Flexibler Arbeiten

Wie sich die Vier-Tage-Woche in der Praxis schlägt

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71 Prozent der Beschäftigten wünschen sich eine 4-Tage-Woche. Sie erhoffen sich so mehr Flexibilität
© IMAGO/Ute Gravowsky
71 Prozent der Beschäftigten wünschen sich eine 4-Tage-Woche. Sie erhoffen sich so mehr Flexibilität
Das Bedürfnis nach mehr Freiheit und Flexibilität im Arbeitsalltag wird drängender. Die kürzere Arbeitswoche punktet als Hebel beim Employer Branding – vorerst.

In der Debatte um eine moderne Unternehmenskultur fällt immer öfter der Begriff Vier-Tage-Woche – viele Firmen testen derzeit Modelle. Auch in Bewertungen von Beschäftigten spielt die kürzere Arbeitswoche eine zunehmend wichtigere Rolle. Auf Anfrage unserer Redaktion hat das Portal kununu eine Erhebung vorgenommen, die zeigt: Im vergangenen Jahr ist die Anzahl der Bewertungen, bei denen die Vier-Tage-Woche eine Rolle spielt, um ein Drittel gestiegen. Nina Zimmermann, CEO des Hamburger Unternehmens, erklärt sich das folgendermaßen: "Im Wettlauf um Bewerber:innen kann eine Vier-Tage-Woche ein starkes Differenzierungsmerkmal für Arbeitgeber sein und helfen, neue Talente anzuziehen."

Hotelkette 25hours lässt die Wahl

Als Hebel im Bereich Employer Branding hat sich die Vier-Tage-Woche beispielsweise bei der Lifestyle-Hotelmarke 25hours bewährt. Nach einer Pilotphase wurde das Angebot im März 2022 auf elf Häuser der Hotelkette mit 900 Mitarbeitenden ausgerollt. Diese können sich nun aussuchen, ob sie nur noch vier oder weiterhin fünf Tage arbeiten wollen – ausgenommen sind lediglich die Auszubildenden. Der Arbeitstag dauert beim Vier-Tage-Modell neun Stunden, die Differenz zur vertraglich festgelegten Wochenarbeitszeit wird als Überstundenausgleich vorgehalten. Kathrin Gollubits, Vice President of People & Culture bei 25hours, zieht folgendes Fazit: "Die Vier-Tage-Arbeitswoche ist bei uns in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr gut angelaufen. Mehr als 75 Prozent der berechtigten Mitarbeitenden haben das neue Modell angenommen. Nicht nur die Fluktuation konnte reduziert werden, auch haben wir mit diesem nachhaltigen Angebot sehr viele neue Mitarbeitende finden können. Je nach Abteilung haben sich operative Prozesse und das Arbeitsumfeld durch die neue Aufteilung verändert, was aber von den Kollegen sehr gut angenommen wird."

Sportbekleidungs-Label Ryzon reduziert auf 32 Stunden

Beim Kölner Sportbekleidungs-Label Ryzon ist die Wochenarbeitszeit ebenfalls reduziert worden. Die Art der Zusammenarbeit hat sich dadurch verbessert. "Mit der 32-Stunden-Woche setzen wir den Fokus in erster Linie auf effektive Arbeitszeit. Die Reduktion auf Outcome anstatt auf Zeit hilft, sich nicht im Detail zu verlieren", sagt Mario Konrad, Geschäftsführer und Co-Gründer von Ryzon. "Es erzieht uns als Organisation, zunehmend Entscheidungen zu treffen und ins Doing zu kommen, anstatt uns in endlosen Abstimmungsmeetings im Kreis zu drehen. Entscheidungen setzen Energie frei, Diskussionen binden Energie." Herausforderungen gibt es allerdings auch: "Wir haben festgestellt, dass besonders junge Mitarbeitende bei schnellen Entscheidungen viel mehr Hilfestellung und Begleitung von erfahrenen Mitarbeitenden benötigen."

Die Autohaus-Gruppe Markötter ist mit der Vier-Tage-Woche an ihren sechs Standorten ins neue Jahr 2023 gestartet und hat dafür die Arbeitszeit bei gleichem Gehalt um 10 Prozent reduziert. "In Zeiten von wandelnden Geschäftsmodellen und anderen sozioökonomischen Herausforderungen ist diese Neustrukturierung daher auch für unser Unternehmen ein wichtiger und notwendiger Schritt", postet das Unternehmen auf seiner LinkedIn-Seite. "Wer wann arbeitet, organisieren wir zukünftig über individuell für jeden Mitarbeitenden angepasste Wochenpläne – auch Überstunden sind damit Vergangenheit." Für die Planung und Umsetzung hat Markötter mit dem Bielefelder New-Work-Innovator Lasse Rheingans zusammengearbeitet.
„Die Vier-Tage-Woche ist konkret und leicht kommunizierbar. An drei Tagen frei zu haben, hat natürlich auch einen Employer-Branding-Effekt“
Benjamin Rolff, New-Work-Experte
Die Flexibilisierung von Arbeitszeit ist aus Sicht des New-Work-Experten Benjamin Rolff ein wesentliches Element einer gesunden Unternehmenskultur, die Menschen Raum gibt. Der Gründer der New Performance Academy betont: "Die Vier-Tage-Woche ist konkret und leicht kommunizierbar. An drei Tagen frei zu haben, hat natürlich auch einen Employer-Branding-Effekt."

Zudem zahlt die Maßnahme auf das ein, was sich viele Menschen wünschen: 71 Prozent der Erwerbstätigen würden sich laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und ntv für eine Vier-Tage-Woche entscheiden. Die Umfrage wurde vor knapp einem Jahr durchgeführt, nachdem Belgien die Vier-Tage-Woche bei gleicher Arbeitszeit beschlossen hatte. Das Vier-Tage-Modell würden vor allem die Erwerbstätigen im mittleren Alter (30- bis 44-Jährige: 64 Prozent) und die formal höher Gebildeten (Abitur, Studium: 62 Prozent) vorziehen. Nutzen würden sie den freien Tag vor allem für Hausarbeit und Einkaufen (69 Prozent), auch für Arztbesuche (58 Prozent) und Hobbys (56 Prozent) oder Sport und Bewegung (55 Prozent).

Doch sieht New-Work-Experte Benjamin Rolff langfristig den größeren Nutzen für alle – Unternehmen und Mitarbeitende – in der Flexibilität an sich: "Auch eine Vier-Tage-Woche kann sich starr anfühlen." Individuelle Pausen- und Auszeiten, wenn sie nötig sind – das hält er für den richtigen Weg in Zeiten von Personalmangel und hohem Workload. Nachhaltige Veränderung im Sinne von New Work versteht er so: "Es reicht nicht aus, sich nur am Wochenende zu erholen oder nur freitags Zeit für die Familie zu haben – die bessere Frage ist, wie bekomme ich Ruhe, Regeneration und Zeit für die Familie dauerhaft in den Alltag hinein? Oder: Wie können Mitarbeitende flexibel ihre bestmögliche Leistung erbringen?" Vor allem Eltern könnten stark von flexibler Arbeit profitieren, beispielsweise auch am Mittwochnachmittag Zeit für die Familie einplanen.

Kununu-Chefin setzt auf Vertrauensarbeitszeit

Kununu-Chefin Nina Zimmermann setzt ebenfalls auf Flexibilität. "Mitarbeitende möchten bestimmen, wann und wo sie arbeiten. Heutzutage müssen Arbeitgeber über eine Flexibilisierung nachdenken. Meiner Meinung nach ist die Vertrauensarbeitszeit dafür ideal." Bei der Vier-Tage-Woche komme das Thema Gehalt häufig zu kurz und die Grenzen zwischen einer echten Vier-Tage-Woche und einem Teilzeitmodell verschwimmen.
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Wenn es um die Umsetzung einer Vier-Tage-Woche geht, gibt es die Möglichkeit, dass Mitarbeitende trotz Vier-Tage-Woche das volle Gehalt beziehen – entweder im Rahmen einer 40-Stunden-Wochenarbeitszeit oder über eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit als Benefit des Arbeitgebers wie im Fall der Autohaus-Gruppe Markötter. Oder aber Mitarbeitende wählen eine Vier-Tage-Woche als Teilzeitmodell.

Immerhin hieß es aus Großbritannien, wo im vergangenen Jahr 70 Unternehmen zwischen Juli und Dezember sechs Monate lang mit 3300 Beschäftigten die Vier-Tage-Woche testeten, die Produktivität habe nicht abgenommen. Allerdings handelte es sich dabei um ein Zwischenergebnis, die finale Auswertung liegt noch nicht auf dem Tisch. In Island haben schon seit 2021 etwa 86 Prozent der Angestellten das Recht auf eine kürzere Arbeitswoche in ihren Verträgen stehen – dort ist die Produktivität sogar nachweislich gestiegen. Derzeit laufen auch Tests in Irland, Israel, den USA, Kanada, Australien und Neuseeland. lef
CAREER PIONEER
Autorin Alexandra Leibfried ist Redaktionsleitung der Career Pioneer GmbH und Co.KG mit Sitz in Wiesbaden. Das Unternehmen wurde am 1. Januar 2022 als Joint Venture der dfv Mediengruppe und Immobilien Zeitung gegründet.
Als Spezialist für HR- und Karrierethemen sowie Employer Branding-Konzepte betreibt cp.jobs verschiedene Jobportale der dfv Mediengruppe, unter anderem das Branchenportal HORIZONTJobs.

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