CSR-Studie

Diese Branchen haben den größten Nachholbedarf bei Nachhaltigkeit

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Das Interesse an bewussteren Modekäufen steigt, doch Fast Fashion ist noch immer ein globales Problem
© IMAGO / Ralph Peters
Das Interesse an bewussteren Modekäufen steigt, doch Fast Fashion ist noch immer ein globales Problem
Nicht nur bei der Digitalisierung performen deutsche Unternehmen vergleichsweise rückständig. Auch in Sachen Corporate Social Responsibility (CSR) ist bei vielen noch Luft nach oben. Eine Studie des IFH Köln offenbart besonders in der Fashion-Branche aber auch im Lebensmittelhandel großen Optimierungsbedarf hin zu mehr Nachhaltigkeit. Die Biomarktkette Alnatura schneidet branchenübergreifend am besten ab.
Beide Defizite - mangelnde Digitalisierung und mangelhafte Nachhaltigkeit - hat die Corona-Pandemie in den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt. Denn Unternehmen stehen seit Krisenbeginn härter auf dem Prüfstand denn je, auch bezüglich der Gunst ihrer Kunden. Die Monate der erzwungenen Entschleunigung haben manch einen Verbraucher reflektierter und kritischer werden lassen, nicht zuletzt beim eigenen Konsum.

Eine aktuelle Studie des IFH Köln mit dem Titel "Nachhaltigkeit in der amazonisierten Welt" zeigt, dass der Megatrend Nachhaltigkeit das Potenzial hat, den Handel erneut und geradezu disruptiv zu verändern. So haben im letzten Jahr nach eigenen Angaben bereits knapp 80 Prozent der Konsumenten bewusst auf etwas verzichtet, wobei für 43 Prozent von ihnen ein nachhaltigerer Lebensstil als ausschlaggebender Grund genannt wurde. Gerade für Frauen waren demnach Nachhaltigkeit oder Umweltschutz entscheidende Faktoren dafür, sich weniger zu gönnen.
© IFH Köln
Wie unterschiedlich die einzelnen Branchen in Sachen Nachhaltigkeit aufgestellt sind, offenbart der CSR-Index des IFH Köln, für den Konsumenten Unternehmen in Bezug auf sechs CSR-Dimensionen bewertet haben (siehe Grafik). Bei den Händlern aus dem Lebensmittelbereich zeigt sich eine verhältnismäßig große Spannweite: 25 Indexpunkte trennen den Kategorie-Sieger – und branchenübergreifend am besten bewerteten Händler – Alnatura (71 Punkte) vom schlechtesten Wert der Branche mit 46 Punkten. Darüber, zu welchem Lebensmittelhändler dieser Negativ-Wert gehört, macht das IFH Köln keine Angaben. Gleiches gilt für die jeweiligen "Verlierer" der anderen Branchen.

Im Segment "Drogerie & Tier" kann sich DM mit 67 Punkten hervortun, bei "Freizeit & Hobby" die Outdoor-Marke Jack Wolfskin mit 63 Punkten, dicht gefolgt von Möbelhändler Segmüller im Bereich "Wohnen & Einrichten" mit 62 Punkten. Die Werte bei "CE/Elektro" fallen sehr ähnlich aus, da sich dort offenbar kein Wettbewerber in Sachen CSR-Engagement besonders hervortun kann. Spitzenreiter ist hier notebooksbilliger.de mit 56 Punkten. Wenig Varianz in den Werten zeigt sich auch in der Rubrik "DIY", wo Bauhaus mit 59 Punkten vorne liegt.

Methodik
Die Studie "Nachhaltigkeit in der amazonisierten Welt" analysiert den Status quo in Sachen Nachhaltigkeit im Handel und beschäftigt sich mit der Frage, wie der Handel adäquat mit den steigenden Konsumentenbedürfnissen nach verantwortlich hergestellten Produkten und unternehmerisch nachhaltigem Handeln umgehen kann. Hierfür wurden 1.500 Internetnutzer:innen im März 2021 online befragt und der Markt analysiert. Zu den im CSR-Index betrachteten Branchen zählen CE/Elektro, DIY, Drogerie & Tierbedarf, Fashion & Accessoires, Freizeit & Hobby, Lebensmittel, und Wohnen & Einrichten.
Im Segment "Fashion & Accessoires" liegen zwischen dem Top-Performer Peek & Cloppenburg (59 Punkte) und dem Unternehmen mit dem niedrigsten CSR-Wert ganze 27 Punkte. Insgesamt ist der Branchenschnitt bei "Fashion & Accessoires" der schlechteste aller bewerteten Kategorien. Dies steht in direktem Widerspruch zum gestiegenen Bewusstsein der Verbraucher für Umweltthemen in Bezug auf ihre eigenen Modekäufe, das die Studienergebnissen nahelegen. So geben 49 Prozent der Befragten an, dass ihnen Nachhaltigkeit beim Kauf von Kleidung wichtig sei.

Allerdings gilt das vielfach eher in der Theorie als in der Praxis. Die Menschen hätten zwar angefangen, ihre Konsumentscheidungen zunehmend zu hinterfragen, so Eva Stüber, Mitglied der Geschäftsleitung am IFH Köln. Aber: "Noch sind diese Veränderungen im Konsumverhalten wenig spürbar, es gilt für Unternehmen aber jetzt, die Weichen für die Zukunft zu stellen, um nicht von der Nachhaltigkeitswelle überrollt zu werden", sagt Stüber. Dennoch: Die Relevanz von Secondhand im Fashion-Bereich nimmt zu und lässt laut den Studienverantwortlichen auf das Bedürfnis der Konsumenten nach bewussterem Konsum von Kleidung schließen. Als einen weiteren Treiber des Secondhand-Booms sieht das IFH Köln die Digitalisierung. Entsprechende Apps und Services würden den Handel mit gebrauchter Kleidung mehr und mehr zum relevanten Umsatzfaktor machen und primär von jungen Verbrauchern vorangebracht werden, aber auch zunehmend ältere Zielgruppen erreichen. Als Beispiel nennt das Insitut hier Concierge Services der Fashion-Plattformen, die besonders von den über 50-Jährigen geschätzt würden.

Die vollständige Studie kann über den Shop des IFH Köln bezogen werden. hmb
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