Wann, wenn nicht jetzt? - Eine Serie in sechs Teilen

Wie die Krise Dir den Weltruhm bringt - "Innovation"

Freitag, 12. Juni 2020
Müssen wir Steve Jobs sein oder Charlie Chaplin, um die Welt zu bewegen? Nein, sagt Achill Prakash, Ex-CMO der Swisscom. In seiner sechsteiligen Serie "Warum, wenn nicht jetzt", widmet sich der 43-Jährige, der seit Mai mit dem Projekt weltkonzern.com aktiv ist, den grossen Chancen im Marketing - diesmal dem Thema "Innovation - die Versöhnung mit dem Unmöglichen".
Für den kämpferischen Sprung in die grossen Fussstapfen der grossen Erfinder haben wir schlicht zu kleine Füsse. Die meisten jedenfalls.

Dafür müssen wir uns nicht schämen. Der Fisch muss nicht gleich lernen rückwärts zu schwimmen. Seien sie nicht enttäuscht, wenn die neue grosse Erfindung nicht gelingt. Es muss ja nicht immer die grosse Revolution sein.
Der Autor und die Serie
Nach zweieinhalb Jahren als Head of Marketing and Communications und CMO der Swisscom sowie einer kleinen Pause ist Achill Prakash seit Mai 2020 wieder aktiv. Neben dem neuen Projekt Weltkonzern.com führt er auch seit 2016 das Unternehmen Alvener. Der 43-Jährige ist Familienvater und lebt in Zürich. In der Serie "Wann, wenn nicht jetzt", die die sechs Teile  "Realität", „Innovation“ (Teil 1 ist am Dienstag dieser Woche erschienen), „Unternehmertum“, „Leadership“, „Entscheidkultur“ und „Risiko“ umfasst, die grossen Chancen des Marketings thematisieren.
Aber warum sollen wir in Innovation investieren, wenn der Weltruhm doch eh ausbleibt? Ist ein Innovation Lab immer eine schlechte Idee? Nein.

Wenn wir Erfolg anders definieren, kann in einem kreativen Innovationsprozess kann viel wertvolles entstehen. Belohnen sie zum Beispiel die bereichernde Datengewinnung aus Research-Projekten. Oder neue Denkmuster, die ins Unternehmen getragen werden.

Innovation Labs haben eine ganz grosse Chance, wenn sie nicht dazu missbraucht werden ein paar neue Produkte zu konzipieren.

Sie können die Aufgabe erhalten kulturell und strukturell das ganze Unternehmen zu verändern. Sie können zum Beispiel Experimentierzone und Prototyp für die Zukunft eines Unternehmens mit neuen Arbeitsmodellen und einer kreativeren Kultur sein.

Kleine Füsse

Wer keine grossen Schritte gehen kann, der kann viele kleine Schritte gehen. Ganz easy im lockeren Galopp. Wer nicht gross träumen kann, soll klein träumen. Auch kleine Ideen können den grossen Unterschied machen. Klein denken kommt vor gross reden.

Ein faszinierendes Beispiel für eine grandiose kleine Idee ist die Decontamination Box  des holländischen Designstudios Frolic Studio . Aus einer Ikea Aufbewahrungsbox (Ja genau wie die, die sie im Keller haben) und einer UV-C Lampe hat das Studio einfach mal schnell das Problem der fehlenden Hygienemasken für Spitalpersonal gelöst. Die Decontamination Box erlaubt es dem Spitalpersonal ihre Hygienemasken, die eigentlich nicht wiederverwendbar sind, durch UV-Licht zu dekontaminieren, so dass sie mehrmals verwendet werden können. Mit einer einfachen Bastelanleitung und ca 70 Dollar, kann jedes Spital selber solche Boxen selber herstellen.
© David Willen (studiowillen.net)
Mit kleinen Ideen kann man grosses bewegen. Sie sind schnell entwickelt, für Kunden hochrelevant und einfach erklärt.

Sie sehen, es ist gar nicht nötig etwas aus dem Nichts zu heben. Manchmal reicht es, in dem was da ist, das Richtige zu entdecken.

Es kommt noch besser. Kleine Schritte und kleine Ideen nehmen uns die grossen Sorgen. Sie schonen Budgets, verlangen nicht nach teuren Vorinvestitionen. Sie verändern Kultur, bringen immer wieder kleine Erfolgserlebnisse und sind eine stolze Einladung an jeden Mitarbeiter, selber mit interessanten Ideen vorzusprechen. Sie sind in Griffnähe, kleine Ideen lauern hinter jeder Büroecke. Kleine Ideen fordern keine kostspielige Early Adopter Strategie, sondern sorgen für eine regelmässig erfrischende Produktdynamik, die ihre Kunden bei guter Laune hält. Schnelleres Prototypen erlaubt es, fiebrig unruhige Manager mit auf die unbekannte kreative Reise zu nehmen.

Kleine Ideen ermöglichen kreativ unerfahrenen Unternehmen, sich langsam mit der Ungewissheit der Lösungen anzufreunden. Kleine Ideen kann man mit echten Kunden weiterentwickeln. Und so weiter.

Und wenn eine kleine Idee mal nicht funktioniert, haben wir nichts verloren. Sometimes you win. Sometimes you learn. 

Fantastisch

Ich sage nicht, die kleinen schnellen Ideen sind einfacher zu finden als die grossen. Doch der Wandel zu einer Kultur der kleinen Ideen hilft uns leichtfüssiger in die Zukunft zu gehen.

Ein ganz einfacher Trick, um den kleinen Ideen auf die Spur zu kommen, ist es den Schluss zu „Wäre es nicht fantastisch, wenn…?“ finden. Wäre es nicht fantastisch, nie mehr vergessen Milch zu kaufen? Wäre es nicht fantastisch, in einer Woche eine Sprache zu lernen? Wäre es nicht fantastisch, immer frisch verliebt zu sein?

Wäre es nicht fantastisch, wenn Fans auch in leeren Stadien ihren Lieblingsclub anfeuern könnten? Yamaha ermöglicht der Fans live ihren Jubel oder ihren Frust direkt aus ihrem Wohnzimmer ins Stadion zu schicken, während sie das Spiel zuhause auf der Couch schauen.
„Innovation ist kein Luxus. Innovation ist Marketing.“
Achill Prakash
Das australische Startup SKIP  der Australischen Gelben Seiten ist auch einer “Wouldn’t it…”-Frage entsprungen und hat mit ehrlicher Neugier, wie vorher beschrieben, in dem was da ist, die Lösung gesehen. Die Gelben Seiten haben sich dran gemacht, ihr Geschäftsmodell mit neuen Ideen anzureichern. Das Konzept der Yellow Pages, also der Verkauf von Telefonbucheinträgen an Unternehmen, ist fast 150 Jahre alt und eine prosperierende Zukunft kann nicht garantiert werden. Dabei haben sie sich nicht gefragt, was ihre Kunden sich wünschen (wir wissen, dass diese die Antwort auch nicht kennen), sondern haben sich gefragt, was die Kunden ihrer Kunden sich wünschen würden. Die Frage lautete: „Wäre es nicht fantastisch, wenn Kunden von Coffee Shops nie mehr für ihren Coffee To Go anstehen müssten?“ Ja, das wäre fantastisch. Die Starbucks-Junkies unter ihnen jubeln. Die kleine Idee SKIP war geboren. SKIP ist nicht die grosse lebensrettende Geschäftsidee. Aber SKIP war in zehn Wochen marktreif. SKIP hat der eingetrockneten Yellow Pages Untrenehmenskultur neues Leben eingehaucht und neue Aufbruchstimmung zünden können. Ein erster kleiner, aber wichtiger Schritt auf dem Weg nach vorne.

Wie sagt Mark Twain so schön: „The secret of getting ahead is getting started.“

Innovation ist kein Luxus. Innovation ist Marketing.

Wer unsicheren Zeiten mit unstabilen Ressourcen vorne dabei bleiben will, muss flinken Erfindergeist tief in seine Kultur verankern.

Kreativer Innovationsgeist kann in guten Zeiten trainiert werden. So kann er uns in Krisenzeiten das Leben retten. (Warten sie jetzt nicht auf die guten Zeiten, sie könnten lange warten.)

Und denken sie daran. Innovation ist kein Ort. Innovation ist kein Projekt. Innovation ist ein Bewusstseinszustand.

Der erste Part von "Innovation - Die Versöhnung mit dem Unmöglichen" ist am Dienstag erschienen. Teil 3 der Serie folgt am kommenden Dienstag.
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