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Die Dieselkrise macht dem hiesigen Automarkt weiter zu schaffen
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Diesel-Krise, E-Autos und Co

Warum der deutsche Automarkt weiter mit Extremen zu kämpfen hat

Die Dieselkrise macht dem hiesigen Automarkt weiter zu schaffen
Volumenstark, wettbewerbsintensiv und weitgehend gesättigt – so zeigt sich der deutsche Neuwagenmarkt seit Jahren, 2018 bildet da keine Ausnahme. Die Worldwide Harmonised Light-Duty Vehicles Test Procedure (WLTP) lässt den Neuwagenverkauf auf und ab fahren. Unter dem Strich wächst der Markt aber kaum noch, auch weil die Diesel-Krise lähmt und E-Autos noch kein Renner sind.
von Guido Schneider Dienstag, 16. Oktober 2018
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Zwischen Januar und September 2018 registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) insgesamt 2,67 Millionen neue Pkw, was einem Plus von 2,4 Prozent entspricht. Bis Jahresende rechnet das CAR Center Automotive Research mit knapp 3,4 Millionen Neuwagen hierzulande, das wäre über 1 Prozent weniger als 2017. Damit läge der deutsche Markt auf Rang 5 in der Welt – weit hinter Spitzenreiter China (24,9 Millionen) und den USA (16,9 Millionen). In Amerika wird der Markt aufgrund des Zollstreits aber voraussichtlich um 2 Prozent schrumpfen; auch in China schwächelt der Verkauf im 2. Halbjahr. Deutschland ist also kein Einzelfall.

Dieseldrama verunsichert Käufer

Drei Jahre nach dem Bekanntwerden der Abgasmanipulationen bei VW steckt der Diesel tiefer im Schlamassel denn je. Wie die KBA-Statistik zeigt, verlieren die Kunden das Vertrauen in den Selbstzünder. Erreichten die Diesel-Pkw im Jahr 2015 mit 48 Prozent der Neuzulassungen ihren höchsten Wert, so bricht die Nachfrage seit 2017 ein. In den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden nur noch 32 Prozent der Neuwagen mit Diesel betankt.
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Der Käuferschwund macht die Hoffnung der Autobauer zunichte, mit dem Diesel die strengeren CO2-Vorgaben der EU zu erfüllen. Stattdessen fliehen die Kunden zu Benzinern, die aber mehr CO2 emittieren. Der Benziner-Anteil hat aktuell mit 63 Prozent den höchsten Anteil an den Neuwagen seit 2009 erreicht; der CO2-Ausstoß ist laut KBA im September um 3,6 Prozent auf 132,2 Gramm pro Kilometer gegenüber Vorjahr gestiegen.


Drohende oder bereits gültige Fahrverbote für ältere Diesel in Städten mit hoher Stickoxid-Belastung vertiefen die Diesel-Krise. Ob das jüngste Maßnahmenpaket der Regierung den Trend drehen kann, ist zweifelhaft. So soll die Autobranche ältere Diesel-Fahrzeuge mit neuen Katalysatoren kostenlos aufrüsten oder mittels einer Prämie gegen modernere Fahrzeuge tauschen, aber nur in den 14 besonders belasteten Städten und umliegenden Landkreisen. Allerdings wollen Opel und BMW die Umrüstung nicht zahlen, VW nicht alle Kosten tragen und Daimler möchte lieber Prämien zahlen.

Druck der EU pusht Elektroautos

Viele reden über sie, doch nur wenige kaufen sie: Elektroautos bleiben trotz der Diesel-Krise in der Nische. In den ersten acht Monaten dieses Jahres fanden in Deutschland gerade mal 24574 Neuwagen den Weg zur Zulassungsstelle, das entsprach einem Marktanteil von 0,9 Prozent. Fehlende Ladeinfrastruktur, hohe Anschaffungskosten und die berüchtigte Reichweitenangst halten viele Kunden auf Distanz zu i3, Tesla und Co. Dennoch wächst der Markt von niedrigem Niveau: 50 Prozent betrug der Zuwachs bei den Elektroautos, Hybride (inklusive Plug-in) legten um 61 Prozent auf gut 97000 Einheiten zu. Die Autoindustrie sollte das positive Momentum aufnehmen und schnell viele E-Autos auf die Straße bringen, um die immer strengeren CO2-Vorgaben der EU zu erfüllen. Wer die Grenzwerte ab 2020 überschreitet, dem drohen hohe Strafzahlungen.

Rein Batterie-elektrische Autos haben dabei besondere Bedeutung für die Hersteller, weil sie als Null-Emissions-Fahrzeuge in die Berechnung der CO2-Werte eingehen und den Ausstoß für das Durchschnittsfahrzeug senken. Das verschafft ihnen nach Ansicht von CAR-Chef Ferdinand Dudenhöffer einen „Zusatzwert“, der darin besteht, Strafzahlungen zu verhindern oder zu reduzieren. Deshalb rechnet er damit, dass die Hersteller bald preisgünstige und nicht so reichweitenstarke Klein- und Kompaktmodelle mit Elektroantrieb auf den Markt bringen werden, um möglichst viele davon zu verkaufen. So kann der „Markthochlauf“ für Elektroautos in Fahrt kommen.
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WLTP sorgt für Achterbahnfahrt

Der Prüfstandard WLTP (das weltweit vereinheitlichte Prüfverfahren für Kfz) hat den heimischen Neuwagenmarkt durcheinandergewirbelt. Weil das neue, seit 1. September geltende Testverfahren den Abgasausstoß und Verbrauch realitätsnäher als der Vorgänger NEFZ misst, kam es bei etlichen Herstellern zu Lieferschwierigkeiten. Bei ihnen haben noch nicht alle Modelle das strengere Prüfverfahren durchlaufen und besitzen keine Genehmigung für die Neuzulassung. Damit der drohende Absatz-Knick nicht ganz so heftig ausfällt, drückten die Hersteller bis Ende August noch Neuwagen ohne WLTP-Zertifizierung via Eigenzulassung in den Markt. Der Vorzieheffekt bringt nun viele junge Gebrauchte auf den Markt und soll gleichzeitig die aktuellen Lieferengpässe dämpfen. Laut KBA-Statistik schoss der Neuwagenmarkt im Vorjahresmonat um 24,7 Prozent auf 316405 Einheiten nach oben und brach im September um 30,5 Prozent auf 200134 Fahrzeuge ein.


Auch wegen des WLTP-Chaos musste die BMW Group unlängst eine Gewinnwarnung herausgeben. Der Konzern beklagte darin, dass der neue Prüfzyklus „auf mehreren europäischen Märkten zu erheblichen Angebotsverwerfungen“ führe. In Deutschland zeigten sich die Neuzulassungen der Kernmarke BMW im August und September aber kaum verändert – im Gegensatz zum Gros der Branche. VW etwa ließ im August 46 Prozent mehr Neuwagen zu und büßte im September dann 62 Prozent ein. Wegen der WLTP-Turbulenzen rechnet das CAR im 2. Halbjahr mit einem Minus von 90000 Neuwagen in Deutschland.

SUV-Boom kennt kein Ende

Kein anderes Pkw-Segment hat in den vergangenen Jahren einen derartigen Aufschwung erlebt wie die Sport Utility Vehicles (SUV). Zwischen Januar und September 2018 kamen sie zusammen mit den Geländewagen hierzulande auf rund 724000 verkaufte Einheiten und einen Marktanteil von 27 Prozent. Am Jahresende könnten nach CAR-Prognose bis zu 960000 Fahrzeuge neu unterwegs sein. Das wäre dann ein Anteil von 28 Prozent an den Neuzulassungen und damit 14-mal mehr als 1995.
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Für den Boom der SUVs gibt es mehrere Gründe. Viele Autofahrer haben mit ihnen ein besseres Sicherheitsgefühl, sie schätzen den bequemen Einstieg und die hohe Sitzposition. Zwischenzeitlich günstige Kraftstoffpreise, vor allem für Diesel, haben den Absatz zusätzlich befördert. Die Autoindustrie hat aber auch ihre Produkt-Range immer stärker aufgefächert. Zwar prägen große SUVs wie der Audi Q5, Porsche Cayenne oder der BMW X5 das Protz-Image des Segments, längst können Kunden aber auch zwischen einer Vielzahl an kompakten SUVs wählen. Opel Mokka, Ford Kuga oder Audi Q2 kommen dezenter daher und sind damit auch für Käufer attraktiv, die nicht so stark auffallen wollen. Allerdings vollzieht sich im SUV-Segment ein stiller struktureller Wandel. Die hier stark vertretene Privatkundschaft sagt sich zunehmend vom Diesel los und schwenkt auf Benziner-, Hybrid- und Elektro-Modelle um. Der Dieselanteil im Segment hat sich zwischen 2012 und 2018 auf rund 35 Prozent halbiert. gui

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