DAX-Unternehmen

Henkel liegt beim Thema Gender Diversity vorn - aber generell ist noch viel Nachholbedarf

Boston Consulting Group hat die 100 größten börsennotierten Unternehmen auf Geschlechtervielfalt untersucht
© Boston Consulting Group
Boston Consulting Group hat die 100 größten börsennotierten Unternehmen auf Geschlechtervielfalt untersucht
Beim Thema Geschlechtervielfalt und Gleichberechtigung gibt es in den 100 größten börsennotierten Unternehmen noch immer viel Nachholbedarf. Das zeigt eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) in Kooperation mit der Technischen Universität München (TUM). Speziell sieht es auch in Deutschland düster aus: Den Ergebnissen zufolge dauert es bei gleichbleibendem Tempo noch fast vier Jahrzehnte, bis in deutschen Vorständen ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis herrscht.
Für die Studie haben die Initiatorinnen die 100 größten börsennotierten Konzerne Deutschlands analysiert. Sie haben sowohl die Verteilung als auch die Vergütung der Geschlechter in Vorständen und Aufsichtsräten untersucht. Daraus wurde ein Index ermittelt. Die volle Punktzahl (100 Punkte) erhält ein Unternehmen, wenn es in beiden Gremien eine gleiche Verteilung von Männern und Frauen sowie eine identische Vergütung von Männern und Frauen aufweist.


Über die Studie
Für die Studie Diversity Champions: BCG Gender Diversity Index 2018 haben die Boston Consulting Group (BCG) und die Technische Universität München (TUM) die 100 größten deutschen Unternehmen untersucht, die in einem der Prime-Indizes (DAX, MDAX, SDAX, TecDAX) gelistet sind und die benötigten Daten zur Berechnung des Indexes veröffentlichen (sortiert nach Marktkapitalisierung zum Stichtag 30. Juni 2018). Der entwickelte Index setzt sich zusammen aus dem Anteil an Männern und Frauen in Vorstand und Aufsichtsrat des jeweiligen Unternehmens zum Stichtag, sowie der Verteilung der Vergütung in den beiden Gremien nach Ausweis des letzten vollständigen Jahresberichts. Diese vier Faktoren gehen jeweils zu einem Viertel in die Gesamtwertung ein.
Daraus ergibt sich: Henkel ist das diversity-freundlichste Unternehmen im Deutschen Aktienindex (DAX). Im Vergleich mit den 100 größten börsennotierten Unternehmen erreicht der FMCG-Riese aus Düsseldorf den vierten Platz mit 74 von 100 möglichen Punkten. Noch besser aufgestellt sind das Kreditinstitut Aareal Bank (80 Punkte), der Mobilfunkanbieter Telefónica (79 Punkte) und der Finanzdienstleister Grenke (75 Punkte). Allerdings erreicht kein Unternehmen die bestmöglichen 100 Punkte.

Die in Sachen Geschlechtervielfalt erfolgreichsten DAX-Konzerne sind nach Henkel die Lufthansa auf Rang 7, das Chemieunternehmen Merck auf Platz 8 und auf Platz 9 die Deutsche Börse. Sehr viel Diversity-Nachholbedarf besteht bei dem Essenszusteller Delivery Hero, dem Software-Anbieter Nemetschek und dem Internet-Provider United Internet. Bei allen drei Unternehmen gehörte zum Zeitpunkt der Erhebung keine einzige Frau zum Aufsichtsrat oder Vorstand. Insgesamt nimmt die Geschlechtervielfalt eine positive Entwicklung - dauern kann es allerdings noch eine ganze Weile. Aktuell besetzen Frauen in den 100 größten börsennotierten Unternehmen rund 31 Prozent der Aufsichtsrat- und 7 Prozent der Vorstandspositionen. 2017 waren es noch 29 beziehungsweise 6 Prozent. Bei den DAX-Vertretern im Ranking sind die Zahlen etwas höher: Hier liegt der Frauenanteil in Aufsichtsräten bei 34 Prozent (2017: 31 Prozent) und in Vorständen bei 11 Prozent (2017: ebenfalls 11 Prozent). Interessanterweise haben die Faktoren Gleichberechtigung und Diversity nichts damit zu tun, wie jung oder alt ein Unternehmen und seine Strukturen sind. Wie die Studie ergab, schneiden jüngere Firmen im Index nicht deutlich besser und auch nicht deutlich schlechter ab als ältere.


Auch bei den Gehältern gibt es noch immer große Unterschiede zwischen Männern und Frauen. In Vorständen steigen die Gehälter der weiblichen Mitglieder zwar um 9 Prozent an - liegen aber immer noch bei erst 79 Prozent der Männergehälter. Immerhin nehme der Aufwärtstrend Fahrt auf, sagen die Autorinnen der Studie. Bleibt es so, könnte mit der gleichen Geschwindigkeit in etwas mehr als zwei Jahren Gehälterparität in den deutschen Vorständen herrschen. In den Aufsichtsräten bewegt sich hingegen nichts. Hier betragen die Gehälter der Frauen weiterhin bei 80 Prozent des Durchschnittsgehalt eines männlichen Kollegen.

"Einige Unternehmen verzeichnen große Fortschritte, wenn es um die Vielfalt in Vorständen und Aufsichtsräten geht", sagt Rocío Lorenzo, Partnerin bei BCG und eine der Autorinnen des BCG Gender Diversity Index 2018. "Insgesamt verbessert sich der Anteil der Frauen in Führungspositionen aber nur langsam. Bei gleichbleibender Geschwindigkeit dauert es noch beinahe neun Jahre bis zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis in deutschen Aufsichtsräten, in Vorständen sogar vier Jahrzehnte."
„Bei gleichbleibender Geschwindigkeit dauert es noch neun Jahre bis zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis in deutschen Aufsichtsräten, in Vorständen sogar vier Jahrzehnte.“
Rocio Lorenzo
In den Vorstands- und Aufsichtsratspositionen, die höher vergütet werden, sitzen allerdings noch immer ziemlich wenige Frauen. In den 100 analysierten Unternehmen gibt es nur zwei weibliche Vorstands- und fünf weibliche Aufsichtsratsvorsitzende. Noch schlimmer: Generell haben fast zwei Drittel der Unternehmen nach wie vor überhaupt keine Frau im Vorstand, in fünf Unternehmen besteht der Aufsichtsrat nur aus Männern.

Für die Studienautorinnen Lorenzo, BCG-Partnerin Nicole Voigt und Isabell Welpe, Inha­berin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der Technischen Universität München, liegt es an den Unternehmens-Chefs, die aktuelle Situation zu ändern - und sie sollten Diversity nicht als Image-Thema definieren. "Unternehmen sollten erkennen, dass Vielfalt dem Unternehmenserfolg dient", sagt Welpe. "Es lässt sich eine enge Korrelation von Vielfalt in Führungsteams und der Innovationskraft von Unternehmen nachwei­sen". Für Voigt liegt es beim Topmanagement, durch gezielte Frauenförderung die Weichen für mehr Geschlechtervielfalt zu stellen.  "Das kann durch eine auf Diversität ausgerichtete Unternehmenskultur sowie durch einen Mix an Weiterbildungsangeboten gelingen, der Frauen wie Männer mit neuen Techno­logien und Trends vertraut und fit für künftige Führungsaufgaben macht". bre
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