Automesse IAA

Problem-IAA legt wunde Punkte der Autoindustrie offen

Fährt einer ungewissen Zukunft entgegen: die IAA in Frankfurt am Main
© IAA/Screenshot
Fährt einer ungewissen Zukunft entgegen: die IAA in Frankfurt am Main
Die größte Automesse der Welt startet heute nicht gerade unter günstigen Vorzeichen. Eine Absatzflaute und Unsicherheit über die künftige Nachfrage nach Elektrofahrzeugen lasten auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA). Doch nicht nur für die deutsche Autobranche liegt derzeit vieles im Ungewissen: Selbst die jahrzehntealte Institution der großen Automesse steht auf dem Prüfstand.
Noch vor der offiziellen Eröffnung durch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am heutigen Donnerstagvormittag bekommt die große deutsche Autoschau zusätzliche Risse in der Fassade. Wichtige Akteure zweifeln offenbar am Sinn des „weiter so” auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt.


Trotz der Ergänzung des Formats um Gesprächsrunden und Kongressangebote wird unter Herstellern und Veranstaltern ein neues Messekonzept mit wechselnden Veranstaltungsorten wie beispielsweise Köln oder Berlin diskutiert, wie Branchenkreise am Mittwoch bestätigten. Zuvor hatte das „Handelsblatt” darüber berichtet.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) bestätigte als Veranstalter, dass man für die IAA verschiedene Optionen prüfe. „Über Entscheidungen sprechen wir dann, wenn das Konzept steht”, sagte Verbandssprecher Eckehart Rotter.


Die IAA steht in diesem Jahr nach zahlreichen Absagen früherer Aussteller massiv unter Druck. Ein Vertrag zur Fortsetzung in den kommenden Jahren besteht nicht, wie VDA und Messe Frankfurt bestätigen. Einige Veranstalter äußerten sich bereits während der Messe kritisch. „Es gibt keine Bestandsgarantie”, erklärte etwa BMW-Finanzvorstand Nicolas Peter. Opel-Chef Michael Lohscheller hatte bereits konkrete Verbesserungsvorschläge. Er will während der Messe die gezeigten Autos auch verkaufen können. Auf Dauer werde es nicht reichen, Neuwagen zu zeigen und mit Journalisten zu reden.

„Die IAA muss sich wie jede andere Messe weiterentwickeln. Die aktuelle Veranstaltung zeigt, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet”, erklärte ein Sprecher der Frankfurter Messe. Die von der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen getragene Gesellschaft verweist auf ihre Erfahrung mit der Branche und den gelernten Termin.

Fast wirkt die Krise der Messe wie ein Abbild der aktuellen Branchenlage. Es knirscht erheblich im Getriebe des wichtigsten deutschen Industriezweigs, auch abseits von aktuellen Absatzproblemen in China und Europa. Viele Verbraucher können sich mit der elektrischen Verkehrswende noch nicht anfreunden.

Der europäische Autobauer-Verband Acea verlangt von der Politik denn auch deutlich mehr Anstrengungen zum Ausbau der Infrastruktur für alternative Antriebe. „Von unserer Seite bieten wir eine immer weiter wachsende Auswahl an alternativ angetriebenen Autos für die Kunden”, sagte Carlos Tavares, Acea-Präsident und Chef der französischen Opel-Mutter PSA. Die Regierungen in der EU müssten nun Schritt halten, „indem sie ihre Investitionen in Infrastruktur dramatisch aufstocken”, forderte der Portugiese.

Der Verband sieht wegen der Reichweitenangst einen klaren Zusammenhang zwischen dem E-Ladenetz und der Kaufbereitschaft. Einer Acea-Studie zufolge gab es 2018 in der gesamten Europäischen Union weniger als 145 000 Ladepunkte für Elektroautos. 2030 würden mindestens 2,8 Millionen benötigt. Auch Kaufanreize für die Autos müssten sein, so Tavares. Die EU-Hersteller sehen sich mit verschärften Abgasregeln bis 2030 konfrontiert. Schafft es die Branche nicht, deutlich mehr abgasärmere Antriebe auf die Straße zu bringen, drohen ihr Milliardenstrafen.

Auch Zulieferer sind gezwungen, sich neu auszurichten. Insgesamt weniger Arbeitsvolumen, aber ganz andere Kompetenzen sind für den Bau von Elektroantrieben nötig. Der Dax-Konzern Continental etwa schwenkt von mechanisch-hydraulischer Technik immer stärker zu Elektronik und Sensorik um – ein Jobabbau bis hin zu möglichen betriebsbedingten Kündigungen könnte folgen.

Schaeffler-Chef Klaus Rosenfeld empfindet den Umbruch der Autobranche auch als Ansporn. „Ich sehe den Wandel als große Chance, wenn man es jetzt richtig macht”, sagte er am Rande der IAA. Trotz der derzeitigen Branchenkrise werde es Autozulieferer auch 2030 noch geben. Gleichwohl stünden sie vor großen Herausforderungen. Mit Blick auf die Jobs dürfe man sich auf Sicht nichts vormachen. „Der Elektroantrieb braucht weniger Teile.”

Der Lichtspezialist Hella kann sich ebenfalls nicht der akuten Schwäche an den Märkten entziehen. „Wir müssen lernen, in einem sich konsolidierenden oder vielleicht schrumpfenden Markt Geschäfte zu machen”, sagte Firmenchef Rolf Breidenbach. Für den Manager steht derzeit aber kein Abbau eines Teils der rund 40 000 Jobs im Raum – unter anderem wegen eines vollen Auftragsbuchs.

Auf der Messe ziehen die nach wie vor stark präsenten Stadtgeländewagen (SUVs) weiter Proteste von Klimaschützern auf sich. Eine Debatte entzündete sich auch an der Gefahr der hochgebauten Fahrzeuge bei Unfällen – kürzlich waren bei einer Kollision in Berlin vier Menschen gestorben. „Ich halte relativ wenig von Regulierung”, sagte Porsche-Chef Oliver Blume den Sendern n-tv und RTL. „Nichtsdestotrotz kann man sich auch in den deutschen Städten Gedanken machen, ob SUV da die richtigen Fahrzeuge sind.” Dies liege bei den Autofahrern.

Unterdessen haben sich die Betriebsratschefs von BMW, Daimler und Volkswagen gegen eine Dämonisierung der Autoindustrie ausgesprochen. „In der öffentlichen Diskussion bekommt man im Moment den Eindruck, das Auto sei nichts als ein einziges Risiko. In der Gefahrenskala liegt es irgendwo zwischen Ebola und nordkoreanischen Raketen”, sagte der oberste VW-Arbeitnehmervertreter Bernd Osterloh dem „Handelsblatt”. Auch die Betriebsratsvorsitzenden von Daimler und BMW, Michael Brecht und Manfred Schoch, wandten sich gegen die zunehmende Kritik an Autos und speziell an Stadtgeländewagen (SUVs).

Die Branche bewege sich, indem sie Elektrifizierung des Verkehrs vorantreibe, sagte Schoch. Damit die Wende gelingt, schlug Brecht eine konzertierte Aktion vor: „Wenn wir ein Bündnis aus Politik, Umweltverbänden und Autoindustrie schmieden, dann werden wir schneller zu Lösungen kommen.” Ziel eines Dialoges könne aber nicht sein, das Auto abzuschaffen.

Rund um die Ausstellung gibt es heftige Kritik von Klimaschützern. Diese werfen der Autoindustrie vor, den Wandel zu emissionsfreier Elektromobilität nicht entschlossen genug voranzutreiben und weiter auf klimaschädliche Stadtgeländewagen (SUVs) zu setzen. Umweltaktivisten wollen am Wochenende massiv gegen die Klimabelastung durch das Auto protestieren, wenn die Messe ihre Tore für die breite Öffentlichkeit öffnet.

Die Internationale Automobilausstellung wird am Vormittag von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eröffnet. Bei ihrem Rundgang über das Messegelände begleiten sie Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Bernhard Mattes. Es ist der erste von zwei Fachbesuchertagen, am Samstag kann dann auch das breite Publikum die Neuheiten auf der größten Automesse der Welt sehen.

Am Nachmittag wird Grünen-Chef Robert Habeck auf der IAA erwartet. Er soll dort an einer Diskussion mit Daimler-Chef Ola Källenius teilnehmen. Im Vorfeld hat Habeck ein grundlegendes Umsteuern in der Politik verlangt. „Es braucht die klare gesetzliche Vorgabe, dass ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos neu zugelassen werden. Bis dahin müssen jährlich steigende Quoten für emissionsfreie Autos den Weg ebnen”, sagte Habeck der „Rheinischen Post” (Donnerstag). Die Branche brauche Planungs- und Investitionssicherheit und einen
„kräftigen Anschubser”.

Zudem sollte die Kfz-Steuer grundlegend reformiert und streng am CO2-Ausstoß und am Energieverbrauch ausgerichtet werden, sagte Habeck. Kleine, energiearme Autos sollten entlastet, energiefressende Wagen wie SUVs deutlich höher besteuert werden. „Das gilt nicht nur für den CO2-Ausstoß, sondern für den gesamten Energieverbrauch – also auch bei E-Autos“, erklärte der Grünen-Politiker. Es sei nichts gewonnen, wenn die Autokonzerne weiter immer mehr geländewagenartige Autos produzieren, selbst wenn diese mit Strom statt mit Sprit fahren. dpa / Christian Ebner und Jan-Henrik Petermann, dpa / Andreas Riechert, dpa-AFX
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