DAX-Konzerne

Gender Pay Gap in deutschen Unternehmen wird wieder größer

   Artikel anhören
Der Gender Pay Gap ist 2019 in deutschen Unternehmen wieder gewachsen
© Adobe Stock/tumsasedgars
Der Gender Pay Gap ist 2019 in deutschen Unternehmen wieder gewachsen
Über die Hälfte der 100 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland hat keine Frau im Vorstand. Das ist das Ergebnis des Gender Diversity Index, den die Boston Consulting Group (BCG) in Kooperation mit der Technischen Universität München (TUM) alljährlich veröffentlicht. Demnach sind sechs von zehn Vorständen der Firmen immer noch komplett männlich besetzt. Zudem ist der Gender Pay Gap in Vorständen und Aufsichtsräten im Vergleich zum Vorjahr wieder größer geworden.
Für die Studie haben BCG und TUM die 100 größten börsennotierten Konzerne Deutschlands im Hinblick auf Vielfalt in den Führungsgremien analysiert. Dabei standen die Verteilung der Geschlechter in Vorstand und Aufsichtsrat sowie deren Vergütung im Mittelpunkt. Zudem wird der Index in diesem Jahr um eine Befragung zum Thema Vielfalt unter 16.700 Personen in 14 Ländern ergänzt.


Eine gute Nachricht der Studie: Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil der Vorständinnen um zwei Prozentpunkte gestiegen. Dennoch sind immer noch lediglich 9 Prozent der deutschen Vorstandsposten mit Frauen besetzt (2018: 7 Prozent; 2017: 6 Prozent). Unter den Aufsichtsräten erhöht sich im Jahr 2019 der Frauenanteil um einen Prozentpunkt auf 32 Prozent (2018: 31 Prozent, 2017: 29 Prozent). Immer noch leisten sich 59 von 100 DAX-Unternehmen einen rein männlichen Vorstand.

"Geht die Entwicklung weiter wie bisher, erreichen wir ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in den Vorständen erst im Jahr 2051", sagt Nicole Voigt, Partnerin bei BCG und Co-Autorin der Studie. "Den Atomausstieg möchte Deutschland bis 2022 schaffen, den Kohleausstieg bis 2038 – und für die Geschlechterparität in den höchsten Ämtern der Wirtschaft lassen wir uns noch über 30 Jahre lang Zeit." Die Studienmacher haben zudem identifiziert, welche Unternehmen in Sachen Gender Diversity vorbildlich sind: An der Spitze des Index stehen dieses Jahr das Finanzinstitut Aareal Bank mit 81 von 100 Punkten, das Chemieunternehmen Evonik Industries (75 Punkte) und die Deutsche Telekom (73 Punkte). Es folgen Henkel, SAP und Lufthansa. Dazu haben BCG und TUM herausgefunden, dass große Unternehmen das Thema Vielfalt stärker priorisieren als kleinere. So schneiden die DAX-Konzerne besser ab als der Durchschnitt der 100 Unternehmen (die komplette Liste gibt es hier).


Des Weiteren ist die Lücke zwischen den Gehältern von Frauen und Männern auf Vorstandsebene in diesem Jahr sogar wieder angestiegen – von 21 Prozent auf 23 Prozent (2017: 30 Prozent). In den Aufsichtsräten dagegen bleibt der Gender Pay Gap bei 17 Prozent gleich (2017: 20 Prozent). Immerhin gibt es in der Nische ein überraschendes Phänomen: "In Business-nahen Positionen, beispielsweise im Produktions- oder Vertriebsressort, verdienten Frauen im Jahr 2019 durchschnittlich acht Prozent mehr als ihre männlichen Kollegen. Für die Ausübung sogenannter Support-naher Ämter – etwa Personal oder Compliance – erhielten Frauen im Vorstand sechs Prozent mehr als Männer", so Isabell Welpe, Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der Technischen Universität München und Co-Autorin der Studie.

Die Studie
Für die Studie Diversity Champions: BCG Gender Diversity Index 2019 haben die Boston Consulting Group (BCG) und die Technische Universität München (TUM) die 100 größten deutschen Unternehmen untersucht, die in einem der Prime-Indizes (DAX, MDAX, SDAX) gelistet sind und die benötigten Daten zur Berechnung des Index veröffentlichen (sortiert nach Marktkapitalisierung zum Stichtag 1. September 2019). Der entwickelte Index setzt sich zusammen aus dem Anteil an Männern und Frauen in Vorstand und Aufsichtsrat des jeweiligen Unternehmens zum Stichtag sowie der Verteilung der Vergütung in den beiden Gremien nach Ausweis des letzten vollständigen Jahresberichts. Diese vier Faktoren gehen jeweils zu einem Viertel in die Gesamtwertung ein. Darüber hinaus greift die Studie die Ergebnisse der BCG-Diversity-Befragung Fixing the Flawed Approach to Diversity unter 16.700 Personen in 14 Ländern auf. Im Fokus der Analyse standen die Aussagen von ambitionierten Frauen, Frauen ohne Karriere-ambitionen und männlichen Entscheidungsträgern in Deutschland. Ambitionierte Frauen streben laut eigener Aussage aktiv eine höhere Führungsposition in den nächsten drei Jahren an.
Der Umgang mit dem Thema Geschlechtervielfalt in den Führungsriegen von Unternehmen wirkt sich auch auf die Bindung weiblicher Talente aus. So haben Firmen, die Chancengleichheit ernst nehmen, in dieser Hinsicht einen Vorteil. Die Befragung zum Thema Vielfalt zeigt, dass aufstiegsambitionierte Frauen in Deutschland Diversität im Top-Management als wichtiges Signal für die eigene Perspektive bewerten. Wenn die oberste Führungsriege als vielfältig wahrgenommen wird, wollen 83 Prozent der befragten Frauen lieber im eigenen Unternehmen aufsteigen als anderswo.

"Die oft gehörte Entschuldigung 'Wir haben keine Frauen im Top-Management, weil uns der weibliche Nachwuchs fehlt' lässt sich ins Gegenteil umkehren", fasst Nicole Voigt zusammen. Vielmehr gilt: "Je mehr Frauen in Spitzenpositionen, desto größer die Sogwirkung für weiblichen Führungsnachwuchs." tt
stats