Aus für den Echo

Warum der "Deutsche Grammy" nicht funktioniert hat

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Brachten das Fass zum Überlaufen: Die umstrittenen Echo-Preisträger Kollegah (re.) und Farid Bang
© BVMI / Mo Wüstenhagen
Brachten das Fass zum Überlaufen: Die umstrittenen Echo-Preisträger Kollegah (re.) und Farid Bang
Nach dem Skandal um antisemitische Äußerungen in den Texten der jüngsten Echo-Gewinner hat der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) seinen Branchenpreis Echo offiziell begraben. Auch aus Marketingsicht eine überfällige Entscheidung. Denn der Künstlerpreis sorgte in den vergangenen Jahren nicht nur immer wieder für Negativ-Schlagzeilen, sondern verlor auch beim Publikum immer wieder an Relevanz. Jetzt soll der Neustart mit einem anderen Eventkonzept gelingen.

Es ist vielleicht die ultimative Ironie, dass der BVMI erst mit der Nachricht über die Einstellung seines Musikpreises Echo wieder ein positives Echo in der Öffentlichkeit erntet. Aber neben Künstlern und Politikern begrüßen auch Branchenkenner diesen Schritt. So hält Pierre Hatje, Managing Director des auf die Sport- und Unterhaltungsindustrie spezialisierten Marktforschungsinstituts Impact & Emotions, das Aus für die richtige Entscheidung: "Allerdings war die Antisemitismus-Debatte, angestoßen durch die Preisverleihung an Kollegah und Farid Bang, nur noch der letzte Sargnagel für eine zuvor schon stark angeschlagene Marke."



Denn Kontroversen verfolgen die Echo-Verleihung schon seit längerem. Mehrmals sorgte die Nominierung der Rechtsrock-Band Freiwild für Kontroversen. Im vergangenen Jahr machte TV-Moderator Jan Böhmermann den Preis mit seiner Musiksatire "Jim Pandzko featuring Jan Böhmermann" lächerlich. Aber schmerzhafter dürfte sein, dass der Preis auch deutlich an öffentlicher Relevanz verloren hat.

Nach dem Wechsel des Events von ARD zu Vox im vergangenem Jahr war die Gesamtzuschauerzahl von durchschnittlich über 3,3 Millionen auf 1,28 Millionen abgestürzt. Im diesem Jahr kletterte die Zuschauerzahl zwar wieder leicht auf 1,79 Millionen, blieb aber immer noch deutlich unter den früheren Werten.


„Musik ist ein hochemotionales Produkt. Wenn jedoch die Musikpreisverleihung sogar vom Moderator während der Show indirekt nur als notwendiges Übel bis zur After-Show-Party dargestellt wird, gelingt es offenbar nicht, diese Emotionalität zu transportieren.“
Pierre Hatje
Dass die  Quoten einen generellen Relevanzverlust dokumentieren, belegt auch eine Umfrage von Impact & Emotions, nach der sich nur noch 29 Prozent der Deutschen für den Echo interessieren. Für Marktforscher Hatje ein hausgemachtes Problem: "Musik ist ein hochemotionales Produkt. Wenn jedoch die Musikpreisverleihung sogar vom Moderator während der Show indirekt nur als notwendiges Übel bis zur After-Show-Party dargestellt wird, gelingt es offenbar nicht, diese Emotionalität zu transportieren."

Zu einem ähnlichen Ergebnis dürfte mittlerweile auch der veranstaltende Verband gekommen sein. Denn in seiner Presserklärung verkündet der BVMI ausdrücklich nur die Einstellung des Echo als Format, einen Preis der Musikbranche soll es weiterhin geben. "Es steht für den Vorstand außer Frage, dass Deutschland als drittgrößter Musikmarkt der Welt zur genre- und generationsübergreifenden Auszeichnung von Künstlerinnen und Künstlern weiterhin Musikpreise mit Leuchtturm-Charakter braucht", heißt es dazu in der Presserklärung.

Dahinter steckt auch geschäftliches Kalkül. Denn Preisverleihungen nach künstlerischen Kategorien sind gerade in der Unterhaltungsindustrie ein bewährtes Marketinginstrument, um den Siegern größere öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dieses Potenzial hatte der Echo allerdings nie im vollen Umfang ungenutzt, da hier meist ohnehin schon erfolgreiche Künstler ausgezeichnet wurden.

Für den Neuanfang will man sich nun offensichtlich Zeit lassen. "Die Marke Echo ist so stark beschädigt worden, dass ein vollständiger Neuanfang notwendig ist", lässt der Verband dazu wissen. Erste konkrete Schritte stehen schon fest: Für den Juni ist ein Workshop geplant, um möglichst viele Ideen und Erwartungen aus der Branche beim Prozess der Neugestaltung einzubeziehen. Die Kriterien der Nominierung und Preisvergabe sollen vollständig verändert werden. Und wie beim Echo Klassik und Echo Jazz soll künftig auch beim Pop-Wettbewerb vor allem eine Jury und nicht die Verkaufszahlen darüber entscheiden, wer ausgezeichnet wird. cam

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