Inselberg-Gründer Falko Kremp über #MeToo

"Wir hebeln die alten Branchenmissstände mit digitalen Tools aus"

Falko Kremp
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Falko Kremp
Die #MeToo-Debatte brennt noch immer. In der letzten Woche meldete sich mit Salma Hayek eine weitere Frau zu Wort, die dem US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuelle Übergriffe vorwirft. Falko Kremp, Gründer der Model-Buchungs-Plattform Inselberg glaubt daran, dass man die vorherrschenden Zustände auf dem Talent-Markt aushebeln und Machtmissbrauch in gewissem Maße vorbeugen kann. Wie das funktionieren soll und welche Rolle Influencer dabei spielen, erklärt er im Interview mit HORIZONT Online.
Falko, du hast selbst als Model gearbeitet. Bist du ebenfalls Opfer von sexueller Belästigung geworden oder hast du #MeToo-Fälle mitbekommen? Ich selbst bin verschont geblieben, aber es ist kaum verwunderlich, dass die #MeToo-Fälle an die Öffentlichkeit gelangt sind. Models haben sich seit jeher über Belästigungen und Machtmissbrauch ausgetauscht; das habe ich miterlebt. Hinter den Kulissen wurde oft darüber gesprochen, dass bei Jobvergaben nicht immer alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Das war ein offenes Geheimnis und ist im Showgeschäft vermutlich genauso der Fall wie im Model-Business – beide Bereiche gehören schließlich zum Talent-Markt, wie wir es nennen.

Es wusste also tatsächlich jeder davon, aber alle haben geschwiegen? Ja, ich denke schon. Es ist so, dass du sofort mit Sexismus konfrontiert wirst, sobald du in den Talent-Markt einsteigst. Auf dem Talent-Markt steht schließlich das äußere Erscheinungsbild im Mittelpunkt – im Showbusiness und in der Modebranche sicherlich noch mehr als in anderen Bereichen.

Denkst du, dass es #MeToo-Fälle trotzdem in jeder Branche gibt, zum Beispiel in der Werbebranche? Die vielen Beiträge in den sozialen Medien zeigen, dass #MeToo-Fälle weltweit, im privaten wie auch beruflichen Leben der Menschen, geschehen. Es handelt sich um ein Gesellschaftsproblem. Aus der Branchenperspektive bietet der veraltete Talent-Markt allerdings einen besonders guten Nährboden für Machtmissbrauch. Das Model-Segment im Talent-Markt hat sich beispielsweise seit 100 Jahren nicht verändert. Die Schauspielerei ist in ihrer Grundstruktur sogar noch viel älter. Durch den Weinstein-Fall ist der Schauspiel-Bereich nun sehr stark in den Mittelpunkt der Debatten gerückt. Der Stein hätte aber auch in einem anderen Talent-Bereich ins Rollen gebracht werden können.
„Schuld an Abhängigkeiten sind fehlende Transparenz und Mittelsmänner“
Falko Kremp, Inselberg.com


Wie kommen die Abhängigkeiten zustande, dass Menschen, die sexuell belästigt wurden, nicht an die Öffentlichkeit gehen? Die Abhängigkeiten entstehen meist durch Intransparenz und eine nicht vorhandene Weitergabe von Informationen. Schuld sind meist Mittelsmänner oder -frauen. Der Mittelsmann – in der Regel ein Agent oder Caster - hat eine Art Gatekeeper-Funktion, er regelt den Informationsfluss zwischen Kunden und Talent. Und so sind die Talents stark abhängig von ihren Agenten, die in gewissem Maße ihre Karriere planen und regeln.

Was ist daran das größte Problem? Das ist insofern problematisch, dass das Talent so nicht selbstbestimmt agieren kann. Das Machtgefüge spielt eine große Rolle. Die Macht hat der Entscheider – im Fall Weinstein hat sie der Produzent. Aber eben auch der zwischengeschaltete Mittelsmann, der das eine Talent vorschlägt und das andere nicht, ein Model empfiehlt und von einem anderen abrät. So kann ein Talent am Ende des Tages nur begrenzt selbst entscheiden. Es weiß nicht, welche Jobs ihm zugewiesen werden, welche Auswahl auf dem Markt besteht und ist dadurch vom Agenten abhängig. Genau aus diesem Grund haben wir unsere Buchungsplattform Inselberg gegründet. Wir hebeln die alten Branchenmissstände mit digitalen Tools aus.

Wie ist das mit Influencern: Sind sie auch Teil des Talent-Markts und könnten sie ebenfalls in solch ein Machtgefüge geraten? Ja, sie gehören für uns auch zum Talent-Markt. Aber bei Influencern verhält sich alles etwas anders. Sie sind mit den digitalen Medien groß geworden, die für sie konstituierend sind – anders als bei Models und Schauspielern. Es geht zwar auch bei Influencern um Äußeres, um die Erscheinung, aber eben auch um messbare Fakten wie ihre Reichweite oder die Engagement-Rate. Während Models und Schauspieler am Anfang ihrer Karrieren keine eigene Stimme haben, weil sie von Mittelsmännern abhängig sind, die sie empfehlen und vermitteln, haben Influencer sehr wohl eine eigene Stimme, die sie sich selbst erarbeitet haben, zum Beispiel durch einen Youtube- oder Instagram-Kanal. Da kommt der Mittelsmann erst im zweiten Schritt dazu, wenn der Channel erfolgreich läuft und es allenthalben nach Geld riecht.

Was für Mittelsmänner sind das? Wenn der Influencer auf seinem Kanal eine große Reichweite und hohes Engagement hat, dann klopfen Leute an seine Tür und wollen ihn mit ihrer Plattform oder Influencer-Agentur unterstützen, die gerade wie Pilze aus dem Boden sprießen. Models und Schauspieler sind aber in der Regel noch nicht bekannt und erfolgreich und melden sich initial bei einem Mittelsmann, der ihnen den Weg dorthin ebnen soll. Da beginnt die Abhängigkeit. Ich glaube, dass der Influencer-Markt ein Vorbild für den ganzen Talent-Markt sein kann, weil er erstmals Transparenz für alle Akteuere schafft. Auf dem Influencer-Markt stehen dem Talent selbst alle Möglichkeiten offen: Es kann zu einer Agentur gehen und den Großteil seiner Entscheidungen abgeben. Oder das Talent kann seine Karriere selbst managen und sich dadurch auch selbst für Jobs entscheiden. Ergo, mehr Geld in der Tasche.

„Die Fusion von Influencer, Model und Schauspieler ist für uns bereits Geschäftsalltag“
Falko Kremp, Inselberg.com
Unterstützt ihr bei Inselberg auch Influencer mit eurer Plattform? Verschmelzen die Branchen und der Talent-Markt vielleicht sogar? Ja, definitiv. Die Fusion von Influencer, Model und Schauspieler ist für uns bereits Geschäftsalltag. Wir sind zwar im Model-Segment gestartet, verstehen den Talent-Markt aber ganzheitlich.

Wie setzt ihr das auf eurer Plattform um? Über unsere Plattform generieren wir sowohl Anfragen für Influencer, als auch für Models mit sozialer Reichweite. Immer mehr Modeljobs gehen an Micro-Influencer, weil Körperideale und –maße zunehmend an Relevanz verlieren. Selbst für klassische Fashion-Kunden wird es immer wichtiger, beispielsweise bei einem Lookbook-Shooting, nicht nur ein professionelles Model zu schießen, sondern gleichzeitig auch von seinem oder ihrem Social Reach zu profitieren. Daher vermitteln wir bei Inselberg sowohl Models als auch Influencer. Hierfür haben wir eigens Mischprofile eingerichtet. Wer mehr als 10.000 Follower auf Instagram hat, rutscht beispielsweise automatisch in die Micro-Influencer-Kategorie, in der er sich für diese Hybridjobs qualifiziert. Das kommt auf beiden Seiten gut an.

Trifft es denn auch auf alle Kunden aus allen Segmenten zu, dass sie sich vorstellen können, mit Influencern zusammenzuarbeiten statt mit professionellen Models? Es hängt noch vom Segment ab. Es gibt auch Kunden, für die Social Reach sekundär ist, beispielsweise wenn sie einen TV-Spot produzieren möchten. Da geht es dem Kunden eher darum, dass der Schauspieler oder das Model optisch zur Rolle passt, gut spielt oder den Slogan gekonnt aufsagt. Da ist die Reichweite in den sozialen Medien eher weniger relevant. Im Fashion-Bereich indes erleben wir eine sehr hohe Nachfrage. Unbekannteren oder kleineren Modelabels geht es darum, die eigene Bekanntheit und Reichweite weiter auf- oder auszubauen. Heutzutage gehen Marken deswegen nicht mehr zwingend nur zu Vogue und Co., um bekannt zu werden, sondern verstärkt in die sozialen Medien. Im High-Fashion-Segment gelten allerdings noch eher klassische Faktoren.
„Der perfekte Talent-Markt ist transparent“
Falko Kremp, Inselberg.com


Kannst du zum Schluss in Worte fassen, wie der Talent-Markt der Zukunft aussehen wird? Der perfekte Talent-Markt ist transparent. Informationen über geläufige Marktpreise und Auswahlkritieren sind öffentlich und leicht abrufbar. So können Talents unkompliziert herausfinden, welche Preise sie beispielsweise mit einem Instagrampost oder einem Shooting erzielen und in welchen Bereichen sie eingesetzt werden können. Die Relevanz von Daten wird zunehmen – vor allem im Influencer-Bereich. Außerdem werden sich die einzelnen Talent-Bereiche noch weiter vermischen. Mittelsmänner werden als Option bestehen bleiben, aber in Anzahl und Bedeutung abnehmen. Die Digitalisierung macht ehemals subjektive Auswahlkriterien messbar. Am Ende gewinnen die eigentliche Akteure der Wertschöpfungskette: Talents und Endkunde. Interview: Katharina Brecht

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