einer Beratungsfirma selbstständig gemacht habe und große Unternehmen bei der digitalen Transformation begleitete, ist mir klargeworden, dass die Digitalisierung der Food-Branche eine besonders große Herausforderung ist. Köche sind Künstler. Sie arbeiten gerne mit Menschen, probieren sich mit neuen Produkten aus und können mit dem Thema Digitalisierung oftmals nicht viel anfangen. Deshalb habe ich 2012 Kochschule.de aufgebaut, eine Buchungsplattform für Kochkurse. So bin ich in die Branche hineingeraten.

Vor drei Jahren haben Sie mit Ihrem Geschäftspartner Hannes Arendholz Foodboom gegründet. Das Start-up produziert kurze Essensvideos für die sozialen Medien. Warum braucht die Branche Ihre Inhalte? 

Heinz: Qualitativ hochwertiger und emotionaler Food-Content, der sich ernsthaft mit der Essenskultur auseinandersetzt, war bis dato in Deutschland kaum vorhanden. Das haben uns damals auch viele große Marken bestätigt, die verzweifelt auf der Suche waren nach hochwertigen Food-Umfeldern für ihre Botschaften. Hannes und ich haben diese Marktlücke erkannt und sofort mit der Content-Produktion für Facebook begonnen. Anfangs nur als Nebenprojekt am Wochenende. Als die Reichweiten in die Höhe schossen, sind wir allerdings all-in gegangen.
Die Manager
Der 35-jährige Sebastian Heinz gründete Foodboom 2015 zusammen mit seinem Geschäftspartner Hannes Arendholz. Das Start-up ging aus dem Team der Kochkurs-Vermittlung Kochschule.de hervor und bespielt mit seinem Content heute vor allem die Plattformen Facebook, Instagram und Youtube. Holger Jung (64), Mitbegründer von Jung von Matt, unterstützt das Unternehmen mit dem nötigen Kleingeld und seinem Know-how. Neben Foodboom investierte Jung auch in die Start-ups Lemonaid und Uberchord.
Das war die Zeit, in der Facebook Video-Reichweiten enorm gepusht hat. 

Heinz: Genau. Als wir an Weihnachten 2015 die ersten Videos hochluden, ging bereits wenige Stunden später das erste viral. Über eine Million Views. Heute können wir unseren Werbekunden für Branded-Content-Projekte eine monatliche Reichweite von etwa 15 Millionen versprechen. Insgesamt arbeiten wir für knapp 100 Marken, etwa Küchengeräteanbieter wie Miele und Wüsthof oder Foodmarken wie Kellogg’s und Schwartau.

Herr Jung, sind Sie auf Facebook aktiv? 

Jung: Nein. Ich bin – wenn man so will – der letzte freie Vogel, wenn es um soziale Medien geht. Ich lasse mich zwar regelmäßig schlaumachen, finde dort allerdings nicht statt.

Warum haben Sie dann in einen Social Publisher wie Foodboom investiert? 

Jung: Wie so häufig im Leben war auch diese Entscheidung von Zufälligkeiten geprägt. Wir haben uns über einen Freund kennengelernt und ich behaupte von mir, ein Gefühl dafür zu haben, wie sich Firmen anfühlen und wie die Gründer ticken. Was mich bei Foodboom angezogen hat wie die Motte das Licht, ist die Leidenschaft, die ich hier spüre. 

Spielte das Thema Food denn eine spezielle Rolle für Sie? 

Jung: Auch. Es ist verblüffend, wie sich die Perspektive auf das Thema Ernährung in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. In meiner Jugend war uns total egal, was wir gegessen haben. Für meine Kinder spielt Ernährung allerdings eine extrem große Rolle. Meine 14-Jährige ist Vegetarierin, die 20-Jährige ist Veganerin. Mein Sohn Fleischesser. Mit der Familie Essen zu gehen, ist extrem kompliziert.
„Ich bin der letzte freie Vogel, wenn es um soziale Medien geht. Ich lasse mich zwar regelmäßig schlaumachen, finde dort allerdings nicht statt.“
Holger Jung
Wie viel Geld haben Sie denn in Foodboom investiert? 

Jung: Als Hamburger: Genug, damit es für alle Beteiligten wichtig ist. Und: Ich stehe den Gründern beratend zur Seite. Was mich nämlich nach wie vor interessiert, ist das Thema Markenführung. Was das angeht, versuche ich, all mein Wissen einzubringen und in irgendeiner Form an den richtigen Stellen mitzuwirken. 

Heinz: Wir haben frühzeitig einen Expertenbeirat installiert, der uns bei verschiedenen Themen berät. Neben Holger sitzen darin auch unsere anderen Gesellschafter und besprechen beispielsweise Operatives. Ich würde sagen, dass 90 Prozent aller Start-ups, die scheitern, nicht scheitern, weil ihr Produkt am Ende des Tages nicht gut ist, sondern weil sie schlicht und einfach das Operative nicht umgesetzt bekommen. Eben weil es ihnen an Erfahrung mangelt.

Versuchen Sie sich, Herr Jung, neben Ihrem Posten im Aufsichtsrat von Jung von Matt an einer Karriere als Start-up-Investor? 

Jung: Ich bin nicht einer dieser Business Angels, der auf der Noah-Konferenz nach dem nächsten heißen Start-up Ausschau hält. Ich mache das eher aus dem Bauch heraus. Wenn mein Gefühl stimmt und der Business-Plan etwas taugt, dann kann ich mir bei Gelegenheit eine Beteiligung durchaus vorstellen.
Holger Jung und Foodboom-Chef Sebastian Heinz beim Interview mit HORIZONT
© Olaf Ballnus/HORIZONT
Holger Jung und Foodboom-Chef Sebastian Heinz beim Interview mit HORIZONT
An welchen Start-ups haben Sie sich noch beteiligt? 

Jung: An Lemonaid beispielsweise, einem Getränkehersteller aus Hamburg, war ich in der Anfangsphase des Unternehmens investiert. Auch dort habe ich beim Markenaufbau geholfen und den Aufstieg zur Kultbrand in der Gastronomie begleitet. 

Sie sind bekanntlich ein Gitarrenfan. Wie sieht es mit Gitarren-Start-ups aus? 

Jung: Die gibt es, ich hatte auch in eines investiert, allerdings ging das den Bach runter (lacht). Es handelt sich um Uberchord, eine Lern-App für Gitarren-Anfänger. Ein Berliner Start-up, das Anfang des Jahres leider Insolvenz anmelden musste. In einer heißen Phase des jungen Unternehmens wurde das Geld knapp und keiner der Investoren wollte welches nachschießen.

Zurück zu Foodboom. Herr Heinz, Facebook ist mit Abstand Ihr wichtigster Distributionskanal. Schlafen Sie unruhig, wenn das soziale Netzwerk mal wieder an seinem Algorithmus schraubt? 

Heinz: Die Algorithmus-Umstellung Anfang des Jahres, die Medieninhalte benachteiligt, hat uns natürlich Traffic gekostet, allerdings hat sie uns nicht so sehr getroffen wie befürchtet. Ich schlafe also durchaus ruhig. Wenn man Inhalte produziert, die für den Konsumenten relevant sind, wird man meiner Meinung nach nie wirklich verlieren. Temporär vielleicht, weil sich die Formel wieder geändert hat, aber langfristig wird relevanter Content immer funktionieren.
„Wenn man Inhalte produziert, die für den Konsumenten relevant sind, wird man nie wirklich verlieren. Langfristig wird relevanter Content immer funktionieren.“
Sebastian Heinz
Jung: In der Ära der Plattform-Ökonomie steht jedes Unternehmen vor dieser Herausforderung. Entscheidend für eine Marke ist, dass sie nie vergisst, wer ihre Konsumenten sind – und alles darauf ausrichtet. Ist die Marke attraktiv, verhält sie sich wie Wasser: Sie findet ihren Weg. Oder umgekehrt: Die Konsumenten finden ihn. Hinzu kommt, dass sich Monopolisten wie Facebook oder Amazon nicht so einfach knacken lassen. Man sollte sich besser flexibel genug halten, um mit den jeweiligen Gegebenheiten umgehen zu können. 

Mittlerweile produzieren Sie auch ein Foodboom-Magazin mit Burda und veranstalten B-to-B-Events. Ist das auch ein Schritt, um der Facebook-Abhängigkeit zu entkommen?

Heinz: Das ist ein Nebeneffekt. In erster Linie geht es uns darum, die richtigen Menschen auf möglichst vielen Plattformen zu erreichen und neue Zielgruppen zu gewinnen. Eine Unabhängigkeit von Facebook steht für uns dabei nicht im Vordergrund.

Interview: Giuseppe Rondinella


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