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Christian Sewing hielt die Keynote beim HORIZONT Award
Getty Images / Alexander Hassenstein
Deutsche-Bank-Vorstand Christian Sewing

"Wer einfach weitermacht wie bisher, wird keine Zukunft haben"

Christian Sewing hielt die Keynote beim HORIZONT Award
Selbskritisch und mit dem ganz großen Blick. Christian Sewing, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bank, beleuchtete in seiner Keynote beim HORIZONT Award die digitale Transformation. Der 17-minütige Vortrag wurde zu einem der Höhepunkte des Abends.
von Michael Reidel Mittwoch, 17. Januar 2018
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Es gibt Keynotes, da ahnt man schon vorher, was kommt. Eine nette Rede, ein paar Buzzwords und fertig. Bei Christian Sewing war das anders. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bank, der beim größten deutschen Finanzhaus für Digitalisierung zuständig ist, verlor sich nicht im Kleinklein des Themas, sondern zog den Rahmen weit auf - ohne dabei allerings den kritischen Blick auf die Bankenbranche und das eigene Haus zu verlieren.

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"Zu den Vorreitern in Sachen Technologie gehört unsere Branche sicher nicht", erklärte Sewing. "Wir leben aber in einer Welt, die sich so radikal und schnell verändert, dass wir keine Vorstellung haben, was in fünf geschweige denn zehn Jahren sein wird."

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Für eine Branche, die es gewohnt war, in langen Zeiträumen zu denken in denen das Wort Finanzbeamter eine völlig andere Bedeutung bekommt, ist das ein ziemlicher Kulturschock. Die Folgen sind für Sewing klar. "Es wird zu einer erheblichen Konsoldierung kommen. In der Welt der Banken wiederholt sich das, was Medien- und Musikbranche schon erlebt haben."

Und das wird auch nicht durch die Regulierung verhindert, der die Branche stark unterworfen ist. "Auf Dauer wird keine Regulierung die Transformation aufhalten", sagt Sewing. Und weiter: "Wir müssen uns verändern und zwar schnell. Als Bank, Deutschland als Volkswirtschaft und Europa als der Heimatmarkt."
„In der Welt der Banken wiederholt sich das, was Medien- und Musikbranche schon erlebt haben.“
Christian Sewing
Warum das so ist? Sewings Antwort fällt deutlich aus. "Wer hier künftig nicht dabei ist, wird auf der Weltbühne an Relevanz verlieren. Das gilt für Unternehmen genauso wie für Staaten." Schon jetzt bestimmen vor allem amerikanische und asiatische Unternehmen die Ereignisse. Die fünf wertvollsten Unternehmen der Welt sind alle digital: Apple, Alphabet, Microsoft, Amazon und Facebook. Europa habe hier wenig entgegenzusetzen. Sewing hat deshalb drei Handlungsfelder identifiziert, die es gilt zu bearbeiten.

1. Digitale Plattformen

Die Digitalisierung mache aus einer Ökonomie der Produzenten eine Ökonomie der Plattformen. Dadurch ändert sich das gesamte Wirtschaftsleben, viele herkömmlichen Geschäftsmodelle werden überflüssig. "Die Art, wie wir Geschäfte machen und wie wir unsere Kunden erreichen, wird sich grundsätzlich verändern", erklärt Sewing. Produkte, der Zugang zu Märkten und Kunden werde künftig ein anderer sein.

Das mag nicht unbedingt neu sein, doch die Schlüsse, die Sewing daraus zieht, sind dramatisch. "Wir sind fest davon überzeugt, dass wird in fünf bis zehn Jahren das Bankengeschäft nicht mehr wiedererkennen." Für die Deutsche Bank gehe es darum, für die Kunden relevant zu bleiben. "Wir möchten nicht irgendwann ein austauschbarer Produktlieferant für eine Plattform von Google, Apple oder Amazon werden. Wir wollen weiter für unser Kunden da sein."

Das ist nichts anderes eine Kampfansage, auch wenn der Wettbewerb größer und härter wird. Die Deutsche Bank soll selbst zu einer Plattform werden. Sewing glaubt, dass das eine Chance ist, weil wohl kaum ein Bankkunde bereit ist, sich über Facebook bei seinem Institut anzumelden. "Da geht es um Sicherheit und Vertrauen. Und wer könnte hier mehr dazu beitragen, als eine Bank, bei der immer Vertrauen der Anfang von allem sein sollte", sagt Sewing.

2. Forschung und Entwicklung müssen wichtiger werden

Für Sewing ist klar: In den Unternehmen müssen die F&E-Budgets angehoben werden. Auch hier setzen die USA derzeit die Benchmarks, wie zwei Zahlen zeigen. Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung gibt es in den USA fünf Mal so viel Wagniskapital wie in Deutschland und Europa. Und US-Unternehmen geben gemessen am Umsatz ungefähr doppelt so viel für Forschung und Entwicklung aus wie die heimischen Firmen. Immherin. Die Deutsche Bank hat bis 2020 eine Milliarde reserviert, um "digital anzugreifen", wie Sewing sagt.

Alternativen sieht er nicht. "Es wird kein Mittelfeld mehr geben, man muss Innovationsführer werden", sagt der Topmanager.  Deshalb gehören Infrastruktur und digitale Bildung für den bekennenden Fan des FC Bayern München und des VfL Osnabrück ebenfalls in das Investitionspaket. "Wir konzentrieren uns zu sehr darauf, wie wir den Wohlstand umverteilen statt darüber nachzudenken, wo wir investieren, um den Wohlstand zu sichern oder sogar mehr Wohlstand zu schaffen", übt er deutliche Kritik an den derzeitigen politischen Debatten und den Ergebnissen der Sondierungsgespräche in Berlin.

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3. Die Digitalisierung verändert wie wir zusammenarbeiten

Dass die digitale Transformation neue Arbeitswelten in den Unternehmen schafft, ist nicht neu. Flache Hierarchien, weniger Titel und Posten, dafür aber mehr Schnelligkeit bei Beschlüssen, mehr Mut zum Testen und ausprobieren. Längst hat auch die Deutsche Bank Forschungslabore in New York, im Silicon Valley, in London und Berlin eingerichtet. Um an neuen Produkten zu arbeiten, um überhaupt mal zu verstehen, was da draußen eigentlich passiert. "Das sind unsere Augen und Ohren. Sie suchen neue Technologien und analysieren ihr Potenzial."

Kooperationen und die Zusammenarbeit mit Fin-Tecs und Start ups innerhalb und außerhalb der Finanzbranche sind für Sewing vorstellbar - auch das ist für ein Haus, das immer gewohnt war, eigene Lösungen zu entwickeln, eine gewaltige Veränderung.

Doch eine Alternative gibt es nicht, wie Sewing auch deutlich sagt. "Wer einfach weitermacht wie bisher, wird keine Zukunft mehr haben." mir

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