Schreckgespenst Amazon

Was in Nestlés Jahresbilanz zu Edekas Wunschliste steht

   Artikel anhören
Béatrice Guillaume-Grabisch ist Deutschland-Chefin von Nestlé
© Nestlé
Béatrice Guillaume-Grabisch ist Deutschland-Chefin von Nestlé
Ein Plus von 2,3 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro Umsatz. Auf den ersten Blick kann sich die Jahresbilanz von Nestlé Deutschland sehen lassen. Doch der Teufel steckt im Detail. Denn wer genauer in die Zahlen schaut, versteht schnell, warum sich Nestlé derzeit so ausdauernd gegen die Begehrlichkeiten des Handels wehrt: Der Schweizer Lebensmittelkonzern kämpft selbst um Wachstum im deutschen Markt und muss sich gleichzeitig der digitalen Transformation des FMCG-Segments stellen.

Kämpferische Worte in Richtung des Verhandlungsgegners Edeka waren von Beatrice Guillaume-Grabisch bei der Präsentation der Jahresbilanz allerdings nicht zu hören. Die Vorstandsvorsitzende der Nestlé Deutschland plädiert vielmehr für eine Versachlichung der Diskussion: "Am Ende werden Nestlé und Edeka wieder eine Brücke bauen müssen, um wieder auf einen gemeinsamen Weg zurückzukehren."



„Am Ende werden Nestlé und Edeka wieder eine Brücke bauen müssen, um wieder auf einen gemeinsamen Weg zurückzukehren.“
Beatrice Guillaume-Grabisch
Aber auch wenn Guillaume-Grabisch sich nicht zu Details der Verhandlungen mit der Händlerseite äußerte, macht sie kein Geheimnis daraus, wie sie sich idealerweise die Beziehung zwischen Markenhersteller und Händler vorstellt: "Am Ende stehen für beide Seiten der Konsument und seine Wünsche im Mittelpunkt. Deshalb müssen wir nach einer Lösung suchen, die uns bei dieser Arbeit weiterhilft und mit der beide Seiten leben können."

Dass es sich bei diesem Szenario einer synergetischen Händler-Hersteller-Beziehung nicht um eine abstrakte Wunschvorstellung handelt, ließ sich – wohl nicht ganz zufällig - der Präsentation der Vorstandsvorsitzenden entnehmen, in der Edeka-Konkurrent Rewe auffällig häufig eine Rolle spielte. Egal ob Test von digitalen PoS-Modulen, Maggi-Testwochen oder der exklusive Launch von Kitkat-Ruby – in allen Fällen fand Nestlé seinen Handelspartner beim Edeka-Konkurrent in Köln.


Dass Edeka als Teil des Einkaufsbündnisses Agecore stattdessen lieber auf verschärfte finanzielle Forderungen setzt, erklärt sich Guillaume-Grabisch mit dem strukturellen Wandel im Einzelhandel: "Der Handel muss massive Investitionen finanzieren und erhöht den Druck auf die Lebensmittelhersteller." Was die Managerin dabei nicht offen ausspricht ist, dass Baustellen wie der Aufbau einer Online-Infrastruktur oder die Erhöhung des Erlebniswertes im Handel wesentlich von den Drohszenarien der Online-Konkurrenz getrieben werden. Oder anders gesagt: Die Händler brauchen Geld, um sich auf das Kräftemessen mit Amazon vorzubereiten.

Dass das dafür nötige Geld nicht einfach von den Herstellern zu haben sein wird, verrät ein Blick in die Geschäftszahlen von Nestlé Deutschland: Mit einem bereinigten Umsatzplus von 2,3 Prozent liegt die Deutschland-Tochter spürbar unter dem von Nestlé-Chef Mark Schneider ausgegebenen Wachstumsziel im mittleren einstelligen Prozentbereich. Und ohne das Exportplus von 9,5 Prozent hätte Nestlé Deutschland deutlich schlechtere Zahlen melden müssen. Dazu kommt, dass Nestlé sein Volumengeschäft der Maggi-Produkte nach dem Einbruch 2016 wieder auf die Erfolgspur zurückbringen muss.

Diese negativen Faktoren in Nestlés drittwichtigstem Europageschäft dürften auch nicht unwesentlich in die Verhandlungsführung mit Agecore einfließen. Guillaume-Grabisch will zwar die Inhalte der Verhandlungen nicht kommentieren, bestätigt aber, dass neben einem zentralen Verhandlungsteam auch die einzelnen Ländervertretungen von Nestlé einen Platz am Verhandlungstisch haben, um ihre Interessen zu wahren. Und zumindest mit diesem Aspekt der Verhandlungen zeigt sie sich zufrieden: "Ich habe das Gefühl, dass es uns sehr gut gelungen ist, die Belange des deutschen Marktes in die Gespäche einzubringen." cam

stats