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Die Dmexco sorgte in der Köln Messe für vollbesetzte Hallen
Dmexco
Neue Sachlichkeit statt digitaler Besoffenheit

Das war der erste Dmexco-Tag

Die Dmexco sorgte in der Köln Messe für vollbesetzte Hallen
Was hat uns der neue Dmexco-Chef Dominik Matyka im Vorfeld alles versprochen: Kein Bullshit-Bingo, keine Selbstbeweihräucherung, kein Tech-Overkill, stattdessen Diskussionen über eine spannende Branche. Und siehe da: Es hat bisweilen funktioniert. HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz fasst einige Höhepunkte auf der Congress Stage von Tag 1 zusammen.
von Volker Schütz Donnerstag, 13. September 2018
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Wie soll man einen Tag einer Veranstaltung resümieren, die Hunderte Redner in neun Formaten in unterschiedlichen, teilweise weit voneinander entfernten Hallen aufwarten lässt? Man muss fokussieren. Mein Fokus lag an Tag 1 auf der Congress Stage. Ich habe einiges Gutes verpasst, wurde mir später erzählt: Start-up-Sessions, Blockchain-Diskussionen und die Experience Hall. Gott sei dank: Mir blieb aber auch einiges erspart, wurde mir später erzählt.

Die Ansage zu Beginn

Große Events haben die Aufgabe,  Menschen, die an das Gleiche (mehr oder minder) glauben, in ihren Ansichten zu bestärken und das Gemeinschaftsgefühl auszubauen. Das ist beim CDU-Parteitag nicht anders als bei der Osterpredigt in Rom, dem Coachella-Festival in Palm Springs oder der Dmexco in Köln. Und zu jedem Event gibt’s ein Mantra, das die Prediger, Oberschamanen oder Chief Advisors so oft wiederholen, bis es jeder kennt. Das Mantra des Dmexco-Chief-Advisors Matyka lautet folgendermaßen: „Wir wollen unseren Besuchern, aber auch uns selbst mit auf den Weg geben: Bleibt neugierig, handelt bewusst, übernehmt Verantwortung und schafft besondere Erlebnisse.“ Die gesamte Digitalbranche sei aufgerufen, achtsamer mit Konsumenten und Nutzern umzugehen, mit nachhaltigeren Strategien aufzuwarten, auch um zu verhindern, mit Unsinn den Menschen ihre Zeit zu stehlen.

Das Plädoyer für Nutzwert durchzog nicht nur die wie jedes Jahr früh angesetzte Pressekonferenz, sondern auch das offizielle Opening von Matyka und Gerald Böse, Chef der KoelnMesse, in der Congress Hall. „Die Dmexco 2018 ist ein entscheidender Schritt in die Zukunft“, legt Böse die Messlatte ziemlich hoch. 550 Redner, 1000 Aussteller und knapp 40.000 Teilnehmer sind die Kernzahlen der neuen Dmexco.

Die Brandrede von Tim Höttges

"What the hell ist going on in our society?" fragt der CEO der Deutschen Telekom in seiner Keynote – und macht da weiter, wo vor einem Jahr an derselben Stelle Marc Pritchard aufgehört hatte. Der CMO von Procter & Gamble hatte sich im September 2017 nicht nur zum wiederholten Male für den Kampf gegen Ad Fraud und für bessere Viewability ausgesprochen, sondern die überraschte Digitalgemeinde aufgefordert, gleich die ganz Welt zu verbessern: "Wir wollen die Macht digitaler Technologien nutzen, um Werbung als Kraft für Gutes und Wachstum einzusetzen."

Höttges formuliert es 2018 deutlich schärfer: „In politischen Zeiten wie diesen braucht jedes Unternehmen eine politische Position."

Die Digitalisierung überfordere viele Menschen und ist laut Höttges ein Grund für die politisch-gesellschaftlichen Verwerfungen im Osten der Republik. Damit nicht genug. Europa und Deutschland sei der Zukunftsoptimismus abhanden gekommen:  "Wenn man ihn nicht hat, wird man aber nostalgisch und aggressiv", so der Befund Höttges.

Der Fireside-Chat mit Philipp Schindler

"What would Google do?" ist der Titel eines Buches des einstmals angesagten Digitalpredigers Jeff Jarvis aus dem Jahr 2009. Etwas merkwürdig, dass diese Frage 9 Jahre wieder als  Titel eines Fireside Chats mit Philipp Schindler, dem mächtigsten Rheinländer im Google-Konzern, auftaucht.

Was würde Google tun, um die europäische Internet-Industrie nach vorne zu bringen? Das sei so, lästert Ex-Bild-Chefredakteurin und Fireside-Counterpart Tanit Koch, als würde man einen Fuchs darum bitten, Hühnern (Über-)Lebenstipps zu geben.

Das Verhältnis zwischen dem US-Konzern und europäischen Politikern und Medienmanager ist seit dem Jarvis-Buch nicht besser geworden. Pech für Google: Kurz vor dem Schindler-Auftritt stimmten die EU-Parlamentarier für eine Reform des Urhebergesetzes und ein europäisches Leistungsschutzrecht. Demzufolge sollen Google und YouTube Künstler bezahlen, wenn deren Inhalte auf ihren Plattformen angeboten werden. Die Medienverbände jubeln, Dmexco-Mitveranstalter BVDW sieht eine „Grenze überschritten“ und spricht von einem „unverhältnismäßigen Eingriff in die Meinungsfreiheit im Netz.

Und Philipp Schindler? Der SVP & Chief Business Officer sagt: „Das ist eine schlechte Entscheidung für Kreative, Start-ups, Europa.“ Auf die Frage von Tanit Koch, ob Europa besser bei Regulierung als bei Innovation sei, antwortete Schindler: "Europe's definitely likes to regulate certain areas".

Die Business-Relevanz Künstlicher Intelligenz

Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben. Vielleicht brauchen Unternehmen eines Tages nicht nur einen Chief Digital Officer, sondern einen Artificial Intelligence Officer. Bis dahin wird auf vielen Kongressen noch gestritten werden, was KI eigentlich ist.  Dass das Thema selbst bei Digitalspezialisten von vielen Ungewissheiten geprägt ist , zeigt eine BVDW-Studie. Zwar sagen 78 Prozent der befragten Mitgliedsunternehmen, KI sei "wichtig" oder "eher wichtig"; 59 Prozent rechnen mit höheren Umsätzen dank Machine Learning und Automation. Gleichzeitig sagen 52 Prozent, dass ihr Unternehmen nicht in der Lage sei, das Potenzial von KI "voll" auszuschöpfen.

Zum Glück kam jemand nach Köln, der sich mit KI ausgekennt. Alex Cheng, Vice President Baidu zeigt am Beispiel der Open Source-Plattform Baidu Apollo, wie die Kombination von Künstliche Intelligenz und Face Recognition hilft, dass Lastwagenfahrer während der Fahrt nicht einschlafen. Ein anderes Baidu-Beispiel: ein Handflächen großer Wifi-Translator, der es ermöglicht, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Sprachen fast in Echtzeit unterhalten können.  Der Google-Übersetzer sieht dagegen ganz alt aus.

 

Die Zwischenbilanz der Dmexco-Macher

Drei Alternativstrategien für die neue Dmexco waren im Vorfeld intern diskutiert worden. Die Neupositionierung als Festival kam genauso wenig in Frage wie die Ausweitung zu einer viertägigen Mammutveranstaltung. Im ersten Fall, weil der Businesscharakter flöten gegangen wäre (und eine Differenz zur OMR nicht kaum mehr feststellbar gewesen wäre).

Dmexco 2018: Die Bilder vom ersten Tag


Im zweiten Fall, weil der Besuch der Messe für viele Teilnehmer und Aussteller viel zu teuer geworden wäre – die obszön hohen Zimmerpreise sorgen seit Jahren für Ärger. So entschied sich das Dmexco-Team für Variante drei: Aus der Messe soll ein Medium werden. „Action 365 Tage im Jahr“, schwebt dem Chief Advisor vor. "Die Dmexco 2018 entfacht eine Diskussion über die Zukunft der digitalen Wirtschaft", loben sich die Veranstalter in einer Pressemitteilung nach Tag 1. Manchmal hätten die Diskussionen kontroverser ausfallen können. Und bis zum Medium ist es für die Messe Dmexco noch ein weiter Weg. Aber ein Anfang ist am 12. September 2018 gemacht worden.




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