Special

Sally Özcan will neben ihrer Arbeit als Youtuberin bald ein Innovationszentrum namens "Sallycon Valley" eröffnen
Sallys Welt
Youtuberin Sally Özcan

"Ich mag das Wort Influencer einfach nicht"

Sally Özcan will neben ihrer Arbeit als Youtuberin bald ein Innovationszentrum namens "Sallycon Valley" eröffnen
Eigentlich wollte Saliha Özcan alias Sally Lehrerin werden, heute ist sie Youtube-Star. Gemeinsam mit ihrem Mann Murat Özcan veröffentlicht die 29-Jährige mindestens zwei Videos pro Woche - und verdient ihr Geld auch mit Markenkooperationen. Doch die Deutsch-Türkin aus dem badischen Waghäusel ist nicht nur Influencerin: "Sallys Welt" lautet nicht nur der Titel ihres Youtube-Kanals, es ist auch eine eigene Brand entstanden. Wie sie das geschafft hat und warum sich Özcan von ihren Influencer-Mitstreitern distanziert, erklärt sie gemeinsam mit ihrem Mann Murat im Interview mit HORIZONT Online.
von Katharina Brecht Freitag, 22. Juni 2018
Alle Artikel dieses Specials
X

Sally, du veröffentlichst mindestens zwei Mal pro Woche Videos – wie managst du den Alltag als Youtuberin und Mutter?
Sally: Nachdem ich meine Familie geweckt habe und mein Mann Murat die Kinder zur Schule fährt, bereite ich schon die Küche für den Dreh vor. An Drehtagen klingelt um 8 Uhr mein Team und wir arbeiten bis rund 13 Uhr. Meistens nehmen wir zwei Videos pro Tag auf. Zur Mittagszeit essen wir gemeinsam und machen Pause. Bis 16 oder 17 Uhr wird weitergedreht. Dann kommen die Kinder heim und wir haben erst einmal Feierabend. Um 20 Uhr werden meine Töchter ins Bett gebracht und ich kümmere mich anschließend um E-Mails und Kommentare.



Das heißt, ihr habt feste Drehtage?
Sally: Wir drehen eigentlich jeden Tag in der Woche, damit wir immer einen Vorlauf haben. Nur so kann ich Veranstaltungen, Messen und Co. besuchen.


Auch wenn dir das Wort nicht gefällt, bist du Influencerin und für Werbungtreibende interessant. Experten empfehlen mittlerweile längere Partnerschaften zwischen Brands und Social-Media-Stars statt One-Shots. Wie hältst du es mit Kooperationen?
Sally: Klassische Produktplatzierungen gibt es bei mir eigentlich nicht. Ich platziere nur meine eigenen Produkte aus meinem Onlineshop. Wir haben uns auch gegen das  Amazon-Partnerprogramm mit Affiliate-Links entschieden. Grundsätzlich setzen wir ausschließlich auf langfristige Kooperationen und schließen immer mindestens Einjahresverträge.


Murat: Genau. 99 Prozent aller Influencer arbeiten mit Amazon zusammen, das ist das Einfachste. Für uns war Amazon noch nie ein Thema, wir haben noch nie einen Affiliate-Link über Amazon geteilt. Stattdessen haben wir unseren eigenen Shop gegründet, damit wir unseren Fans auch bei Fragen und Co. zu Produkten zur Verfügung stehen können.
„Man stelle sich vor, wir würden mit einem Discounter zusammenarbeiten. Das Erste, was einem einfällt, ist doch: "billig" und "Aktionsware". Und wer möchte schon billige Aktionsware sein?“
Murat Özcan, Sallys Welt
Auf Sallys Kanal gibt es auch ein Format von Ehemann Murat Özcan
© Sallys Welt via Youtube
Auf Sallys Kanal gibt es auch ein Format von Ehemann Murat Özcan


Worauf kommt es euch bei Partnern an?
Murat: Das Wichtigste bei Kooperationen ist es, den Imagetransfer zu beachten. Denn das Image des YouTubers wird auf die Marke übertragen – und umgekehrt. Wenn die Images aber offensichtlich nicht zusammenpassen und du nur wegen dem Geld eine Kooperation eingehst, betrügst du deine Zuschauer. Das würden wir niemals machen. Wir gehen nur Partnerschaften ein, hinter denen wir zu 100 Prozent stehen. Man stelle sich vor, wir würden mit einem Discounter zusammenarbeiten. Das Erste, was einem einfällt, ist doch: "billig" und "Aktionsware". Und wer möchte schon billige Aktionsware sein? Unternehmen und Creator müssen unbedingt die gleichen Werte vertreten. Doch das machen viele Influencer nicht – und das rächt sich irgendwann.

Spielt die Bezahlung einer Partnerschaft für euch keine Rolle?
Murat: Nein, gar nicht. Das können wir zugegebenermaßen nur sagen, weil wir unseren eigenen Shop haben. So sind wir von der Werbeindustrie unabhängig. Wir brauchen sie gar nicht – wir haben schließlich unsere eigene Brand "Sally", die wir über Youtube, unseren Shop und unseren Blog bewerben. Das bedeutet für uns, dass wir von keinen Kooperationen abhängig sind und uns nur diejenigen aussuchen können, die zu hundert Prozent zu uns passen.
„Wir brauchen die Werbeindustrie nicht.“
Murat Özcan, Sallys Welt


Ihr seht euch also als Marke, nicht als Influencer?
Sally: Ich mag das Wort Influencer einfach nicht. Ich finde, es klingt, als würde man etwas tun, um Menschen zu manipulieren. Damit kann ich mich überhaupt nicht identifizieren. Ich gehe schließlich nur Partnerschaften ein, wenn ich voll und ganz dahinterstehe.

Murat: Wir haben eben wirklich eine Brand geschaffen. Das Wort "Influencer" trifft auf uns gar nicht zu. Wir haben 15, 16 eigene Produkte made in Germany und für die machen wir Werbung.

Obwohl ihr euch nicht als Influencer seht und keine Produktplatzierungen macht, arbeitet ihr mit dem Multi-Channel-Netzwerk Divimove zusammen. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Sally: Wir sind inzwischen seit sechs Jahren bei Divimove und sehr zufrieden.

Murat: Divimove gibt uns Tipps und Tricks zu neuen Trends. Außerdem führen sie uns mit Kooperationspartnern zusammen. Das Schöne ist, dass Divimove uns nie gedrängt hat. Wir konnten selbst definieren, welche Partner wir haben wollen und welche nicht. Darum sind wir auch seit sechs Jahren dabei. Das ist selten in der Branche.


Glaubst du, dass Produkte bei YouTube glaubwürdiger beworben werden können als auf Instagram – weil du Produkte vor der Kamera ausprobierst?
Sally: Instagramposts mit Produktplatzierungen mache ich gar nicht. Wenn ich etwas mache, dann im Video-Format, weil ich es dann nachweisbar ausprobieren kann und umfassend erklären kann, wie zufrieden ich mit dem Produkt bin. Wie gesagt: Typische Produktplatzierungen haben wir gar nicht.

Noch nie?
Sally: Mir fällt gerade ein, dass wir vor einer Weile mit Arla Kaergarden zusammengearbeitet haben. Aber das war nicht nur eine Produktplatzierung: Wir haben Rezepte mit dem Produkt entwickelt und Instagram-Postings gemacht.  Aber bei uns standen immer die Rezepte im Vordergrund, nicht das Produkt.

Murat: Wenn es sinnvoll ist, geben wir den Unternehmen auch gerne die Chance, sich vorzustellen. Wir setzen uns mit ihnen hin und diskutieren, ob das Unternehmen zu uns passt.

Dementsprechend habt ihr noch nie eine Kooperation bereut?
Murat: Nein. Das liegt aber eben auch daran, dass wir uns wie gesagt nicht von Geld beeinflussen lassen und unter Umständen eben auch eine Partnerschaft mit großen Unternehmen nicht eingehen, wenn sie nicht zu uns passen. Das ist Erfolg – und das ist cool.
„Ein und dasselbe Produkt kann bei einem anderen Youtuber funktionieren – bei mir aber überhaupt nicht, weil die Zielgruppe ganz anders ist. “
Sally Özcan
Sally Özcan schließt mindestens Ein-Jahres-Verträge mit ihren Partnern
© Sallys Welt
Sally Özcan schließt mindestens Ein-Jahres-Verträge mit ihren Partnern


In der Branche heißt es, das Influencer Marketing professionalisiert sich. Was sollten Werbungtreibende in Zukunft aber noch viel mehr beherzigen?
Murat: Viele Unternehmen machen einen Fehler: Sie verstehen Influencer nicht. Natürlich will das Unternehmen verkaufen und Reichweite haben. Was sie aber nicht verstehen, ist, dass wir unsere Zuschauer wirklich lieben und wie wir auf dieser Grundlage in den sozialen Medien arbeiten. Wir wollen niemanden verarschen.

Sally: Außerdem merken wir noch oft, dass das Unternehmen nicht zu uns als Creator passt. Ein und dasselbe Produkt kann bei einem anderen Youtuber funktionieren – bei mir aber überhaupt nicht, weil die Zielgruppe ganz anders ist. Und es kommt dabei auch nicht auf die Reichweite an, sondern auf das Verhältnis, welches man zu seinen Zuschauern hat.

Murat: Ja. Gerade bei uns ist es auf Youtube etwas spezieller als bei anderen. Unsere Zielgruppe ist erwachsener als die vieler Influencer. Sie denken mit und können abschätzen, ob wir wirklich hinter einem Produkt stehen oder eben nicht. Bei ihnen brauchst du Überzeugung und Authentizität. Und ganz wichtig: Das Produkt darf niemals im Vordergrund stehen. Ein Video muss immer informieren oder unterhalten – am besten beides. Alles andere ist plumpe Werbung. Das nehmen wir uns sehr zu Herzen. Sally vergleicht auch Produkte mit anderen und nennt Vor- und Nachteile. Das sollten die Unternehmen in ihren Partnerschaften mehr berücksichtigen und ermöglichen.

Seht ihr in Youtube eure Zukunft – oder in anderen Projekten wie eurem Innovationszentrum "Sallycon Valley"?
Sally: Das Problem, wenn man sich allein auf eine Plattform stürzt, ist eine schnelle Abhängigkeit von dieser. Wenn die Plattform den Algorithmus umstellt, den Zuschauern keine Benachrichtigungen mehr zustellt oder andere Veränderungen vornimmt, kann dies fatale Auswirkungen haben. Wir haben mit unserem Blog jetzt schon unsere eigene Plattform etabliert, über die wir die Zuschauer selber informieren.

Murat: Ganz genau! Man denke an Studivz – gibt's nicht mehr. Werkenntwen.de – gibt's nicht mehr. Was in Zukunft mit Facebook passiert? Ungewiss. Wenn Youtube ein ganz anderes Geschäftsmodell einführt und das unsere einzige Säule wäre, hätten wir ein gewaltiges Problem. Doch die meisten Youtuber denken gar nicht so weit. Mit unserer eigenen Plattform, die uns nebenbei bemerkt sehr viel Geld und Know-how gekostet hat, hätten wir dieses Problem aber gar nicht. Wir sind unabhängig von den sozialen Netzwerken. Wir haben auf unserem Blog monatlich über 2,7 Millionen Seitenaufrufe. Die von uns geschaffene Brand Sally wäre immer noch da, auch wenn sie keine Videos mehr veröffentlichen würde.

Interview: Katharina Brecht

stats