Nun auch Kinos

Die Amazonisierung der Welt nimmt kein Ende

Samstag, 18. August 2018
Amazon will die Indie-Kinokette Landmark Theatres kaufen. Überrollt der Plattform-Gigant das Brick-and-Mortar-Business der Medien?

Vor noch gar nicht langer Zeit hieß es: Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Allmählich muss man den Satz umschreiben: Alles, was amazonisiert werden kann, wird amazonisiert. Und, so wie es aussieht, kann alles, aber auch alles, amazonisiert werden.



Dass Amazon viel mehr ist als ein Handelsunternehmen, ist bekannt. Dass das Unternehmen die größte sich permanent diversifizierende Plattform der Welt ist, gelangt erst allmählich ins Bewusstsein der Öffentlichtkeit. Der US-Konzern ist ein gigantisches Perpetuum Mobile der Innovation und Expansion. Ein Handelshaus, eine Werbeplattform, ein Cloud-Anbieter, ein Filmproduzent, ein Logisitik-Riese, ein Eigenmarken-Gigant, ein Endgeräte-Produzent und vieles mehr.

Was Jeff Bezos entwickelt hat, ist beeindruckend und bestürzend zugleich. Ich bin Hardcore-Nutzer von Amazon Services und erschrecke manchmal selbst über die jahrelang antrainierte Selbstverständlichkeit, mit der ich CDs genauso wie Serien, Kinderbücher und das Hörgerät für die Eltern bei Amazon.de bestelle. Eigentlich vertrete ich die Auffassung: "Support your local dealer". Eigentlich. Deutschland ist eine Service-Wüste, heißt es immer. Amazon ist dagegen ein Service-Paradies und aus diesem Grund für viele Menschen unschlagbar.


Wenn es um die das Verhältnis von Tech-Plattformen und traditionellen Unternehmen geht, lautet eine Grundannahme: Amazon, Google, Booking.com & Co. locken erfolgreich sehr schnell sehr viele Endkunden von analogen Angeboten auf ihre digitalen Plattformen. Am Brick-and-Mortar-Geschäft, der Old Economy, sind die Plattformen, so die Annahme, nur soweit interessiert, wie es ihnen gelingt, die alten Anbieter über digitale Services zu disruptieren und ihnen Marktanteile wegzunehmen.

Dazu passt die immer wieder gerne, aber unbewiesene These von Plattform-Kritikern, dass Amazon & Co. am „Tod" von Print, TV, Kino und anderen Vorzeigebranchen der "Old Economy" interessiert seien.

Dabei bekommt man Eindruck: Tech-Giganten wünschen sich eine starke Old Economy – denn nur dann lässt sich auch in klassischen Branchen Business machen.

Amazon ist das beste Beispiel für diese Strategie. Der US-Konzern ist seit geraumer Zeit geschäftlich in der Analog-Welt unterwegs. Jeff Bezos hat die "Washington Post" gekauft, um sie wieder zum Leben zu erwecken. Unter dem Amazon-Label werden Supermärkte und Buchläden gegründet. Manche Amazon-Filme werden in den USA zuerst ganz altmodisch im Kino gezeigt, bevor sie digital abrufbar sind (Netflix macht das nicht). Und nun will der US-Konzern durch Aufkäufe, und nicht nur mit Prime Video, den Kino-Markt aufmischen und disruptieren.

"Echte Kinositze statt Couch potatoes" macht Sinn. Nicht nur, weil es viele  Menschen gibt, die sich lieber einen Film auf der Kinoleinwand als auf dem TV- oder Tablet-Screen zuhause anschauen. Jeff Bezos möchte möglichst viele kommerzialisierbare Kundenerlebnisse und eine lückenlose Wertschöpfungskette unter dem Amazon-Label kreieren. Die geplante Übernahme von Landmark Theatres wird deshalb nicht der letzte Überraschungs-Coup des US-Konzerns sein, in der angeblich von Digitalen so verschmähten traditionellen (Medien-)Welt Fuß zu fassen. Der Planet Erde soll schließlich zum Planeten Amazon werden – wo das echte, analoge Leben mit dem digitalen Leben in den großen Plattformen und Netzwerken verschmilzt.

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